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29.05.2010 · Kempten | Von Julia Barnerßoi

Kinder im Strudel der Trauer

Ausstellung - Buben und Mädchen, die ein Familienmitglied verloren haben, gestalten Kondolenzkarten für Ihresgleichen

Kempten · Am Ende hat sie sich nicht einmal mehr getraut, ihre schwer kranke Mama anzufassen. Sie konnte ihr nicht mehr nahe sein. Hatte Angst. Angst vor dem, was auf sie zukommt. Angst vor dem Tod. Nachdenklich erzählt die 14-jährige Julia Kamphausen, wie sie sich gefühlt hat, als ihre Mutter vor einem Jahr ihrer Krebserkrankung erlegen ist. Die Arme vor dem Körper verschränkt sitzt sie in dem gemütlichen Raum mit dem Klangspiel in der Ecke und versucht, nicht zu viel von ihrer Gefühlswelt preiszugeben. «Es war sehr schlimm, darum bin ich froh, dass ich hier bin», sagt Julia. «Hier» ist die Ergotherapie-Praxis von Susanne Wachter in Kempten.

«Seit acht Jahren mache ich zusätzlich Trauerbegleitung für Kinder», erzählt die 52-Jährige. Es sei gerade für Kinder und Jugendliche sehr wichtig, sich mit dem Verlust eines Familienmitglieds oder der Trennung der Eltern auseinanderzusetzen. «Wenn man der Trauer keinen Ausdruck gibt, kann das zu Depressionen führen», weiß sie. Helfen soll den Kindern dabei auch das Trauer-Stofftier - ein Männchen mit großer Nase: «Es kann riechen, ob jemand auch richtig trauert», erklärt die Therapeutin ihren Schützlingen spielerisch, «denn wer nicht trauert, stinkt».

Ausstellung im AÜW

Vor einem Jahr hat Wachter ein weiteres Projekt ins Leben gerufen, das im Juni in die zweite Runde geht. Sie hat ihre Buben und Mädchen von der Trauerbegleitung Kondolenzkarten für andere Kinder gestalten lassen. Karten, wie sie sich selber eine gewünscht hätten, als sie ihre geliebte Person verloren haben. Ab Freitag, 11 Juni, werden die Motive im Allgäuer Überlandwerk in Kempten ausgestellt. «Ich freue mich, dass durch das Projekt endlich etwas in diese Richtung passiert», sagt Wachter. Die Idee kam ihr nämlich, als sie Julia eine Kondolenzkarte schreiben wollte und feststellen musste, dass es nirgendwo Trauerkarten für Kinder gibt. «Es ist schade, dass Kinder in dieser Sache oft vergessen werden. Dabei ist es so wichtig, sie einzubeziehen».

Auch der zwölfjährige Ufuk Akan aus Kempten hätte sich mehr Aufmerksamkeit gewünscht, als sein Vater vor sechs Jahren bei einem Autounfall ums Leben kam. Seine Karte ist deshalb voller bunter Gefühlsstrudel, die er damals alleine durchlaufen musste. «Da ist der Strudel der Tränen, der Strudel des Vermissens, aber auch der Strudel der neuen Kraft», erklärt der Sechstklässler, «denn das Leben muss ja weiter gehen. Das hat er auch in der Karte festgehalten: «Gefühlsstrudel! Hol dir Kraft aus den bunten Strudeln», steht da geschrieben. Denn jedes Kind durfte zu seinem Bild auch einen Spruch wählen. Julias Motiv ist ebenso farbenfroh und alles andere als traurig. «Die bunten weichen Farben sollen dir Kraft schenken», lautet der Spruch in der Karte der 14-Jährigen.

Auseinandersetzung fordert Mut

«Es fordert so viel Mut, sich mit seiner Trauer auseinanderzusetzen», weiß Susanne Wachter. Vor allem so öffentlich, wie die Kinder es mit den Karten tun. Sie erhofft sich, dass viele Leute die Ausstellung besuchen, die Trauerkarten kaufen und vor allem, dass der Handel anbeißt. Aus dem Erlös sollen dann weitere Karten gedruckt und neue therapeutische Kunstprojekte finanziert werden. «Die Kinder sind so stolz. Sie wären enttäuscht, wenn es keine Resonanz gibt,» sagt Wachter. Und das dürfe nicht passieren, «schließlich sind diese Kinder ein Vorbild für uns alle, denn sie haben sich ihrer Geschichte gestellt».

Öffnungszeiten der Ausstellung vom 11. bis 25. Juni im Allgäuer Überlandwerk Kempten: Freitag, 11. Juni, 19 Uhr: Eröffnung; Samstag, 12. Juni, 10-16 Uhr; Sonntag, 13. Juni, 10-13 Uhr; Montag bis Donnerstag jeweils 8-15.30 Uhr und Freitag 8-13 Uhr. Anmeldung für Schulklassen unter Telefon: 0831/ 85036

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AutorVon Julia Barnerßoi
Veröffentlichung29.05.2010
Aktualisierung04.06.2011 02:10
Ort Kempten | Von Julia Barnerßoi
Schlagwörterkinder
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