Bergunfälle
Nesselwanger Bergwachtler arbeitet bei Krisen-Interventions-Dienst mit

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«Ich habe mir nicht vorgestellt, dass die Aufgabe so schwierig ist», sagt Gerhard Fricke. Er ist der einzige Ostallgäuer im 15-köpfigen Team des Krisen-Interventions-Dienstes (KID) der Bergwacht Allgäu (siehe Info). Sein Einsatzgebiet erstreckt sich von Steingaden bis Oberstaufen. Unter der Woche, wenn berufstätige Kollegen nicht zur Verfügung stehen, wird der Ruheständler besonders häufig angefordert. Zum Beispiel wenn nach dem alpinen Rettungseinsatz die Totenbergung ansteht oder eine Todesnachricht zu überbringen ist.

Grausame Nachrichten

Zwischen fünf und 15 Mal pro Jahr ist der Nesselwanger Bergretter im Einsatz. «Unsere Aufgabe im KID-Team ist es, den Kontakt mit Angehörigen und Tourenpartnern zu suchen und ins Gespräch zu kommen. Die fallen meistens in ein tiefes Loch, wenn sie die Todesnachricht erfahren. Da gilt es, die richtigen Worte zu finden, sie zu stabilisieren und zu helfen, das Geschehen zu verkraften», erläutert Fricke. Im Februar 2010 sei er mit einem Kollegen zu einem Lawinenunfall am Fellhorn gerufen worden. Zwei Variantenfahrer aus einer belgischen Skigruppe waren von einer Lawine verschüttet worden. Einer wurde noch am selben Abend tot geborgen. Die Suche nach dem andern musste wegen einbrechender Dunkelheit eingestellt werden.

«Es war enorm schwer zu erklären, warum die Suche abgebrochen werden musste und nur noch geringe Überlebenschancen bestehen», erinnert er sich. Die Gespräche dienen auch dem Zweck, die Betroffenen von den Rettungskräften fernzuhalten, damit sich diese auf den Einsatz konzentrieren können. «Schuldzuweisungen wären in einer solchen Situation der größte Fehler. Das ist auch nicht Aufgabe der Bergwacht», betont Fricke. Manchmal belaste ein Unfall Angehörige so sehr, dass sie professionelle Hilfe in Anspruch nehmen müssten. Schlafstörungen, Selbstvorwürfe bis hin zu Suizidgedanken seien die Folge.

Einen Vater habe man keine Minute aus den Augen lassen dürfen, der mit seiner zwölfjährigen Tochter gegen den Willen der Mutter den Mindelheimer Klettersteig gegangen sei. Am Ende der Tour, im Bereich des Kempter Köpfl, habe der Vater auf Seilsicherung verzichtet und das Kind sei tödlich abgestürzt, berichtet Fricke: «Wir haben den Mann in Oberstdorf bei einer Bekannten untergebracht, bei der ich mir sicher war, dass sie die ganze Nacht mit ihm spricht.» Als Einzelner sei eine solche Arbeit nicht zu leisten, daher sei man in der Regel zu zweit unterwegs. Auch, wenn eine Todesnachricht zu überbringen ist. Abschied nehmen sei sehr wichtig, sagt Fricke und bietet den Betroffenen an, sie zur Aufbewahrungshalle zu begleiten. Das werde in der Regel dankbar angenommen.

Manchmal müssten auch die Einsatzkräfte psychisch betreut werden. Vor allem junge Bergwachtler seien stark belastet, wenn sie jemanden bergen müssten, der mehrere hundert Meter abgestürzt und völlig zerschmettert sei. Auch die KID-Männer selbst bedürfen bei ihrer schwierigen Mission der Betreuung und fachlichen Unterstützung und stehen in ständigen Kontakt zu Psychologen. «Die Aufgabe ist schwierig, aber dankbar, wenn man in den Augen eines Betroffenen wieder ein Leuchten sieht», wünscht sich Fricke, dass erfahrene Bergwachtler aus anderen Ostallgäuer Bereitschaften sich zur Verfügung stellen.

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