Bergsteigen
Michael Schott aus Bolsterlang bezwingt nach Nieren-Transplantation Siebentausender

Auch im Oberallgäu gibt es zahlreiche Sportlerinnen und Sportler mit Handicap. In einer Serie stellen wir Menschen vor, die mit Sport wieder zurück ins Leben gefunden haben und denen regelmäßige körperliche Aktivität ein Stück Lebensqualität gibt.

Der trockene Mund. Das sei unangenehm gewesen. Denn trinken sollte er möglichst wenig, nicht mehr als einen Liter am Tag. Das war die Zeit, als Michael Schott (51) zur Dialyse musste: drei Mal die Woche für jeweils vier Stunden. Was ihn aber nicht davon abhielt, zum Beispiel nach Bolivien zu fliegen und dort am Berg sechs Kilometer in die Höhe zu steigen. Drei bis vier Tage sei er da ohne Probleme unterwegs gewesen.

Körperlich hat er nichts gemerkt. Bis auf die Mundtrockenheit. War das nicht gefährlich? Schott, der bis heute als Bergführer aktiv ist, lächelt: 'Passieren kann immer was.' Gefährlicher wäre ein Unfall gewesen. Sicher, so eine Tour müsse gut vorgeplant und auch vorfinanziert werden. 'Aber ich wusste ja sehr gut Bescheid', erzählt der dunkelhaarige drahtige Sportler. Man müsse schon behutsam und vorsichtig vorgehen.

Nach einigen Tagen hat er eine Dialysestation in La Paz aufgesucht. Klar, zehn Tage keine Dialyse und Party machen, das bedeutet den Tod. 'Aber ein Starkstromtechniker sollte auch nicht an die falsche Schraube langen', meint Schott lässig.

Von den Bergen fasziniert

Die Berge haben den Diplom-Betriebswirt 'Touristik' schon früh fasziniert. Nicht von Kindesbeinen an. Da waren die Berge eher lästig, regelrecht im Weg, wenn er mit dem Fahrrad einen Freund aufsuchen wollte. Geboren ist Michael Schott in Ofterschwang, aufgewachsen in Bolsterlang. Aber sehr früh habe es ihn interessiert, Natur zu erleben, draußen zu sein. Im Winter ging’s die Skipisten hinunter, im Sommer in den Wald. Baumhäuser baute er mit seinen Kameraden, warf Tannenzapfen auf Kurgäste.

Das Interesse am Fels weckten in den letzten Jahren auf dem Oberstdorfer Gymnasium einige Freunde, die im Alpenverein waren und nach der Schule Kletterpartien im 'Klingebichl' veranstalteten, einem alten Steinbruch in der Nähe. Was gefiel ihm am Klettern? Schott überlegt einen Moment: der Kontakt mit dem Fels, die Herausforderung, etwas zu schaffen, was anfangs so aussieht, als ob es nicht geht. Ja, auch das Überwinden von Ängsten, der Nervenkitzel.

Klettern Mittel zum Zweck

Mit 16 zog Schott nach Kirchheim/Teck, legte dort später sein Abitur ab. Auch hier habe es viele Sportkletterfelsen gegeben. Das routenfreie Klettern ohne Haken sei ein Trend gewesen, der aus Amerika kam. 'Free solo', also Klettern ohne Sicherung, hat er ganz selten gemacht, nur bei Strecken, die er gut kannte. Überhaupt sei beim Klettern nie das Ziel gewesen, Höchstleistungen zu erbringen, den nächsten Schwierigkeitsgrad zu schaffen. Das Klettern war und ist für ihn immer Mittel zum Zweck: Training und Vorbereitung für die größeren Touren.

Blut im Urin

Als er mit 19 'gemustert' wurde, erfuhr er zu seiner Überraschung, dass 'an den Nieren etwas nicht stimmt'. Im Urin fanden die Ärzte Blut und Eiweiß, hatten jedoch keine Erklärung. Aber er wurde als tauglich eingestuft - für alles, nur nicht für das Gebirge. Das hat ihn geärgert, und so entschied er sich für den Zivildienst. In dieser Zeit lief er von einem Arzt zum anderen, aber 'keiner fand so richtig was'. Bis er an einen älteren Mediziner geriet, der sich während seines Studiums zufällig mit 'so was' beschäftigt hatte.

Die Diagnose lautete: Glomerulonephritis, eine Autoimmunerkrankung. Der Körper zerstört die Nierenkörperchen. Der Verlauf, so erfuhr der junge Mann, sei unterschiedlich. Mal schleichend, mal plötzlich, mal bleibt die Erkrankung auf einem Level stehen, und man könne steinalt werden. Die Ursachen seien bis heute nicht geklärt. Der Arzt empfahl ihm regelmäßige Kontrollen. 'Mir ging’s prächtig', erinnert sich Schott, der nach dem Zivildienst ein Chemiestudium in Ulm begann.

Im Eis und Fels unterwegs

Das Klettern ließ ihn nicht los. Er war im Blautal unterwegs, überhaupt sei die gesamte Schwäbische Alb ein hervorragendes Sportklettergebiet. In dieser Zeit absolvierte er die dreijährige Ausbildung zum staatlich anerkannten Bergführer. Er machte Skitouren, kletterte in Eis und Fels, lernte Methoden und Didaktik. Er war dann als freier Bergführer für verschiedene Büros tätig, führte Gruppen und Einzelpersonen, in den Westalpen, in den Ostalpen. Er plante und begleitete Touren in Nepal und Südamerika. Und er stellte zweierlei fest: 'Das macht Spaß, und Chemie ist nicht so meine Welt.'

Er war Ende 20, als er sich Gedanken über seine weitere Zukunft machte. Jetzt, wurde ihm klar, habe er eine 'super Zeit'. Aber Ende des Sommers war er der vielen Touren doch etwas überdrüssig. Das ständige Leben aus dem Kofferraum ging ihm auf die Nerven. Mit 50, war er sich sicher, wollte er das nicht mehr machen. Er suchte etwas, das die Tätigkeit eines Bergführers ergänzt, und entschloss sich zu einem Studium der Touristik in Heilbronn. Denn viele Bergführer, so hatte er bemerkt, hätten öfters ein bisschen Probleme, sich zu organisieren, Rechnungen zu schreiben, Touren selber zu planen.

Sein Ziel: die Alpen entdecken und die Berge der Welt. Die schwersten Touren hat er gemacht. So plante er auch 1991 wieder eine Exkursion nach Nepal. Aus einem unerfindlichen Grund ging er vorher nochmals zur Kontrolle. Nicht, dass er irgendeine Beeinträchtigung gespürt hätte. Der untersuchende Arzt schüttelte den Kopf: 'Herr Schott, das kann nicht sein, die Werte sind unten, damit können Sie eigentlich keine Treppe mehr hochsteigen.' Der Arzt tippte auf einen Messfehler, wiederholte die Untersuchung am nächsten Tag: Am Ergebnis änderte sich nichts. Zwei Tage später fand in Heilbronn die erste Dialyse statt.

Seine Reaktion? Er sei gelassen gewesen. Geärgert hat er sich nur, dass er die Nepaltour absagen musste. Aber er plante dann einfach um. Und letztendlich akzeptierte er seine Krankheit. Er hat ja gewusst, dass was passieren könne. Aber er stellte niemals die Frage: 'Warum ich?'. Eine 'Vollkasko-Mentalität' sei ihm immer fremd gewesen, jemandem die Schuld zu geben, nur um nicht selber in den Spiegel gucken zu müssen. 'Man muss das akzeptieren und sich arrangieren.'

Die Dialyse hat nicht gestört

Im Studium hat ihn die Dialyse nicht gestört. Er konnte lesen, sich ausruhen: 'Mir ging’s gut dabei.' Gut getan hat ihm auch der Sport: Er konnte relativ normal trinken, weil er vieles ausgeschwitzt habe. Ja, er hat seine Ernährung etwas umstellen müssen, denn Kalium sei recht gefährlich gewesen in seiner Situation. Ein Zuviel davon hätte zu Herzproblemen führen können.

Also ließ er die geliebten Bananen weg, verzichtete auf Trockenobst und Aprikosen. Und direkt nach der Dialyse konnte er auch keinen anstrengenden Sport machen: Bei der Dialyse werde ja dem Körper Flüssigkeit entzogen, er werde regelrecht ausgetrocknet. Und das könne auf den Kreislauf gehen. Wirklich lästig sei aber doch die zeitliche Eingebundenheit gewesen. Vor allem später, als er in München seine berufliche Karriere bei einem Trekking-Veranstalter startete. Aber da verlegte er die Dialysetermine kurzerhand auf den Feierabend.

Mit dem Beginn der Dialyse im Jahre 1991 hat sich Michael Schott auch auf die Warteliste für eine Nierentransplantation setzen lassen. 'Das ist das Mittel der Wahl', sagt er. Es war sieben Jahre später ('durchschnittliche Wartezeit'), als er in der Früh einen Anruf von seinem Dialysezentrum in München erhielt. Es stehe eine passende Niere zur Verfügung. Seine Reaktion sei verhalten gewesen. Aber es ging alles gut. Nach sechs Tagen konnte er wieder nach Hause.

Drei Liter am Tag

Ein, zwei Wochen sei er noch eingeschränkt gewesen. Die Medikamente unterdrücken die Immunabwehr. Er durfte wegen der Ansteckungsgefahr anfangs nie mit dem Zug oder der Straßenbahn fahren, nicht in Konzerte oder öffentliche Schwimmbäder gehen, keine Gartenarbeit verrichten. Aber es war 'schon ein Genuss', nicht mehr zur Dialyse zu müssen. 'Es ging mir sehr gut', fasst er seine Erinnerungen zusammen. Allenfalls sei es ihm schwergefallen, jetzt plötzlich viel zu trinken - drei Liter am Tag wurden ihm empfohlen. 2002 lernte er seine jetzige Frau Ulrike kennen, eine Grafikerin aus München.

Sie hatten sich zufällig bei einem Event auf der Piste getroffen, an dem er als Marketingleiter für das Trekking-Unternehmen teilnahm. Sie fiel ihm sofort auf: 'Sie war die Einzige, die vernünftig Skifahren konnte.' 2004 stellten die Ärzte fest, dass seine Autoimmunerkrankung auch die transplantierte Niere zerstört hatte. Michael Schott musste wieder an die Dialyse.

Einige Jahre war das sogar angenehm, weil er ein Gerät zu Hause hatte und von seiner Partnerin betreut werden konnte. Im Oktober 2011 fand die zweite Transplantation statt. Auch dieses Mal ging der Eingriff gut aus.

Vor drei Jahren Vater geworden

Hat er Angst, dass auch das neue Organ irgendwann zerstört wird? Schott zögert keine Sekunde. Nein, er habe keine Angst: 'Ich genieße jeden Tag, lebe möglichst im Hier und Jetzt.' Vor vier Jahren hat das Paar ein Haus in Bolsterlang gebaut, vor knapp drei Jahren wurde sein Sohn Max geboren. Vor einem Jahr beendete er seine Tätigkeit bei dem Münchner Trekking-Unternehmen, bei dem er zuletzt als Geschäftsführer tätig war.

Im Moment mache er das, was ihm Spaß macht. Er unterstützt seine Frau in der Werbeagentur, er ist weiterhin als Bergführer unterwegs. Seine letzte größere 'Sache': im Januar die Besteigung des Aconcagua, fast 7000 Meter hoch, in Argentinien. Michael Schott lächelt: 'Jeder Tag ist ein Geschenk.'

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