Phantom der Oper verbreitet Lustlosigkeit in Immenstadt Von Christoph Pfister Immenstadt Mehr als Höflichkeitsbeifall konnte das Europa Musical Theater bei seinem Abstecher ins Oberallgäu nicht einheimsen. Mehr hatte die reisende Truppe für ihr Phantom der Oper auch nicht verdient: Das Drama um die Schöne und den Schaurigen konnte weder mit Spielfreude glänzen noch mit Dauer-Spannung sein großes Publikum in Bann ziehen. Wer sich ein Sujet vornimmt, das Andrew Lloyd Webber berühmt gemacht hat, muss denn auch mehr bieten als einen bunten Cocktail musikalischer Versatzstücke, als eine neue Mischung bekannter Klischees. Schöpferische Kraft versiegt Risikofreude darf man Arndt Gerber durchaus bescheinigen, der ein neues Phantom in Musik gesetzt hat. Einige hübsche, wenngleich nicht gerade große Melodien nach schon klasssischer Musical-Manier sind darunter, französische Idioms in Variationen, ein paar Anleihen hier, Anklänge dort - die schöpferische Kraft versiegt bald, die Schatten des berühmten Vorbilds bleiben übermächtig. Das Orchester osteuropäischer Provenienz, tourneeökonomisch knapp bestückt, schien auch nicht gerade begeistert von dem zu sein, was auf den Notenpulten lag: Bravlaues Plätschern im abgewrackten Opernbau statt schön-schaurigem Glitzern im See tief unter dem Palais Garnier, Lustlosigkeit (vom Dirigenten János Kovács geradezu provoziert) statt Liebesleid. Die Textbücher von Paul Wilhelm dürfen wenigstens für sich in Anspruch nehmen, deutsch geschrieben worden zu sein, ansonsten nichts Neues - Gaston Leroux hat ja mit seinem 1910 erschienenen Roman die Story schon perfekt geliefert. Regisseure für Reisebühnen lassen sich - Einschränkungen zum Trotz - bisweilen herausfordern, Spaß und Spannung mit einfachen Mitteln zu erzeugen.
Im vagabundierenden Phantom der Oper beließ es Hendrik Martin beim Mittelmaß, schälte den wunderbaren und dramaturgisch dankbaren Kern der Geschichte nur ansatzweise heraus. Mag sein, dass das Phantom mehr gestörter Psychopath, denn heißer Liebhaber ist, seine Maske die vielen Unsicherheiten kaschieren soll. Felix Müller gibt seiner Rolle offensichtlich diesen Anstrich, bringt wenigstens einen Hauch Bravour in seine Arien, wenngleich Fiktion (der Tontechnik) und Wirklichkeit nicht zweifelsfrei zu trennen sind. Gar herzlich lieb und leider ohne Furcht und Tadel ist Katrin Kochendoerfer als die junge Sängerin Christine Dae, die das Phantom für sich gewinnen will. Warm und angenehm füllig, doch nicht ganz jung die mittleren Stimmlagen, nicht frei von Problemen beim Übergang in die Höhen, bleibt auch ihr Szenenapplaus mager. Eine Truppe Routiniers Mehr Kontur und Spritzigkeit verleiht Olivier Molina ihrem echten Freund. Die Widersacherin Madame Carlotta erfährt in Sabine Dombrowsky stimmlich und spielerisch die beabsichtigte Überzeichnung. Das Gegenstück zum Künstlervolk mimt Hanns Dieter Braun als Pförtner Philippe: Galant, doch glatt, an Philosophen aus Komödienstadeln gemahnend. Der Rest der Truppe Routiniers, die Rollen gut erfüllen, doch wenig leben. Phantom der Oper vom Europa Musical Theate - die vertane Chance, eine wirklich packende Story lebendig auf die Bühnenbretter zu stellen - und ein gutes Stück Zumutung für die Hörer auf den teuren Plätzen: Gewaltige Lautstärken von links im Ohr, Musiker und Pultbeleuchtungen