Interview
Allgäu soll sich in Europa präsentieren

Als einzige Allgäuerin ist Barbara Lochbihler Mitglied des Europaparlaments. Die 51-Jährige, die der Grünen-Fraktion angehört, versteht sich auch als Repräsentantin ihrer Heimat, wo sie eine Wohnung im Haus ihrer Eltern in Ronsberg hat und ein Regionalbüro in Kaufbeuren unterhält. Wir sprachen mit ihr über die Euro-Krise und die Bedeutung der EU.

Sorgen Sie sich angesichts der Währungskrise um die Einheit Europas?

Lochbihler: Die Krise ist im Europaparlament ein beherrschendes Thema. Für viele Bürgerinnen und Bürger ist der Blick auf Europa zwar derzeit diffus und negativ. Aber Europa kann nur mit der Währungsunion als starker Verbund bestehen. Sich in der schwierigen Lage gegenseitig zu helfen, ist für mich sehr europäisch. Denn ein stabiles Griechenland, Irland oder Portugal hilft auch uns und unserer Wirtschaft.

Für viele Allgäuer ist Europa vor allem durch die Agrarpolitik präsent - und nicht unbedingt beliebt.

Lochbihler: Darüber habe ich erst vor kurzem mit Vertretern der Milchviehhalter gesprochen. In der Neuausrichtung der EU-Agrarpolitik sehen wir Grüne durchaus positive Ansätze. Künftig soll nämlich nicht nur die Produktion der Lebensmittel gefördert werden, sondern auch die Pflege der Umwelt und Landschaft sowie die Erzeugung gesunder Lebensmittel. Das ist die richtige Richtung für das Allgäu - auch wenn im vorliegenden Konzept noch nicht alle Probleme gelöst sind. Dies gilt sicher auch für eine Milchmengenregelung, die sich die Milcherzeuger im Allgäu wünschen.

Sehen Sie auch Gefahren für die Allgäuer Landschaft?

Lochbihler: Die Allgäuer Landschaft ist bilderbuchschön und die Landwirte leisten einen wichtigen Beitrag für ihren Erhalt. Wir müssen aber verhindern, dass immer mehr Flächen zu Monokulturen mit Mais für Biogasanlagen werden. Die steigenden Pachtpreise der Maisanbauer gefährden die Milchbauern. Hier muss man die Förderung erneuerbarer Energien nachjustieren. Wichtig ist zudem, dass sich das ganze Allgäu endlich auf einen Gentechnik-Verzicht verständigt.

In der Allgäu GmbH zeichnet sich bereits eine stärkere Einigung des Allgäus im politischen Bereich ab

Lochbihler: Das ist auch wichtig. Denn Urlaubern ist es egal, ob es Ost-, Ober-, West- oder Unterallgäu ist. Wichtig ist die Werbung für eine schöne Region, in der auch viele Landwirte vom Tourismus profitieren. Die allgäuweite Kooperation möchte ich auch in Brüssel unterstützen. Den Landräten und Bürgermeistern biete ich an, sich im Herbst 2011 gemeinsam bei der EU zu präsentieren. Ich kann dafür die Räume der Bayerischen Landesvertretung organisieren. Dort lassen sich Gespräche mit wichtigen Europa-Politikern anleiern. Als Gesamtregion wird ein einheitliches Allgäu auf Europa-Ebene stärker wahrgenommen werden. Hierbei sehe ich mich nicht als Parteipolitikerin, sondern als Vertreterin des Allgäus.

Wie stark wirkt Europa auch in die Kommunen hinein?

Lochbihler: Viele Projekte werden erst durch EU-Fördergelder möglich. Ein Beispiel sind die Projekte, die über das Leader-Programm der EU gefördert werden. Hier bin ich immer wieder eingeladen, wenn Museen, Dorfgemeinschaftshäuser oder touristische Angebote zur ländlichen Entwicklung entstehen. Auch aus dem Europäischen Sozialfonds fließen Mittel ins Allgäu - etwa für Integrationsprojekte in Kaufbeuren.

Ist es nicht sehr umständlich, an diese Fördergelder zu kommen?

Lochbihler: Die Allgäuer sind hier erstaunlich gut in Vereinen und Verbänden organisiert und erhalten von den Anlaufstellen in den Landratsämtern und Rathäusern entsprechende Unterstützung. Ein Problem stellt oft die lange Frist bis zur Auszahlung dar. Ich wünsche mir einen Fonds auf bayerischer Ebene, der diese Verzögerungen überbrückt.

Schwerpunkt ihrer Arbeit im Parlament sind die Menschenrechte. Im Allgäu ist dies eher ein Randthema.

Lochbihler: Auch hier muss man wachsam sein. Als in Kaufbeuren im Herbst eine alleinerziehende Mutter aus dem Kosovo zusammen mit ihrem Sohn abgeschoben werden sollte, kritisierte ich das Vorgehen der Stadtverwaltung scharf. Die Roma-Frau und ihr Sohn sind seither untergetaucht. Die Verfolgung der Roma ist in vielen Ländern ein großes Problem. Wir dürfen nicht nachlassen, eine Lösung dafür zu suchen.

Ihre Pläne in der Region für 2011?

Lochbihler: 2011 möchte ich ein Buchprojekt anpacken. Eie Historikerin soll wichtige, starke Frauenpersönlichkeiten aus dem Allgäu porträtieren. Hier bin ich für Anregungen noch sehr offen. Die Biografie einer Frau, die in ihrem Lebensumfeld während der NS-Zeit Positives bewirkte, kann ebenso interessant sein wie die Oberstdorferinnen, die während des Dreißigjährigen Krieges ihren Ort dadurch verteidigt haben sollen, dass sie Kuhherden mit Bienenschwärmen anstachelten und auf die Angreifer hetzten - ein frühes Beispiel für kreativen gewaltlosen Widerstand. (vit)

 

Barbara Lochbihler. Foto: Lienert

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