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22.07.2010 · Ostallgäu | Von Alexandra Decker

Ostallgäuer klagt gegen Pharma-Riesen

Prozess - 34-Jähriger will Gerechtigkeit für Menschen, an deren Behinderung Medikament Duogynon von Bayer schuld sein soll

Ostallgäu · Es sind die «schlimmen Einzelschicksale» und die «vielen Mütter, die sich Vorwürfe machen», die einen 34-jährigen Ostallgäuer dazu veranlasst haben, die Bayer Schering Pharma AG zu verklagen. Streitpunkt ist das Medikament Duogynon. Mit ihm wurden von 1950 bis 1981 Schwangerschaften nachgewiesen. Und es steht in Verdacht, Missbildungen bei ungeborenen Babys ausgelöst zu haben. Bayer will sich zu der Klage derzeit nicht äußern, da diese noch nicht bei dem Konzern eingegangen sei.

Bilanz Bayer AG
Das Logo des Bayer-Konzerns hängt am Dienstag (15.03.2005) in Leverkusen an einem alten Verwaltungsgebäude des Unternehmens. Bild: Oliver Berg (dpa)
Der 34-Jährige, der anonym bleiben möchte, kam selbst mit einer Blase, die außerhalb seines Körpers lag, und einem verkümmerten Penis zur Welt. Er wurde bereits als Kind ein Dutzend Mal operiert. Heute lebt er mit künstlichem Blasenausgang. Er hat sich damit abgefunden, sagt er. «Es gibt andere richtig schlimme Fälle mit Herzschäden und fehlenden Gliedmaßen», berichtet er. Doch auch für ihn war es gerade als Kind nicht einfach. Damals rissen schon mal Urinbeutel in der Schule. Dennoch wusste lange niemand von seiner Behinderung.

Heute spricht er darüber und will über Duogynon aufklären. Unterstützt wird er dabei - neben etlichen anderen Klägern gegen Bayer - auch von den Grünen.

Diese haben jetzt eine Anfrage im Bundestag eingereicht, die klären soll, ob der Regierung ein Zusammenhang zwischen Duogynon und Missbildungen bekannt war und ob sie helfen will, die Sache aufzuklären.

Kampf um Akteneinsicht

Vor Gericht möchte der 34-Jährige Einsicht in unveröffentlichte Akten von Bayer erkämpfen. Das ist erst möglich, seit die Regierung 2002 den Anspruch potenzieller Opfer erweitert hat. «Jetzt besteht die Chance, Akten einzusehen - ohne dass man nachweisen muss, dass das Medikament tatsächlich schuld ist. Es genügt, glaubhaft zu machen, dass es so sein könnte», erklärt er.

In den Unterlagen erhofft er sich, Hinweise zu finden, die belegen, dass der Konzern über die mutmaßliche Gefährlichkeit von Duogynon Bescheid wusste, bevor es 1981 vom Markt genommen wurde. In anderen Ländern wurde es früher verboten. Das ist für den Allgäuer «ein Beleg dafür, dass die Schädlichkeit bekannt war». Dazu kommen Indizien wie «Warnungen von englischen Mitarbeitern des Konzerns und Ministerien», sagte er. Beweise, dass die Arznei Missbildungen auslöste, fehlen jedoch. «Es gibt Studien, die sagen ja, andere nein.» Aber auch beim Contergan-Skandal habe man nie vor Gericht bewiesen, dass die von der Grünthal GmbH vertriebene Arznei der Grund für Behinderungen bei Babys war.

Den Menschen Antwort schuldig

Hat die Klage des 34-Jährigen Erfolg, wäre der nächste Schritt, Schadenersatz zu fordern oder wie bereits vorgeschlagen, dass Bayer Geld in eine Stiftung zahlt. Der Pharmariese berief sich laut dem Allgäuer ihm gegenüber aber bisher nur auf Verjährungsfrist, Studien aus den 1970er Jahren und ein 1980 eingestelltes Verfahren. Die Begründung: Das Strafrecht schütze menschliches Leben erst nach der Geburt. Auch die Mutter des Allgäuers war an diesem Prozess beteiligt. «Die Betroffenen haben damals eine Gruppe mit fast 1000 Opfern gegründet. Warum sie verloren haben, kann ich mir nicht erklären», sagt er und will erneut kämpfen, denn: «Bayer ist es den Menschen schuldig, zu sagen, ob das Medikament schuld war. Darauf warten viele Frauen seit 30 Jahren.»


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AutorVon Alexandra Decker
Veröffentlichung22.07.2010
Aktualisierung16.04.2013 12:50
Ort Ostallgäu | Von Alexandra Decker
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