Fußball
Ein Kämpfer für die Löwen

Abschalten. Und wenn es einfach nur mal das Handy ist. Einfach mal Abschalten über Weihnachten. Das wärs. Aber so leicht geht das eben nicht. Erst recht nicht, wenn man Trainer des Fußball-Zweitligisten TSV 1860 München ist. Reiner Maurer hat es dennoch versucht. Allerdings muss er einräumen: «Ein entspanntes Weihnachtsfest war es nicht, bei alledem was in den letzten Monaten passiert ist.»

Im Sommer, als der 50-jährige Mindelheimer das Amt des Cheftrainers übernahm, schien die Welt noch in Ordnung zu sein. Maurer, der die Münchner Löwen schon zwischen 2004 und 2006 trainiert hatte, stellte zusammen mit Sportdirektor Micky Stevic mit geringem finanziellen Aufwand einen sportlich ansprechenden Kader zusammen und holte aus dem Nachwuchs Leitner, Schindler und den Marktoberdorfer Kevin Volland ins Zweitliga-Team. «Die sportliche Leitung arbeitet mit dem personell geringsten Aufwand der 2. Liga», sagt Maurer, der einen Co-Trainer, einen Torwarttrainer, aber keine Scouts oder Fitness-Gurus in seinem Team hat.

Zum 1. August bekommt der Verein mit Dr. Robert Niemann noch einen neuen Geschäftsführer, der alsbald auch diverse Marketing-Erfolge vermeldet. Vom vierten Spieltag an starten die Löwen eine beeindruckende Serie. 13 Punkte aus sieben Spielen - das hat seit dem Abstieg 2004 nur - na klar - Maurer selbst geschafft, in der Saison 2005/06. «Wir haben in der Hinrunde über die kompletten 17 Spiele eigentlich nie enttäuscht», bilanziert der gebürtige Mindelheimer, «die Bilanz zur Halbzeit der Saison ist aus sportlicher Sicht solide bis gut.»

Eine Tatsache, die im Vereins-Tohuwabohu, das ab Oktober herrscht, beinahe untergeht. Denn in den Schlagzeilen der Folgemonate steht nichts mehr über Punkte und Tore. 1860 München erlebt einen Finanz-Tsunami und ein Personal-Wirrwarr ungeahnten Ausmaßes.

Mitte Oktober: Zwei Punkte Abzug durch die Deutsche Fußball-Liga DFL, der Verein hatte bei der Lizenzierung unzureichende Informationen abgegeben. «Das war ein Schock für alle», sagt Maurer im Rückblick, «danach haben wir gegen Bielefeld schlecht gespielt, nur Unentschieden, und damit noch mal zwei Punkte verloren.» Zwischenzeitlich war auch noch der Spieler Nsereko spurlos verschwunden, wurde fristlos entlassen - das nächste Drama.

Finanziell kommen jetzt die ersten Hiobsbotschaften, ganz schnell muss ein Spieler verkauft werden, Maurers Entdeckung Moritz Leitner unterschreibt bei Dortmund. 1860 ist - vorerst - wieder einmal gerettet.

«Grundsätzlich bin ich auch tagtäglich von den Meldungen überrascht worden», sagt Maurer, «und natürlich fällt es da der Mannschaft schwer, sich auf das Sportliche zu konzentrieren. Die Spieler sind genervt.»

Im November, platzt die nächste Bombe. Geschäftsführer Niemann tritt zurück, Nachfolger Robert Schäfer (34) kündigt heftige Einschnitte an. Kader verkleinern, Gehaltsverzicht, Personalabbau auf der Geschäftsstelle.

Der Versuch einer Radikal-Sanierung ist für Maurer ein Deja-Vu. «Als ich den FC Memmingen 1998 übernommen hatte», sagt Maurer, «gab es ähnliche finanzielle Probleme, natürlich nicht in dieser Größenordnung.» Die Spieler mussten auf 50 Prozent ihres Gehalts verzichten, kurz vor Weihnachten gingen auch noch fünf Stammspieler. Aber: «Damals hat die Sanierung funktioniert», weiß Maurer, der auf ein Ähnliches in München hofft.

Heute Trainingsauftakt

Es wäre ein schönes nachträgliches Weihnachtsgeschenk. Am 13. Januar wird Maurer wissen, ob ihm dieser Wunsch in Erfüllung gegangen ist. Bis dahin müssen die Münchner ihr Finanzkonzept bei der DFL vorlegen. «Trainer in München bei 1860 ist eben anders, als anderswo», schmunzelt Maurer vor dem heutigen Trainingsauftakt an der Grünwalder Straße. Der übermächtige FC Bayern als direkter Nachbar, der tägliche Medien-Boulevard, das Stadion mit all seinen Nebenerscheinungen.

«Von fünf Fragen, die an mich gerichtet werden, geht es bei vier um Dinge, die mich eigentlich nur peripher betreffen», meint der Mindelheimer, «ich bin doch schließlich nur der Trainer.»

Wo die Löwen stehen würden ohne dieses Theater? Reiner Maurer ist Realist, will darüber gar nicht nachdenken. Elf Jahre ist er jetzt im Verein, als Spieler, Scout oder Trainer. Maurer ist Löwe durch und durch. Ein Kämpfer. Also: Handy wieder an. Es geht weiter.

Autor:

Allgäuer Zeitung aus Kempten

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