Geschichte
Sensible Aufarbeitung eines dunklen Kapitels

In London wurde in den vergangenen fünf Jahren Oberstdorfer Geschichte geschrieben, denn dort, wo Angelika Patel seit Langem zu Hause ist, entstand der fünfte Band zur Ortschronik Die gebürtige Oberstdorferin recherchierte unermüdlich mit viel Unterstützung aus der Heimat, entdeckte in ganz Europa Gesprächspartner, stöberte in Archiven und lauschte den Zeitzeugen. Das Ergebnis: «Ein Dorf im Spiegel seiner Zeit - Oberstdorf 1918 - 1952», ein wissenschaftlich fundierter, 392 Seiten umfassender Band mit etlichen Fußnoten und über 200 Abbildungen, der jetzt im bis auf den letzten Platz gefüllten Saal im «Oberstdorf Haus» präsentiert wurde.

Bürgermeister Laurent Mies bedankte sich für die «großartige ehrenamtliche Arbeit», die in diesem umfangreichen Buch steckt, das sich in Stil, Aufmachung und Format von den bisher erschienenen Bänden unterscheidet. Die Autorin habe sich der schwierigen Jahre 1918 bis 1952 besonnen und sensibel angenommen. Viele Oberstdorfer hätten Erinnerungen und Schriftstücke zur Verfügung gestellt, um der Germanistin und Historikerin bei den Forschungen zu helfen. Vor allem das Oberstdorfer Team mit Eugen Thomma, Thaddäus Steiner, Albert Vogler, Thomas Kretschmer und Heidi Bromberger habe engagiert an der Fortschreibung der Chronik mitgewirkt.

Eugen Thomma plauderte « aus dem «Nähkästchen» der Arbeitsgruppe, erinnerte nochmals an die Entstehung der gesamten Ortschronik, deren erster Band bereits 1937 erschienen war. Nach dem Band IV sei 25 Jahren nichts passiert, bis die Gemeinde ein bisschen Druck gemacht habe. «Keiner hat laut «Hier» geschrieen, um sich der Geschichtsschreibung über die schicksalhaften Jahre anzunehmen», so Thomma. Bis Angelika Patel, die zuvor bereits für die Heft-Sammlung «Unser Oberstdorf» einige historische heiße Eisen angepackt hatte, sich der Sache annahm. «Sie hat in ihrem Kämmerle an der Themse geschrieben wie ein Weltmeister», berichtete Thomma und die Mails, die zwischen London und Oberstdorf geschickt wurden, habe er kaum zählen können.

«Viel Sprengstoff»

Franz Bisle, der den Band vorab zu lesen bekam, schilderte seine Eindrücke und stellte die Biografie der Autorin vor. Schließlich war er ein Klassenkamerad von Stempfles Geli, die er als junges, blondes Konditorentöchterlein kennengelernt hatte und die sich nun ausgerechnet mit einem der schlimmsten Kapitel deutscher Geschichte auseinandersetzte. «Das barg viel Sprengstoff und löste im Ort widersprüchliche Gefühle aus», so Bisle, der dabei auch den Beitrag des Mitautoren Franz Noichl über Kriegsende und Widerstand heraushob. Band V sei nicht nur wissenschaftlich fundiert, sondern auch ein spannendes Lesebuch, niemand dürfe jedoch Enthüllungen erwarten. «Selbst Denunzianten werden nicht denunziert», sagt Bisle, allein schon, um die Nachfahren zu schützen.

Angelika Patel erzählte von den breit gestreuten Akteuren des fünften Bandes. Rechtler, Handwerker, Sommerfrischler und Skilegenden, Vertriebene, Verfolgte und Künstler, sie alle hätten ihren Beitrag geleistet. «Wir haben die Gelegenheit ergriffen, noch Zeitzeugen zu befragen, bevor es zu spät ist», so Patel. Aus der Aufgabe habe sie persönlich wichtige Erkenntnisse ziehen können, So sei ihr zuvor nie bewusst gewesen, wie groß der Hass zwischen Deutschen und Franzosen war. Außerdem habe sie erleichtert festgestellt, dass Oberstdorf trotz allem für die Verfolgten des Naziregimes ein vergleichsweise sicherer Ort war. Nach den Recherchen wisse sie umso mehr zu schätzen, in einem Rechtsstaat und in Frieden aufgewachsen zu sein.

Kommentare

online discussion

Sie möchten kommentieren?

Sie möchten zur Diskussion beitragen? Melden Sie sich an, um Kommentare zu verfassen.

Diskussion schließen

Hinweis: Der Autor wird vom System benachrichtigt

add_content

Sie möchten selbst beitragen?

Melden Sie sich jetzt kostenlos an, um selbst mit eigenen Inhalten beizutragen.

© Allgäuer Zeitungsverlag GmbH / rta.design GmbH

Powered by Gogol Publishing 2002-2020

Karte einbetten

Abbrechen

Video einbetten

Es können nur einzelne Videos der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Playlists, Streams oder Übersichtsseiten.

Abbrechen

Social-Media Link einfügen

Es können nur einzelne Beiträge der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Übersichtsseiten.

Abbrechen

Beitrag oder Bildergalerie einbetten

Abbrechen

Schnappschuss einbetten

Abbrechen