Entstehungsgeschichte
Vor 100.000 Jahren: Gletscher beherrschen den Alpenrand und die ersten Allgäuer jagen Mammuts

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Allzu gemütlich ist es nicht. Über 100 Meter dick bedeckt der Eispanzer das Gebiet im westlichen Allgäu. Heute geht im Ort Eglofs das Leben seinen beschaulichen Gang. Dort, wo der pensionierte Lehrer und Autor heimatkundlicher Bücher Wolfram Benz 100.000 Jahre später gemütlich im Arbeitszimmer sitzt, siedelt damals noch niemand.

Das Eis drückt aus dem Rheintal in der späteren Schweiz nach Norden. Es schafft eine lebensfeindliche Welt, in der sogar die durchschnittlichen Temperaturen des gesamten Jahres unter dem Gefrierpunkt liegen. Zum Vergleich: Bis heute sind sie auf plus sieben bis acht Grad geklettert.

"Das Eis schiebt sich über mehrere zehntausend Jahre nach Norden", veranschaulicht Benz. "Vor ungefähr 70.000 Jahren könnte es auf dem höchsten Punkt gewesen sein." Weiter östlich sieht es damals nicht viel freundlicher aus: der Iller- und der Wertach-Lech-Gletscher bedecken das heutige Kempten, Marktoberdorf und sogar Kaufbeuren.

Leutkirch und Memmingen liegen zwar vor dem Eispanzer. Doch sprudeln in den Sommermonaten gigantische Wassermengen aus ihm heraus, strömen nach Norden und lagern riesige Kiesmengen ab. Wie die meisten von uns Menschen heute, nimmt auch das Wasser dabei die A7. Oder besser gesagt: den Weg der heutigen Autobahn. Nördlich des Allgäuer Tors ist das gut zu sehen: Beinahe eben sind die weiten Täler aufgefüllt.

Schwer vorzustellen? Aber immerhin vorstellbar, denn die Kontinente existieren bereits in ihrer heutigen Form und auch die Alpen haben sich längst zu jenen mächtigen Gipfeln aufgetürmt, die uns das Leben im Allgäu heute verschönern. Wir befinden uns vor 100.000 Jahren in einer Zeit der Abkühlung. Der Eiskuchen kriecht langsam aus den Alpentälern hervor und Eismassen bedecken Skandinavien sowie Teile Norddeutschlands.

Die ersten Allgäuer

Auch die ersten Allgäuer sind bereits unterwegs. Grobe Wesen, kräftig und bestens an die Kälte angepasst - böse Zungen aus dem Norden könnten behaupten, viel habe sich seitdem nicht geändert. Doch der Neandertaler gehört nicht zu unseren direkten Vorfahren. Trotzdem durchstreift er die baumlose Tundra in der Nähe der Gletscher auf der Suche nach Beute.

Neben dem Mammut kam das bis zu 3,60 Meter lange Wollnashorn im Sommer in die Nähe des Eises, wo die Mückenplage nicht so groß war, schreibt Benz in seinem Buch über die Landschaftsgeschichte des Westallgäus. Fette Beute also für den Neandertaler.

Und trotzdem wird er das Rennen um den Fortbestand im Allgäu und in Europa nicht gewinnen. Seit mehr als 100.000 Jahren lebt er als einziger Vertreter der Gattung Homo auf dem Kontinent. Sein neuer Konkurrent heißt Homo sapiens.

Er kommt vor rund 40.000 Jahren während einer wärmeren Phase aus dem Süden. Sapiens schlägt den stagnierenden Neandertaler in Sachen Intelligenz und pflanzt sich stärker fort. Er stellt immer bessere Werkzeuge und Waffen her und denkt schöpferisch.

Das zeigen vor allem Funde von der nahen Schwäbischen Alb, etwa die Venus vom Hohle Fels oder eine Flöte aus den Knochen eines Gänsegeiers. Man schätzt, dass er rund 10.000 Jahre später das Sagen im Allgäu hat.

Einige tausend Jahre darauf wird der Neandertaler komplett verschwunden sein. Doch nicht, ohne uns ein Abschiedsgeschenk zu hinterlassen: Er hatte auch Liebeleien mit dem Homo sapiens, sodass sein Erbgut zu ein bis vier Prozent in uns weiterexistiert.

Ob Neandertaler und Homosapiens auch in Europa oder nur im Nahen Osten in Nachbarschaft lebten, bleibt umstritten.

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