Bewusst verzichten
Wie das Fasten Körper und Geist stärkt: Eine Ernährungsmedizinerin aus Oberstaufen erklärt

Die fünfte Jahreszeit, der Fasching, ist vorbei. Mit dem Aschermittwoch beginnt die 40-tägige Fastenzeit, eine Zeit, die für Verzicht und Besinnung steht, um sich auf das Osterfest vorzubereiten.

Dass das Fasten nicht unbedingt leicht ist, ist klar. Im Mittelalter ließen sich die Mönche in den Klöstern während der "österlichen Bußzeit" viele Tricks einfallen, die ihnen das Leben leichter machten. Um zum Beispiel das in der Fastenzeit verbotene Fleisch vor dem lieben Gott zu verstecken, wurden die schwäbischen Maultaschen erfunden, die "Herrgottsb'scheißerle".

Außerdem kam den Mönchen im Mittelalter ihr selbstgebrautes Bier sehr gelegen. Mancherorts standen ihnen bis zu fünf Maß Bier pro Tag zu. Der Grund: Trinken war in der Fastenzeit erlaubt und Bier enthält viele Nährstoffe.

Über solche Praktiken kann Dr. Andrea Wirrwitz-Bingger aus Oberstaufen nur schmunzeln. "Ich kann mir nicht vorstellen, dass dieser hohe Alkoholkonsum ohne festes Essen das Wahre ist. Denn Sie belasten, überlasten Ihre Leber damit sogar", sagt die Ernährungsmedizinerin.

Therapie für Körper und Geist

Für sie ist das Fasten nicht nur im Hinblick auf Ostern präsent. Als Kurärztin betreut sie das ganze Jahr über Gäste und Patienten, die Fasten wollen. Eine wichtige Therapiemethode, die sich positiv auf Körper und Geist auswirkt – wenn man es denn richtig macht.

Viele ihrer Patienten leiden unter dem sogenannten "metabolischen Syndrom". Die vier typischen Symptome dafür sind Übergewicht, Bluthochdruck, erhöhte Blutfette und Diabetes Typ 2. Für diese Fälle kann Fasten ein "großer Schritt in die richtige Richtung" sein.

Aber auch bei anderen Beschwerden hilft das Fasten, etwa bei Erkrankungen des Verdauungssystems, bei Hautkrankheiten wie Neurodermitis oder Schuppenflechte oder bei Erschöpfungszuständen. Denn eine Kur wirkt sich auch auf die Psyche aus: "Beim Fasten bessert sich meistens auch das Allgemeinbefinden, die positive Sichtweise der Dinge", so Wirrwitz-Bingger.

In Oberstaufen zu Hause: Die Schrothkur

Spezialisiert hat sich Dr. Andrea Wirrwitz-Bingger vor allem auf die Schrothkur. Oberstaufen, dort wo sie ihre Praxis betreibt, ist das einzige offiziell anerkannte Schroth-Heilbad, obwohl es in Deutschland mehrere Angebote für Schrothkuren gibt.

Das Naturheilverfahren hat Johann Schroth im 19. Jahrhundert im Selbstversuch entwickelt, nachdem ihn ein Pferd durch einen Tritt schwer am Knie verletzt hatte und sich das Gelenk versteifte. Durch nasskalte Umschläge verbesserte sich sein Zustand deutlich. Außerdem übertrug er das Prinzip des Verzichts auf Essen und Trinken, wie er es bei kranken Tieren beobachtete, auf den Menschen. Das soll die Selbstheilung anregen.

Wesentlicher Bestandteil der Fastenkur sind deshalb sogenannte Schroth'sche Packungen. Früh am Morgen, zwischen 3.30 und 5 Uhr, werden die Patienten in kalte Lagen gewickelt. So bekommen sie eine Art künstliches Fieber. Die dadurch entstehenden Schweißausbrüche sollen Giftstoffe über die Haut ausleiten. "Im Vorfeld gibt es noch einen Schwitztee, damit das Schwitzen leichter geht."

Die Schroth'sche Kost: vegan, reizarm, salzfrei

Die Schrothkur zählt zu den modifizierten Fastenkuren und beinhaltet deswegen nicht den totalen Verzicht auf feste Nahrung, wie es bei anderen Fastenkuren der Fall ist. Die Patienten bekommen eine rein vegane Diät. Es wird auf tierisches Eiweiß verzichtet: "Das ist eine große Entlastung des Fettstoffwechsels." Mittags gibt es zum Beispiel getrocknete Früchte oder gedünstetes Gemüse, alles reizarm zubereitet. Außerdem ist die Schrothdiät salzfrei. Das entlastet den Körper, weil Wasser ausgeschieden wird. "Dadurch haben wir einen Blutdrucksenkung und somit positive Effekte auf den Kreislauf", erklärt Dr. Wirrwitz-Bingger.

"Zum Fasten gehört auch der Verzicht auf alle Genussmittel, wie Alkohol, Nikotin und Koffein", ergänzt die Ärztin. Außerdem variiert die tägliche Trinkmenge, man unterscheidet Trocken- und Trinktage. "Untertags sollen die Leute wandern gehen, sich bewegen. Sie sollen auch Spaß haben. Darum ist es wichtig, dass sie auch andere Kurgäste um sich herum haben und nicht nur allein im Hotel sitzen und Schrothkur machen."

Arztgespräch immer sinnvoll

Wer fasten will, egal ob aus therapeutischen Gründen, oder um Krankheiten vorzubeugen, sollte sich laut Andrea Wirrwitz-Bingger mit dem Arzt oder Ernährungsmediziner unterhalten. Vor allem, wenn die Patienten Medikamente einnehmen. Dann muss der Arzt die Medikamente auf die Fastenzeit abstimmen. Wichtig ist neben einer guten Vorbereitung auch, dass man motiviert an die Sache herangeht und "sich nicht von irgendjemandem dazu überreden lässt."

Keine Zeit mehr zum Fasten

Früher hat man mindestens drei bis vier Wochen "geschrothet". Heutzutage ist es selten, dass sich jemand wirklich die Zeit nimmt. "Es gibt immer wieder Leute, die nur eine Woche zum Fasten kommen, was schade ist, weil es nur eine Art Testlauf ist", erzählt Andrea Wirrwitz-Bingger.

Denn erst nach etwa sieben Tagen sind im Körper die Stoffwechselvorgänge so umgestellt, dass man keinen Hunger mehr verspürt und sich rundum wohl fühlt. Entsprechend langsam muss der Kostaufbau nach der Fastenkur passieren, um den Körper wieder schonend an "normale" Kost zu gewöhnen.

Ein Impuls in die richtige Richtung

"Für mich als Ernährungsmedizinerin ist es ganz wichtig, die Leute schon während der Kur darauf vorzubereiten, wie sie dann nach der Kur weitermachen sollen – mit einer Änderung der Lebensweise, sowohl was die Ernährung betrifft, als auch die Bewegung", sagt Dr. Wirrwitz-Bingger. "Denn die schönste Fastenkur bringt nichts, wenn man hinterher genauso weiter macht, wie man davor aufgehört hat."

Doch der angestoßene Lebenswandel gelingt immer wieder. Sie sieht die Leute oft im nächsten Jahr wieder und freut sich über jeden, der sagt: "Ich habe weiter gemacht. Ich komme in einem ganz anderen Zustand und mit deutlich niedrigeren Gewicht heuer wieder." Viele sagen auch: "Ich hätte nie gedacht, dass es mir so gut gehen kann." So hart die Durchführung auch manchmal sein kann – der Erfolg belohnt.

Für Andrea Wirrwitz-Bingger ist die Ernährung ein wichtiges Puzzleteil für ein umfassendes und vor allem lang anhaltendes Wohlbefinden. Ihr Grundsatz: "Man kann aus der Ernährung ganz viel rausholen. Erst alles rausholen und dann erst zur Tablette greifen, als den umgekehrten Weg zu nehmen." Wenn die Patienten erst einmal gesehen hätten, was man durch Ernährung und Bewegung an Bergen versetzen kann oder dadurch vielleicht sogar Medikamente absetzen kann, "dann überzeugt das schon."

Autor:

Larissa Pucher aus Kempten

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