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Handwerk
Alfred Opiolka bemalt Särge in Wertach: Das Normalste, was es auf der Welt gibt!

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Seine Hand ist ruhig. Mit der Präzision eines Herzchirurgen bemalt Alfred Opiolka den Kindersarg. Es wird ein Schmetterling, sagt der 54-Jährige, zwischen Zeigefinger und Daumen einen ein Millimeter dicken Pinsel führend. Die Bewegungen Opiolkas sind bedacht und filigran. Hier entsteht ein Unikat. Es ist bereits bestellt, sagt der Künstler.

Der gebürtige Pole lebt seit über 40 Jahren in Deutschland und betreibt den Sargladen Opiolka in Wertach. Zu den Werken des gelernten Wand- und Fassadenmalers gehören neben Särgen für Erwachsene oder Schreinen für Frühchen auch Urnen oder Kreuze. Ein Sargladen ist im Grundsatz nichts anderes als ein Käse- oder Jeansladen, sagt Opiolka: Es ist das Normalste, das es auf der Welt gibt. Jeder von uns arbeitet täglich auf den Tod hin. Die Substanz seiner Botschaft ist bestimmt: Mir ist es wichtig, das Thema Tod nicht mehr außergewöhnlich wirken zu lassen.

Die Wurzel dieser Auffassung reicht zurück bis in die 90er Jahre. In Wiesbaden habe er einen Auftrag für die Gestaltung einer Trauerhalle bekommen, wie sich Opiolka erinnert: Diese Aufgabe hat mich in all den Jahren am meisten ergriffen. Es ist ein großer Unterschied, ob man ein Wohnzimmer gestaltet oder einen sakralen Raum. Nach der Fertigstellung der Trauerhalle machte der Künstler in dieser Richtung weiter. Ich konnte mich fortan dem Thema öffnen, sagt Opiolka. Nach einer weiteren Kunstausstellung, auf der der Künstler Schreine präsentierte, war die Idee für den Sargladen geboren.

Danach betrieb Opiolka ab 2005 den Sargladen in der Kemptener Innenstadt. Eher aus Platzgründen zog der Laden nach Wertach um. Zwei Jahre lang führte er zudem ein weiteres Atelier in der Toskana. Anders als früher hat der Sargmaler heute allerdings kaum mehr Laufkundschaft. Das läuft meist über Mundpropaganda, sagt Opiolka: Wenn jemand eine Bestattung mit meinen Schreinen erlebt hat, verbreitet sich das wie ein Lauffeuer – immerhin ist es eine sehr außergewöhnliche Art der Bestattung.

Noch. Denn der 54-Jährige bemüht sich, den Menschen ein gesundes Verhältnis zum Tod zu vermitteln. In den ersten Jahren war ich noch der verrückte Sargmaler, das ist heute schon etwas anders, sagt Opiolka und fügt mit einem Schmunzeln dazu: Trotzdem kann ich von den Särgen nicht leben. Auch deshalb bezieht er seinen Hauptertrag weiterhin aus der Raum- und Fassadengestaltung. Und das obwohl seine Särge bis zu 3.800 Euro kosten. Das Geld spielt dabei keine Rolle. Ich mache das von Herzen gern, sagt Opiolka: Meine Schreine bringen die Menschen, trotz des Schmerzes in einer emotionalen Ausnahmesituation, zum Lächeln. Das tut gut.

Seine Särge lässt der Künstler bauen. In seinem Atelier, wo Gemälde und Schmetterlinge aus Bronze und Pappe die Wände zieren, bemalt Opiolka die Holzstücke. Das fertige Produkt wird an den Kunden ausgeliefert. Ein paar Modelle hat der 54-Jährige auf Lager, macht aber auch viel im individuellen Kundenauftrag. Dazu muss ich viel über den Verstorbenen wissen, oder auch ein Foto von ihm haben. Gänseblümchen, Schmetterlinge oder Taufsprüche: Die Wünsche sind dabei vielfältig. Ich arbeite sowohl mit kranken als auch mit gesunden Menschen, die vorausdenken an den Tag, der einmal kommen wird.

Allein was das Motiv betrifft, kennt der Wandmaler seine Grenze. Einen Porsche würde ich niemals auf einen Sarg malen, sagt Opiolka: Dafür bin ich nicht geeignet. Wie sein eigener Sarg aussehen soll, weiß Opiolka auch schon. Große Schmetterlinge auf grün-gelbem Holz, sagt der Künstler: Ich habe ihn tatsächlich schon bemalt. Momentan ist er aber verkauft, also muss ich noch eine Weile durchhalten.

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