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28.09.2010 · Wangen (az)

«Die Nachtigall singt schlesisch»

Literaturpreis - Christoph Hein behandelt in seinen Romanen das Thema des Flüchtlings, des Fremden

Wangen · Seit 60 Jahren gibt es die Wangener Gespräche. Zu einer Zeit, als das Thema Verständigung noch nicht so angesagt war, haben sich in der Allgäuer Stadt Künstler aus Schlesien für den Kulturaustausch eingesetzt. Im Jubiläumsjahr hat der Wangener Kreis seinen mit 5000 Euro dotierten Eichendorff-Preis an einen prominenten Schriftsteller mit schlesischen Wurzeln vergeben: Christoph Hein. Und auch der Laudator ist ein Landsmann: Dieter Hildebrandt.

Man hört es heute nicht mehr allzu oft, das Schlesische, in dem sich «sterbst» auf Herbst und «feeling» auf Frühling reimt. Aber an diesem Sonntagmorgen in der Wangener Stadthalle dürfte es manchem Gast warm ums Herz geworden sein, als Dieter Hildebrandt in seiner launigen Lobrede auf Christoph Hein kurz mal in Bunzlauer Mundart verfiel. Wangen hat eine besondere Beziehung zu Schlesien. Besser zu den Schlesiern. Carl Ritter, ein Buchhändler, der nicht nur in Saulgau und Wangen, sondern auch in Oppeln ein Geschäft hatte, ist das Verbindungsglied. Als sein schlesischer Freund, der Studienrat und Eichendorff-Kenner Willibald Köhler, fliehen musste, bot er ihm in Wangen Asyl. Immer mehr Künstler kamen ins Allgäu. Eine Künstlerkolonie entstand. Zusammen mit Egon H. Rakette riefen Ritter und Köhler 1950 den Wangener Kreis ins Leben.

Der Mut der frühen Jahre

Das besondere an dieser «Gesellschaft für Literatur und Kunst ,Der Osten» ist ihre Zielsetzung. Denn der Freundeskreis fühlte sich von Anbeginn an der Verständigung verpflichtet. Landsmannschaftliche Lobbyarbeit, verpackt in Folklore, war nie sein Ziel. Die heutige Vorsitzende, die Autorin Monika Taubitz, zitierte in ihrer Ansprache die Satzung von damals: «Der Wangener Kreis hat sich zur Aufgabe gemacht, einerseits schlesische Kultur und Geschichte zu bewahren, zu fördern und zu deuten, dies andererseits immer im Zusammenhang mit ostdeutscher, gesamtdeutscher und europäischer Geschichte zu tun.»

Die Gespräche, zu denen der Wangener Kreis einlädt, sollen «dem besonderen Verständnis der einstigen slawischen Nachbarn und der Versöhnung mit dem jüdischen Volk dienen.» Wohlgemerkt: Das war 1950! Jenseits literarischer Zirkel wirkt der seit 1956 vergebene Eichendoff-Preis nach außen.

Christoph Hein, 1944 im schlesischen Heinzendorf geboren, wuchs in Sachsen auf. Dennoch fühlt er sich Schlesien verbunden, vor allem seinen Dichtern - Opitz, Gryphius, Eichendorff, Hauptmann, Hacks. Letzterer hat die Laudatio gehalten, als Hein 1982 den Heinrich-Mann-Preis der Akademie der Künste der DDR bekam.

Wilde Nachwendezeiten

Das Thema des Flüchtlings, des Fremden, hat Hein immer wieder behandelt. In seinem jüngsten Roman «Landnahme» spannt er einen weiten Bogen von der Vertreibung bis zu den wilden Nachwendezeiten. Und auch da kommt immer wieder jenes Wort vor, das Dieter Hildebrandt noch immer als gellendes Schimpfwort im Ohr hat: «Flüchtlinge». «Bodenlose» nennt sie Hein.

Als er vor Jahren einmal Schlesien bereist hat, hat er auf den Gesang der Nachtigall gehört. Dass die in Schlesien noch immer deutsch sänge, konnte er nicht bestätigen. «Die Nachtigall singt schlesisch.» (bami)

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Artikelinfos
Autoraz
Veröffentlichung28.09.2010
Aktualisierung16.04.2013 09:26
Ort Wangen (az)
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