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24.03.2010 · Kempten | Von Sabine Beck

Missbrauch im Heim holt Stadt nach 25 Jahren ein

Gerhardingerhaus - Sexuell Belästigter fordert Aufarbeitung: «Damals bewusst weggesehen»

Kempten · «Ich habe geweint. Nächtelang. Getrauert. Über meine verlorene Kindheit und Jugend. Ich hatte Schmerzen, die kaum auszuhalten waren. Habe nachgedacht. Endlos. Dass ich Kopfschmerzen davon hatte.» Über zehn Jahre ist es her, dass Stefan S. diese Zeilen schrieb. Sie sind ein Teil seiner Lebensgeschichte. Einer Lebensgeschichte, die von sexuellem Missbrauch handelt.

Missbrauch im Heim holt Stadt nach 25 Jahren ein
«Als Träger des Hauses hat die Stadt eine gewisse Verantwortung. Wir möchten und werden dem Opfer helfen, so weit es geht.»Peter Riegg, Verwaltungs- und Finanzreferent der Stadt «Mit der ... Bild: ralf lienert

Dass er im Jetzt leben und wieder Lebensmut schöpfen wolle, notierte Stefan S. damals. Doch der Missbrauch, der sich vor rund 25 Jahren im Gerhardingerhaus in Kempten ereignet haben soll, holt ihn offensichtlich immer wieder ein. In einer E-Mail unter anderem an einzelne Kemptener Kommunalpolitiker, Vertreter des Jugendamts, das Gerhardingerhaus und die «Armen Schulschwestern», die das Haus damals leiteten, fordert er, dass sein Fall aufgearbeitet wird. «Das werden wir tun», meinte gestern bei einer Pressekonferenz Peter Riegg, Chef des städtischen Verwaltungs- und Finanzreferats.

Im Jahr 1976, schilderte Riegg, kam der heute 40-jährige Stefan S. mit seinem Bruder ins Gerhardingerhaus, das bis 1994 vom Orden der «Armen Schulschwestern» geführt wurde. Der damals Siebenjährige hatte eine enge Beziehung zu seiner Mutter, die aber schwer krank war und bald darauf starb. Der Vater kümmerte sich so gut wie nicht um die Söhne. Zu dem Missbrauch soll es dann ab September 1984 durch den neu eingestellten Hausmeister gekommen sein. Damals war Stefan S. 15 Jahre alt. Der Missbrauch soll bis Mitte 1986 gedauert haben, als Stefan S. auszog.

Die Stadt, so Riegg, wurde mit den Vorfällen erstmals im März 1997 konfrontiert. Damals hatte die Staatsanwaltschaft ihre Ermittlungen bereits eingestellt, weil alle in Frage kommenden Straftatbestände - sexueller Missbrauch von Kindern, sexueller Missbrauch von Schutzbefohlenen und sexuelle Nötigung - verjährt waren. Strafantrag war nämlich erst im Oktober 1996 gestellt worden. Als die Staatsanwaltschaft die Stadt dann über ihre Ermittlungen informierte, entließ diese den Hausmeister sofort. «Wir sind überzeugt davon, dass da etwas war», erläuterte Riegg: «Der Hausmeister hat die Anschuldigungen gegen ihn nicht bestritten.»

Zumal strafrechtlich ohnehin nichts mehr unternommen werden konnte, sei der Fall für die Stadt mit der Entlassung erledigt gewesen, so Riegg und Jugend-, Schul- und Sozialreferent Benedikt Mayer. Bis vergangenen Dienstag die E-Mail von Stefan S. ankam. «Er fordert, dass sich die Beteiligten mit dem Fall befassen. Das kam in der Vergangenheit sicher zu kurz», meinte Riegg. Ziel sei nun «eine offene und transparente Aufarbeitung, bei der das Opfer mit einbezogen wird». Deshalb solle es mit Stefan S. ein Gespräch geben. Dabei wolle man ihm aber auch klarmachen, betonte Helmut Dreher, Leiter des Stiftungsamts, «dass das Haus früher und das Haus heute nichts mehr miteinander gemein haben». Niemand von 1986 sei mehr vor Ort.

Klären wolle die Stadt, ob dem heute 40-Jährigen in den 90er Jahren für seinen Strafantrag tatsächlich die Akten des Jugendamts im nötigen Umfang zur Verfügung gestellt wurden. Laut Stefan S., so erläuterte dieser gestern gegenüber der AZ, war das nicht der Fall: «Ich durfte die Unterlagen vom Jugendamt nicht vollständig einsehen.»

«Wachsamkeit schaffen»

Doch was bezweckt der 40-Jährige eigentlich nach 25 Jahren mit seiner E-Mail? «Durch die Berichterstattung über die Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche wurde jetzt eine Öffentlichkeit für dieses Thema geschaffen», ist Stefan S. überzeugt. Er möchte, «dass die Leute, die damals die Verantwortung hatten und sie nicht wahrgenommen haben, sich dessen bewusst werden».

Dieser Vorwurf geht an die «Armen Schulschwestern», die nach seiner Meinung bewusst weggesehen hätten. «Ich möchte eine Wachsamkeit schaffen», meint er.

Der Hausmeister, der nie verurteilt wurde, hat übrigens eine Anstellung bei der Diakonie in Kempten erhalten. «Wir wussten von dem Vorfall, aber jeder bekommt eine neue Chance», sagt Helmut Mölle, Verwaltungsrat der Diakonie. Kontakt zu Kindern habe der Mann bei seiner Tätigkeit, «mit der wir hochzufrieden sind», nicht.


Der Missbrauch und warum Stefan S. sich nicht wehrte

Zehn Jahre lang, 1976 bis 1986, lebte Stefan S. im Gerhardingerhaus. Seine Lebensgeschichte schrieb er nieder und stellte sie später ins Internet (www.kirisk.de). Einige Auszüge:

Der Hausmeister
Ich darf mit dem Hausmeister nach Oberstdorf ins Wellenbad! Ich kenne den Hausmeister. (...) Ich dusche kurz und verziehe mich in eine Umkleidekabine. Er klopft. „Lass’ mich mal kurz rein, ich muss dir was zeigen.“ Neugierig öffne ich die Tür. Er zwängt sich in die enge Kabine. Ich halte das Handtuch vor mich. Der Hausmeister nimmt es weg und zieht sich aus. Ich stehe völlig unbeweglich da. Er fasst mich an. Unten. Ich soll ihn auch anfassen. Unten. Ich sage nein, aber der Hausmeister hört mich nicht. Er nimmt meine Hand. Ich schäme mich. „Da ist doch nichts dabei, wenn zwei Männer es sich mal machen, oder?“ (...) Nach ein paar Minuten ist alles vorbei. Endlich. Auf der Heimfahrt bin ich müde. Ich rede kein Wort. (...) Ich blicke abwesend aus dem Fenster. Es regnet. Ich weine. Innen.“

Warum keine Gegenwehr?
„Ich habe immer nein gesagt, aber eben nicht laut. Nicht laut genug. Ich konnte es nicht hinausschreien. Ich hatte Angst. (...) Wem hätte ich mich anvertrauen können, wo ich doch gesehen habe, wie beliebt Du bei den Schwestern warst? (...) Ich wagte es nicht, über den sexuellen Missbrauch zu sprechen, aus Angst, ausgelacht zu werden, als „Schwuli“ oder „Schwuchtel“ bezeichnet zu werden. (...) Ich schämte mich dafür, was Du mir angetan hast.“

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AutorVon Sabine Beck
Veröffentlichung24.03.2010
Aktualisierung16.04.2013 12:51
Ort Kempten | Von Sabine Beck
Schlagwörtermissbrauch
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