Heimatreporter-Beitrag
Kontroll-Taskforce für Pflegeeinrichtungen: Ein Schlag ins Gesicht für die Pflegebranche

Pflege (Symbolbild)
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Redaktioneller Hinweis: Dies ist ein Heimatreporter-Beitrag. Er spiegelt die Meinung des Verfassers wider. 

Maritta Hartmann Einrichtungsleitung und Pflegedienstleitung im AllgäuStift Josefsheim in Röthenbach fühlt sich von der Politik im Stich gelassen. Die Einführung der Taskforce wird nichts verändern.

Hartmann möchte auf die Situation in den Pflegeheimen aufmerksam machen. „Ich möchte Sie mitnehmen, die Situation aus der Sicht der Bewohner, Angehörigen und Mitarbeiter zu sehen.“

Die Situation für Bewohner und Angehörige

Stellen Sie sich vor, Ihre Mutter ist in einem Pflegeheim. Ganz zu Anfang der Corona-Pandemie konnten Sie Ihre Mutter gar nicht besuchen. Kontakt war nur per Skype oder durch eine Scheibe möglich. Seit 09.05.2020 dürfen Sie Ihre Mutter wieder besuchen. Sie tragen MNS und halten 1,5 m Abstand. Ihre Mutter hört schlecht – ein Gespräch ist fast nicht möglich. Ihre Mutter ist an Demenz erkrankt, die schon weiter fortgeschritten ist. Sie wird Sie mit der Maske nicht erkennen. Kommunikation bei fortgeschrittener Demenz findet vor allem über Berührungen statt. Diese sind nicht erlaubt, keine Umarmung, kein Händeschütteln, keine Berührung. Für alle Beteiligten ist das unglaublich bitter und frustrierend und zutiefst unmenschlich. Trotzdem halten sich alle Angehörigen an die bestehenden Regeln.

Die Situation der Mitarbeiter

Die Mitarbeiter arbeiten durchgehend mit MNS, erst aus Stoff, dann OP-Masken, jetzt FFP2 Masken. Aufgrund von KH-Aufenthalten und Neueinzügen befinden sich immer 1-3 Bewohner in Quarantäne, die mit Schutzkleidung zu versorgen sind. Täglich muss bei allen Bewohnern die Temperatur gemessen werden und Corona-Symptome abgefragt und dokumentiert werden. Jeder Mitarbeiter misst vor Dienstbeginn bei sich die Temperatur und dokumentiert dieses.

Ein Mitarbeiter ist voll damit beschäftigt, die Besuche zu koordinieren und durchzuführen. Mitarbeiter sind immer wieder in Quarantäne, weil sie Kontaktpersonen waren. Bei jedem kleinsten Anzeichen einer Erkältung bleiben die Mitarbeiter zu Hause, müssen sich testen lassen und das Ergebnis abgewartet werden, manchmal dauert es bis zu 3- 4 Tage. Erst dann kann der Mitarbeiter wieder arbeiten. Das bedeutet, das verbleibende Team muss alle Dienste auffangen, ohnehin schon die knappen freien Tage opfern…

Immer neue Verordnungen

Seit Anfang Dezember müssen alle Mitarbeiter zweimal wöchentlich getestet werden. Besucher müssen ebenso getestet werden, sonst dürfen sie die Einrichtung nicht betreten. Eine geschulte Pflegekraft muss dafür abgestellt werden. Bei 30 Tests je Pflegeplatz / Monat unter Annahme ein Test dauert ca. 20 Minuten, bedeutet dies für unsere Einrichtung ca. zwei Vollzeitstellen für die Schnelltests (Synergieeffekte und schnelleres Arbeiten bereits eingerechnet).

Immer neue Bestimmungen und Verordnungen müssen eingeführt, durchgeführt und dokumentiert werden, oft von einem Tag auf den anderen.

Hartmann: "Haben keine zusätzlichen Kapazitäten"

Was ich hier deutlich machen will, ist, dass wir alle, die in den Pflegeinrichtungen arbeiten, unser Bestes geben, sonst würde es schon lange nicht mehr funktionieren. Jeder, der in diesem Bereich arbeitet, tut alles dafür, um die Bewohner zu schützen und aber auch noch ein kleines Stück Lebensqualität für die Bewohner zu erhalten. Was ich aber auch deutlich machen möchte ist, dass wir bei einem Ausbruchsfall keine zusätzlichen Kapazitäten haben werden.

Zu wenig Personal in den Heimen

Warum bei einem Ausbruchsgeschehen so viele Heimbewohner sterben, liegt sicher auch daran, dass bereits vor Corona zu wenig Personal refinanziert wurde, um die Bewohner adäquat zu pflegen. Ein kranker Bewohner benötigt viel Pflege: Bei Fieber kann sich innerhalb weniger Stunden ein Druckgeschwür bilden. Der Bewohner sollte mehr trinken, ist aber selber zu schwach dazu, bei Durchfällen muss der Bewohner öfters frischgemacht werden usw.

Bei einem Ausbruchsfall müssen die Mitarbeiter in Quarantäne oder sind selber betroffen. Wer soll die Bewohner versorgen? Das Problem kann die Einrichtung nicht aus eigener Kraft lösen.

Politik nimmt Situation nicht ernst

Von der Politik kommt erst mal keine Hilfe. Ich bekomme die Auflage, dass ich erst in anderen Einrichtungen nachfragen muss, ob diese Personal zur Verfügung stellen können. Da sieht man, dass die Politik die Situation in den Pflegeeinrichtungen noch immer nicht ernst nimmt. Ich kenne keine Einrichtung, die Personal übrig hat. Aber vielleicht bin ich nicht richtig informiert?!

Jetzt werden 200 Mitarbeiter (zum großen Teil Pflegekräfte!) in eine Taskforce eingebunden, die uns kontrolliert. Statt diese Pflegekräfte ans Bewohnerbett zu stellen, dort wo Hilfe nötig ist und wo sie etwas erreichen könnte, wird noch eine weitere Kontrolleinheit gegründet.

Pflege-Einrichtungen werden im Stich gelassen

Die Einrichtungen werden nicht nur alleine gelassen, sondern damit weiter unter Druck gesetzt. Wir arbeiten mit Menschen für Menschen – einen Ausbruchsfall zu verhindern, liegt auch nach Expertenmeinung nicht in unserer Macht. Wir können das Risiko minimieren, was wir seit März unter Beweis stellen.

Die Einrichtung einer Taskforce stellt uns alle unter Generalverdacht – sie ist ein Schlag ins Gesicht für alle, die sich jeden Tag für die Pflegebranche abmühen.

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