Ausstellung
Künstlich inszenierte Schönheit in Oberstdorf

Wasserstoffperoxid-blond leuchtet das Haar und konkurriert mit dem Weiß des Negligées, das ein wenig den Körper der jungen Frau bedeckt. Naiv und lasziv zugleich liegt sie wie hingegossen auf der bordeauxroten Tagesdecke, die das Bett verhüllt, und ihr Körper, von unbekannter Lichtquelle angestrahlt, erglänzt wie ein Stern im Dunkel des Zimmers.

Gefühle wecken wollen die Aufnahmen, die derzeit in der Oberstdorfer Villa Jauss Einblick geben in zeitgenössische Fotokunst. Und Emotionen setzen die Arbeiten, die aus der Sammlung von Thomas Olbricht stammen, zweifellos frei. Nicht immer sind sie dabei von solch vollendeter Ästhetik, wie die 2009 entstandene Fotografie << Hotel Kyoto >> (Hotel Paris, Room 1134) des Niederländers Erwin Olaf, der erst vor kurzem mit dem Johannes-Vermeer-Preis ausgezeichnet wurde. Wobei gerade das Ästhetische bei Olaf klar als künstlich inszenierte Welt dargestellt wird.

Wirklichkeit sieht anders aus: Sie muss nicht immer so krass in Erscheinung treten wie in Charles Gatewoods Aufnahme << Nackte Frau im Wald >> von 1982, in der sich eine völlig aus der Form geratene Dame selbstbewusst in der Natur in Szene setzt und Gedanken an archaische Extrem-Darstellungen von Mutter Erde hervorruft. Zwischen die von makelloser Schönheit geprägten Arbeiten von Olaf eingefügt, sorgt dieses Bild für zusätzlichen Zündstoff.

Beziehungsreiche Kontraste sind die Dramaturgie dieser Ausstellung, die Wolfgang Schoppmann und John Patrick Kohl für das Kunsthaus zusammenstellten. Die Auswahl der Werke aus der Sammlung des Arztes und Chemikers Professor Dr. Dr. Thomas Olbricht, der in Essen und Berlin lebt, reicht von Aktfotografie von Paul Outerbridge jr. aus den 1930er Jahren über Bert Sterns Marilyn-Monroe-Zyklus << The last sitting >> von 1962, der kurz vor dem Tode des Filmstars entstand, bis zur aktuellen Kunst.

Nicht nur Erotik

Nicht immer steht das erotische Moment im Mittelpunkt. Im Dachgeschoss befassen sich großformatige Arbeiten mit dem Gegensatz Natur und Architektur. So hängt dort der Hochhausruine von Boris Becker (Köln) aus den 1990er Jahren, einem Sinnbild für eine seelenlose Welt, das neoromantische Werk << Biarritz >> von Elger Esser aus 2004 vis-à-vis, das Erinnerungen an impressionistische Malerei weckt.

Kunstaktionen des 20. Jahrhunderts à la Hermann Nitsch nimmt sich dagegen Jeanne Dunning in << Splatter 2 >> von 1997 zum Vorbild. Sie zeigt die Spuren, die rote Tomaten hinterlassen, wenn sie auf eine weiße Wand geworfen werden. Wie hochklassige moderne Malerei wirkt dagegen Gregory Crewdsons Aufnahme << Beneath the roses >> von 2005.

Detailreich zeigt sie ein kleinbürgerliches Idyll, dessen Fassade bröckelt: Zwei Plätze an dem für vier Personen gedeckten Tisch sind leer und die am Oval verbliebenen Menschen, wohl Mutter und Sohn, blicken starr auf ein Stück Fleisch.

Es gibt also viel zu entdecken in dieser Schau << Welt-(er-)findung >>, die sich ebenso der vor der Kamera vorgefundenen wie der mit der Kamera erschaffenen Welt widmet und auch beispielhafte Arbeiten berühmter Fotografen wie Cindy Sherman oder Helmut Newton präsentiert.

Öffnungszeiten (bis 9. Oktober): Donnerstag bis Sonntag 15 bis 18 Uhr.

Eigenartige und einzigartige Ästhetik: << Hotel Kyoto >> des niederländischen Fotokünstlers Erwin Olaf. Repro: Christian Steinmüller

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