Special Prozesse im Allgäu SPECIAL

Signale falsch gedeutet
"Zur Luststeigerung" in die Brüste gebissen: Schöffengericht Memmingen spricht Mann (36) frei

Amtsgericht Memmingen (Symbolbild)
  • Amtsgericht Memmingen (Symbolbild)
  • Foto: Kurt Kraus
  • hochgeladen von Julian Hartmann

Das Schöffengericht Memmingen hat einen 36 Jahre alten Mann vom Vorwurf der sexuellen Nötigung freigesprochen. 

Eine 30-Jährige hatte den Mann im April 2018 angezeigt, weil er sie im Januar desselben Jahres sexuell genötigt haben soll. Kennengelernt hatten sich die beiden über die Facebook-Gruppe "Singles München und Umgebung". 

Musik und Kerzen: falsche Signale?

Nachdem sie über mehrere Wochen miteinander gechattet hatten, verabredeten sie sich schließlich zu einem Filme-Abend in der Wohnung der Frau. Anstatt einen Film zu schauen, machten es sich die beiden aber auf der Couch bequem, redeten und hörten Musik. Außerdem zündete die Frau Kerzen an. Signale, die der Mann offenbar falsch deutete.

Nach einiger Zeit griff der Mann der 30-Jährigen unter den Pullover und knetete ihren Bauch. Als die Frau sich beschwerte, ließ er zunächst von ihr ab. Im weiteren Verlauf des Abends soll er sich dann aber hinter sie gelegt, sie am Rücken gekratzt und an den Haaren gezogen haben. Das stritt der Mann jedoch ab. Er habe sie lediglich gekrault und sei mit dem Ellbogen versehentlich auf ihren Haaren gelegen. 

Zeugenaussage der Frau per Video 

Dann forderte der Mann die Frau auf, sich den Pullover auszuziehen. Nach mehrmaligen Aufforderungen sei sie schließlich darauf eingegangen, gab die Klägerin vor Gericht an. Sie sei eingeschüchtert gewesen und hätte sich dazu genötigt gefühlt, sich auszuziehen. Weil die 30-Jährige an einer posttraumatischen Belastungsstörung leidet, wurde sie per Video-Vernehmung befragt. Während der Befragung hatte die 30-Jährige sichtlich zu kämpfen und brach schließlich in Tränen aus. Ob die posttraumatische Belastungsstörung auf den Vorfall zurückzuführen ist, wurde nicht geklärt. 

Im weiteren Verlauf des Abends fing der Mann dann an, die Frau an den Brüsten zu liebkosen. Dabei biss er ihr auch in die Brüste, woraufhin die Frau zu weinen anfing und laut "Aua" rief. Trotzdem hörte der 36-Jährige nicht damit auf. "Je mehr du jammerst, desto geiler macht mich das", soll der 36-Jährige nach ihrer Aussage zu ihr gesagt haben. Das sei nicht seine Redensart, hielt dieser entgegen. Er habe sich entschuldigt. Das "Aua" habe er nicht als Signal verstanden, aufzuhören, sondern weniger hart zuzubeißen. 

Beißen und Kraulen "zur Luststeigerung"

Dass für den 36-Jährigen solche sexuellen Praktiken nicht unüblich sind, wird vor Gericht deutlich. Bis jetzt habe sich noch keine beschwert, meint er. Das Beißen und Kraulen diene zur "Luststeigerung". Schließlich kam es auch zum Oral-Verkehr, wobei der Mann, nur in Boxer-Shorts bekleidet, mit der Zunge in die Vagina der Frau eindrang. Auch damit war die Frau nicht einverstanden. Sie sei zurückgewichen, habe aber nichts gesagt. Danach soll der sexuelle Kontakt beendet gewesen sein. Der Mann hat im Anschluss bei ihr übernachtet.

Sie habe sich geschämt und schuldig gefühlt, antwortet die 30-Jährige auf die Frage, warum sie den Fall erst drei Monate nach dem Abend zur Anzeige brachte. Außerdem habe sie sich in den Tagen nach dem Vorfall stark betrunken. Auch zum Frauenarzt war die 30-Jährige nicht gegangen. 

"Nein" unzureichend erkennbar

In seinem Plädoyer sprach Rechtsanwalt Raimund Förschner von einem totalen Missverständnis. Sein Mandant habe zu keinem Zeitpunkt erkannt bzw. erkennen können, dass die Frau nicht mit den Handlungen einverstanden war. Außerdem verwies er auf den Grundsatz "in dubio pro reo" (Im Zweifel für den Angeklagten). Das Gericht folgte dem letztendlich und entschied auf Freispruch. Die Chatverläufe hätten die Aussage der Frau widerlegt, dass an diesem Abend nur kuscheln und Filme schauen geplant war. Wenn man Anreize setzte, müsse man dann auch klar deutlich machen, dass man das nicht wolle, so der Richter. Er meinte auch "Nein heißt Nein", dass sei aber nur unzureichend erkennbar gewesen.

4 Kommentare

online discussion

Sie möchten kommentieren?

Sie möchten zur Diskussion beitragen? Melden Sie sich an, um Kommentare zu verfassen.

Diskussion schließen

Hinweis: Der Autor wird vom System benachrichtigt

add_content

Sie möchten selbst beitragen?

Melden Sie sich jetzt kostenlos an, um selbst mit eigenen Inhalten beizutragen.

© Allgäuer Zeitungsverlag GmbH / rta.design GmbH

Powered by PEIQ

Karte einbetten

Abbrechen

Video einbetten

Es können nur einzelne Videos der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Playlists, Streams oder Übersichtsseiten.

Abbrechen

Social-Media Link einfügen

Es können nur einzelne Beiträge der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Übersichtsseiten.

Abbrechen

Beitrag oder Bildergalerie einbetten

Abbrechen

Schnappschuss einbetten

Abbrechen