Sportmedizin
Dr. Tilman Eßlinger, Chefarzt Chirurgie an den Kreiskliniken Ottobeuren und Mindelheim, spricht über operative Eingriffe an der Schulter

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'Schulteroperationen', so betont Dr. Tilman Eßlinger gleich am Anfang des Gesprächs, 'Schulteroperationen sind extrem schmerzhaft.' Deshalb werde 'bereits vor der eigentlichen Operation ein Schmerzkatheter gelegt, der selektiv das Schmerzempfinden an der Schulter ausschaltet und auch in den ersten Tagen nach der Operation für eine schmerzfrei beübbare Schulter sorgt'.

Im Rahmen der Serie 'Sprechstunde' erläutert der Chirurg auch, wann in diesem Bereich operiert werden sollte und in welchen Fällen konservativ behandelt werden kann.

Konzentrieren wir uns mal auf die Schultereckgelenksprengung. Welche Sportler sind davon am meisten betroffen?

Eßlinger: Hauptsächlich Radfahrer, Motorradfahrer und Skifahrer. Und auch Eishockeyspieler, wenn sie gegen die Bande krachen.

Was bedeutet Schultereckgelenksprengung?

Eßlinger: Nach einem direkten Aufprall können die Bänder reißen, die das Schultereckgelenk halten. Durch das Zerreißen der Bänder tritt das äußere Ende des Schlüsselbeins nach oben, was äußerlich als 'Hubbel' an der Schulter erkennbar wird. Man spricht auch vom 'Klaviertastenphänomen', wenn nämlich das Schlüsselbein-Ende wie eine Taste heruntergedrückt werden kann.

Muss eine Eckgelenksprengung immer operiert werden?

Eßlinger: Nein, beileibe nicht. Je nach Ausmaß des Risses wird entschieden, ob es auch ohne Operation geht.

Wie wird operiert?

Eßlinger: Das kann man arthroskopisch (also als 'Schlüssellochchirurgie mit nur kleinem Schnitt) machen oder offen. Die gerissenen Bandstrukturen werden genäht und für die Phase des Verheilens mit Knochenankern, resorbierbaren Kordeln oder auch einer rigiden Platte verstärkt. Vor allem bei Sportlern, die Kontaktsportarten betreiben (etwa Eishockeyspieler) wenden wir die Spezialplatte an, da sie die 'sicherste' Verstärkung darstellt.

Warum brauchen die Eishockeyspieler eine Sonderbehandlung?

Eßlinger: Weil die sich in der Regel nicht lange schonen, sondern eher zu früh wieder mit Trainieren anfangen. Deshalb brauchen sie ein festes Konstrukt.

Wie lange dauert eine Operation und was sind die Risiken?

Eßlinger: Etwa eine Dreiviertelstunde. Neben den üblichen OP-Risiken wie Wundheilungsstörung oder Infekt ist die größte Komplikationsmöglichkeit, dass die Stricke vorzeitig reißen und dass es wieder zu einem Auseinanderklaffen von Schlüsselbein und Schulterdach kommt.

Wie lange sollte sich ein Sportler nach einer solchen OP schonen?

Eßlinger: Rund acht Wochen sollte er pausieren, bevor er wieder ins spezifische Training einsteigt.

Ist hinterher eine Reha erforderlich?

Eßlinger: Nein. Es reicht hier Krankengymnastik.

Nach welcher Art von Schulter-OP ist eine Reha notwendig?

Eßlinger: Wenn die Rotatorenmanschette betroffen ist, sollte sich eine Reha anschließen, allerdings zeitversetzt, erst nach sechs Wochen. Vorher macht hier eine Reha keinen Sinn.

Wie viele Schulteroperationen machen Sie im Jahr?

Eßlinger: Es sind rund 200 Schultereingriffe, 90 Prozent arthroskopisch und zehn Prozent offen. Wobei das letztlich egal ist. Eine offene OP ist genauso gut wie eine arthroskopische. Im Ergebnis unterscheiden sie sich nicht.

Wie wird eine Schulterverletzung diagnostiziert?

Eßlinger: Untersuchung, Sonographie (Ultraschall) und Röntgen. In sicherlich 80 Prozent der Fälle ist schon nach Untersuchung und Sonographie klar, was zu tun ist. Bei unklaren Fällen braucht es die Kernspintomographie. Etwa auch im Vorfeld von Sehnentransfer-Operationen oder Operationen an den die Schultermuskulatur versorgenden Nerven.

Was bedeutet Sehnentransfer?

Eßlinger: Wenn etwa die Rotatorenmanschette nicht mehr rekonstruierbar ist, entnimmt man Muskel-Anteile aus dem Rücken- oder Brustmuskel und versetzt diese. Die Reha nach solchen Sehnentransferoperationen ist jedoch deutlich länger und aufwändiger, sodass ein Arbeitsausfall von etwa einem Vierteljahr ansteht.

Die Schulter gilt als das komplizierteste Gelenk im menschlichen Körper

Eßlinger: Wenn man sich damit beschäftigt, erscheint die anfangs groß erscheinende Komplexität nicht mehr so groß. Dadurch natürlich, dass die Schulter in allen drei Raumebenen frei beweglich ist, ist es am Knie oder am Ellbogen einfacher.

Wie ist es um die Schmerzen nach einer Schulter-OP bestellt?

Eßlinger: Die ersten vier, fünf Tage sind stark schmerzhaft, deshalb wird auch gleich ein Schmerzkatheter gelegt. Meist ist man nach zehn Tagen dann schmerzfrei.

Ist es leicht zu entscheiden, ob eine OP an der Schulter erforderlich ist?

Eßlinger: Viele, wenn nicht sogar die meisten Probleme an der Schulter lassen sich ohne Operation lösen, vor allem, da die meisten Schmerzen an der Schulter nicht strukturell, sondern funktionell sind; das heißt es liegt keine Schädigung, sondern nur eine vorübergehende Funktionsstörung vor. Dies lässt sich durch eine genaue Untersuchung herausfinden. Es gibt jedoch auch ganz klare OP-Indikationen. Generell glaube ich, dass bei uns in Deutschland eher zuviel an der Schulter operiert wird.

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