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27.09.2012 · Kempten

Heiner Geißler kommt als Buchautor nach Kempten

ist in seinem 82-jährigen Leben vieles: Streitbarer Geist und Schlichter, Politiker und Philosoph, Jurist und Sportler – Nach Kempten kommt er als Buchautor

Lesung · Man greift ja doch hin und wieder in diese Schublade mit den Klischees. Zum Beispiel, wenn es um einen gewissen Menschenschlag geht. Der Rheinländer, heißt es, sei lustig, der Norddeutsche kühl, der Württemberger geizig, der Allgäuer grantig – und der Schwarzwälder ein rechter Dickschädel. Heiner Geißler, am Montag zu Gast in Kempten, ist Schwarzwälder.

Dr. Heiner Geißler
Heiner Geißler kommt als Autor nach Kempten Bild: Hermann Ernst
Geboren in Oberndorf am Neckar, aufgewachsen in Spaichingen und Tuttlingen; als 16-Jähriger kam er auf das von Jesuiten geleitete Kolleg St. Blasien, einer Eliteschule; mit 18 machte er das Abitur, mit 19 trat er dem Jesuitenorden als Novize bei.

Wer für längere Zeit in dieser Ecke Deutschlands gewohnt hat, weiß um die besondere Charakteristik des Schwarzwälders: Strebsam ist er (oder sie), ehrgeizig, eher eigenbrötlerisch, als multikulti, verbissen, mürrisch bisweilen und eben dickköpfig bis stur.

Heiner Geißler vermittelte viele Jahre in der Öffentlichkeit das Bild, eines, na ja, sagen wir es ruhig: Parade-Schwarzwälders. Und er machte politische Karriere.

Bis zum Bundesminister für Jugend, Familie und Gesundheit schaffte es der studierte Jurist und Philosoph, und jene, die mit ihm in den 70er und 80er Jahren an einem Tisch Platz nehmen mussten, um zu diskutieren und zu verhandeln, brummte hinterher nicht selten der Kopf.

Mich hat nichts so leicht aus der Bahn geworfen, vielleicht auch deswegen, weil ich immer ganz bewusst ein Grenzgänger war. (Heiner Geißler)

Treiben wir es bewusst weiter mit dem „konservativen Dickschädel“ Heiner Geißler. Eines Tages langte er verbal derart hin, dass den SPD-Oberen der Kamm schwoll.

Die SPD, hatte er in einer Rede sinngemäß geurteilt, sei doch im Grunde nichts anderes als die fünfte Kolonne Moskaus. Kostprobe zwei des Zynikers Geißler: Erst der Pazifismus habe doch Auschwitz möglich gemacht.

Willy Brandts Gesicht ähnelte nach dieser Aussage einer Glühbirne und seine Antwort lautete ebenso hart und bissig: Geißler sei in seinen Augen der schlimmste Hetzer seit Goebbels.

Alles Schnee von gestern. Hört man heute genau hin, was Heiner Geißler öffentlich von sich gibt, stellt man fest: Der Mann hat sich geändert. Und seine Meinung zu vielen politischen Dingen ebenso.

Wer Entscheidungen fällt, muss immer wieder neu um den Konsens werben – das ist für mich ein ganz wichtiges Ergebnis der Schlichtung. Da darf jetzt keiner falsche Triumphe feiern. (Heiner Geißler)

Geißler tritt heute gerne als Schlichter auf, dessen Aufgabe es ja ist, nicht eindimensional und parteipolitisch zu denken, sondern vielmehr das große Ganze im Auge zu haben. Zuletzt war der Mann in der hitzigen Auseinandersetzung um das Bahnprojekt Stuttgart 21 in der Rolle als Schlichter zu erleben. Es gibt viele Beobachter in der baden-württembergischen Landeshauptstadt, die zum Schluss kommen: „Der alte, weise Mann hat seinen Job richtig gut gemacht.“

Ich bin fest davon überzeugt. Dieses „Stuttgarter Modell“ kann Pate stehen für andere Großprojekte. Entscheidend ist, dass die Bürger künftig von Anfang an gefragt und miteinbezogen werden – und nicht erst zum Schluss. (Heiner Geißler)

Geißler schreibt seit einigen Jahren fleißig Bücher.

Zum Beispiel über eine gerechte Marktwirtschaft. Gut möglich, dass da der Kapitalismus ebenso sein Fett abbekommt wie die großen Nationen (G8) dieser Welt. Geißler sagt beispielsweise Sätze wie: „Ich muss nicht alles akzeptieren, was in einer Organisation gesagt wird. Genauso wenig, wie ich alles akzeptieren muss, was der Vorsitzende des Wirtschaftsrats der CDU sagt. Es kann sein, dass ich mit einigen Leuten quer liege.“

Vor geraumer Zeit hat sich der einstige CSU-Generalsekretär der globalisierungskritischen Organisation „Attac“ angeschlossen. Auch diese Mitgliedschaft hätte ihm vor 30 Jahren keiner zugetraut.

Kapitalismus ist so falsch wie Kommunismus. (Heiner Geißler)

„Warum wir eine neue Aufklärung brauchen“

Der passionierte Bergsteiger und praktizierende Sportler ist es gewohnt, in seinen Büchern Klartext zu reden.

„Sapere aude!: Warum wir eine neue Aufklärung brauchen“ heißt sein aktuelles Werk, das er am 1. Oktober (20 Uhr) in der Buchhandlung Dannheimer in Kempten vorstellt und in dem er neue Formen einer Bürgerbeteiligungsdemokratie entwirft sowie eine offene Diskursrepublik mit neuen Perspektiven.

Das Schlusswort in diesem Artikel überlassen wir Heiner Geißler, geäußert nach Ende seiner Arbeit bei Stuttgart 21: „Die Schlichtung hat mich nicht überanstrengt. Aber ich habe in dieser Zeit den Sport vernachlässigt. Also werde ich wieder joggen und in den Schwarzwald zum Langlauf fahren.“

Heiner Geißler liest aus „Sapere aude!: Warum wir eine neue Aufklärung brauchen“ am Montag, 1. Oktober (20 Uhr), in der Buchhandlung Dannheimer in Kempten. Karten unter Telefon 0831/54066-0.

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Artikelinfos
AutorFreddy Schissler
Veröffentlichung27.09.2012
Aktualisierung13.06.2017 12:47
Ort Kempten
Schlagwörterleben, politiker, lesung, autor
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