Gericht
Mann aus dem Unterallgäu missbraucht Töchter seiner Partnerin - Anzeige nach 14 Jahren

Ein Mann aus dem Unterallgäu musste sich wegen Missbrauchs vor Gericht verantworten. 14 Jahre nach den Taten ging eines der Opfer zur Polizei und brachte so den Fall ins Rollen.

Nach außen waren sie eine ganz normale Patchwork-Familie: Silvia, Manuela (Namen geändert), ihre Mutter und deren Lebensgefährte Stefan L., der für die beiden Mädchen so etwas wie ein Ersatzvater war: Wenn die Mutter nachmittags arbeiten ging, passte er, damals arbeitslos, auf die beiden auf. Etwa drei Jahre funktioniert das ganz gut.

Bis zu dem Tag im Jahr 2000, als die Mutter bei der Arbeit ist und sich Stefan L. im Wohnzimmer einen Porno ansieht. Als die damals elfjährige Manuela dazukommt, lässt er sie mitschauen – um sie aufzuklären, wie der heute 41-Jährige etliche Jahre später bei der Polizei angibt.

Danach fordert er das Mädchen auf, ihn mit der Hand und dem Mund zu befriedigen. Später verlangt er das auch von ihrer achtjährigen Schwester. Silvia leckt er außerdem auch im Schambereich und berührt sie dort mit den Fingern und seinem Glied.

Immer wieder kam es zu Übergriffen

Etwa ein Jahr lang ist es den Schwestern zufolge immer wieder zu Übergriffen gekommen, wenn die Mutter nicht im Haus war. 'Er hat jede freie Minute genutzt', gibt Silvia vor Gericht an. Gesprochen haben die beiden mit niemandem darüber. Das sei ein Geheimnis, von dem die Mutter nichts wissen dürfe, habe der Angeklagte ihnen eingeschärft und außerdem behauptet, dass die ihnen ohnehin nicht glauben würde.

Doch eines Tages überrascht der Großonkel der Mädchen Stefan und Manuela nackt im Wohnzimmer und zieht die richtigen Schlüsse. Er spricht mit der Mutter über seinen Verdacht. Als sich ihr kurz darauf auch Manuela anvertraut, trennt sie sich von Stefan L.. Auf eine Anzeige verzichtet sie damals, weil sie fürchtet, dass Manuela, eine Autistin, das nicht durchstehen könnte.

Doch 14 Jahre später geht Silvia zur Polizei und bringt ihren ehemaligen Stiefvater noch einmal zwei Jahre später vor Gericht. Dort legt ihm Oberstaatsanwalt Christoph Ebert 180 Fälle von sexuellem Missbrauch zur Last – und rät ihm dringend, zu gestehen. Statt einer vierjährigen Haft sei dann eine zweijährige Bewährungsstrafe möglich. Der Vorsitzende Richter Nikolai Braun redet dem Angeklagten ebenfalls ins Gewissen: 'Sie haben bei der Polizei gesagt, dass es falsch war und dass es Ihnen leidtut. Gehen Sie diesen Weg jetzt konsequent weiter', fordert er ihn auf.

Beiden geht es nicht zuletzt darum, den jungen Frauen eine Aussage vor Gericht zu ersparen. Das Geständnis ist aber auch deshalb so wichtig, weil nach so langer Zeit schlicht nicht mehr exakt nachvollziehbar ist, was wann genau passiert ist. Bei der Polizei hat Stefan L. 14 Missbrauchs-Fälle, davon sieben Fällen von schwerem sexuellem Missbrauch, zugegeben. Das sind zwar deutlich weniger als die ihm vorgeworfenen 180, aber die hätten dem Angeklagten erst einmal nachgewiesen werden müssen.

Oberstaatsanwalt Ebert spricht deshalb in einer Verhandlungspause vom sprichwörtlichen 'Spatz in der Hand', mit dem man sich in diesem Fall zufriedengeben müsse. Für das Strafmaß ist es unerheblich und für die Opfer nach Eberts Erfahrung in der Regel auch: Ihnen gehe es meist weniger um die Strafe an sich als darum, dass ihnen jemand glaubt und dokumentiert wird, wer Täter ist und wer Opfer. Statt höherer Strafen wünscht sich Ebert, dass die Taten schneller entdeckt und zügig behandelt werden.

Er ist überzeugt, dass die Täter dadurch effektiver abgeschreckt werden würden. Noch lieber wäre ihm freilich, wenn es erst gar nicht dazu käme, weil die Kinder gelernt haben 'Nein' zu sagen oder sie zumindest eine Vertrauensperson haben, der sie sich schnell anvertrauen können. Jahrelang in psychologischer Behandlung Silvia und Manuela haben erst nach Stefan Ls Auszug richtig realisiert, was er ihnen angetan hat.

Silvia entwickelte einen Waschzwang und war wie ihre Schwester jahrelang in psychologischer Behandlung. Obwohl Stefan L. das Angebot von Richter und Staatsanwalt schließlich annimmt und gesteht, bestehen die beiden darauf, auszusagen. Das ermöglicht dem Angeklagten, sich bei ihnen zu entschuldigen. Außerdem bietet er ihnen als sogenannten Täter-Opfer-Ausgleich jeweils 3500 Euro an – 'auch wenn wir wissen, dass damit nichts wieder gutgemacht werden kann', wie sein Verteidiger Michael Boghdan betont.

Das Schöffengericht folgt schließlich dem Antrag von Staatsanwalt Ebert: Wenn sich der 41-Jährige, der inzwischen selbst Vater einer Tochter ist, in den nächsten drei Jahren etwas zuschulden kommen lässt, muss er für ein Jahr und zehn Monate ins Gefängnis.

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