Startseite
Icon Pfeil nach unten
Allgäu
Icon Pfeil nach unten

Wertvolle Unterstützung

Lindenberg / Lindau

Wertvolle Unterstützung

    • |
    • |

    Die Großfamilie ist ein aussterbendes Modell. Was, wenn die Mutter plötzlich krank wird, die Kinder nicht mehr versorgen kann, der Vater aber arbeiten gehen muss? Familienpflegerinnen sind in solchen Fällen Gold wert. Doch ihr Einsatz ist nicht einfach.

    "Wir betreuen mittlerweile auch viele Alleinerziehende", sagt Lucia Giray, Einsatzleiterin beim Familienpflegewerk Lindenberg/Lindau. Die Anrufer, die sich dort melden, haben in der Regel ein großes Problem: Die Mutter, der Vater oder beide fallen aus. Wer versorgt bei den immer unregelmäßigeren Arbeitszeiten die Kinder oder pflegebedürftige Angehörige?

    Selbst wenn der Arzt den Einsatz verordnet hat, ist noch nicht alles in Butter: Die Krankenkassen, genauer gesagt, deren medizinischer Dienst, ist für die Genehmigung zuständig. Das kann dauern, und so kommt es vor, dass Lucia Giray ihre Familienpflegerinnen auch ohne Genehmigung der Krankenkassen in die Familien, in denen es brennt, schickt - in der Hoffnung, dass die Kasse den Einsatz nachträglich genehmigt.

    Ohnehin sind die Familieneinsätze ein Verlustgeschäft: Die Gebühren, die das Familienpflegewerk von den Kassen bekommt, decken dessen Kosten nur zu rund zwei Dritteln. Ein Drittel muss aus Zuschüssen und Spenden aufgebracht werden.

    Weil die Krankenkassen weniger Stunden genehmigten, sei es "täglich ein immens großer Organisationsaufwand, alle Familien zu versorgen", sagt Lucia Giray. Mittlerweile sei es fast schon die Regel, dass eine Familienpflegerin zwei bis drei Familien pro Tag betreue. Und weil bisweilen Familien nicht einfach seien, es zunehmend schwierige, verhaltensauffällige Kinder gebe, bringe die Arbeit teils starke psychische Belastungen mit sich.

    Sonja Glaser, eine ihrer Familienpflegerinnen, fügt an: "Wir geben unser Bestes. Oft wissen wir aber: Wenn wir wieder weg sind, ist alles beim Alten. Das ist dann schon übel, besonders für die Kinder, und vor allem dann, wenn noch keine Kindswohlgefährdung vorliegt, wir also an unsere Schweigepflicht gebunden sind."

    Besonders schlimm ist es für die Mitarbeiterinnen des Familienpflegewerks, wenn eine Frau, die Kinder hat, während eines Einsatzes stirbt - den Fall hatten sie erst kürzlich wieder. Dann nämlich gibt es keine Kostenübernahme mehr für eine Haushaltshilfe - für Einsatzleiterin Lucia Giray "völlig unverständlich". Rein theoretisch müsste sie die Familienpflegerin abziehen, "doch das kann ich nicht verantworten".

    Also schaut sie, wie sie aus Spendengeldern, beispielsweise von Frauenbundmitgliedern, den Einsatz weiterfinanziert, "so lange, bis die Familie wieder einen einigermaßen geregelten Alltag hat".

    Zur Taufe eingeladen

    Bei 115 Familien haben die neun Mitarbeiterinnen von Lucia Giray im vergangenen Jahr 7665 Stunden gearbeitet. Sonja Glaser beispielsweise kümmerte sich wochenlang um Haushalt und Kinder, zunächst acht Stunden täglich, dann vier - so lange, bis die schwangere Mutter wieder so weit fit war, dass sie keine fremde Hilfe mehr brauchte. Aus dem Einsatz hat sich übrigens eine Freundschaft entwickelt. So ist klar, dass Sonja Glaser mitfiebert, bis das dritte Baby, das sie ja mitbetreut hat, auf der Welt ist. Die dreijährige Tochter hat ihr schon beschieden: "Du bist auf jeden Fall zur Taufe eingeladen."

    Diskutieren Sie mit
    0 Kommentare
    Dieser Artikel kann nicht mehr kommentiert werden