Jens Sommerer im Interview
Verrückte Radtour: Allgäuer fährt von Memmingen ans Mittelmeer

Jens Sommerer aus der Nähe von Memmingen ist aus dem Allgäu mit dem Rennrad ans Mittelmeer gefahren.
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Mit dem Fahrrad aus dem Allgäu ans Mittelmeer? 1.800 Kilometer und 25.000 Höhenmeter in dreieinhalb Wochen? Klingt verrückt und anstrengend - und genau das ist es auch. Doch Jens Sommerer aus der Nähe von Memmingen hat es geschafft. Am 19. Juli hat sich der 37-Jährige von Memmingen aus auf den Weg nach Port-Saint-Louis-du-Rhône (bei Marseille) gemacht. Im Interview erzählt er uns unter anderem wie man auf so eine Idee kommt, was sein persönliches Highlight war und welcher Berg ihn besonders gefordert hat. 

Jens Sommerer im Interview 

Hallo Jens, wie kommt man denn überhaupt auf die verrückte Idee, mit dem Fahrrad von Memmingen ans Mittelmeer zu fahren?
Jens Sommerer: Ich fahre seit über 20 Jahren Rennrad, doch das Reisen begann erst 2017. Wenn man morgens zu Hause startet und abends wieder zu Hause sein will, ist der Radius begrenzt, die Strecken wiederholen sich und das wird irgendwann langweilig. Ich kaufte also 2017 einen gebrauchten Kinderanhänger für 26 Euro (wollte erstmal vorsichtig an die Sache rangehen), dachte ich könnte Wochenendtouren fahren: Samstags hin, 1x übernachten, sonntags zurück. Der Radius wäre somit größer. Der Gedanke und Wunsch nach einer Reise wuchs, ich investierte immer mehr in Reiseausrüstung, Filmzubehör, Technik, machte Testfahrten und fuhr dann 2018 von Hessen ins Allgäu, zum Bodensee, zum Rheinfall, durch den Schwarzwald bis in die Vogesen und wieder hoch nach Hessen. Die erste Tour ging über etwa 1400 Kilometer, lief sehr gut und so folgte ein Jahr später die Alpenüberquerung unter anderem über das Stilfser Joch bis runter zum Gardasee. Auch diese Tour war ein sehr schönes Erlebnis und so war es keine Frage, dass weitere Radreisen folgen werden.

Wie lange hast du die Tour geplant?
Jens Sommerer: Ich habe eine Gepäckliste und plane vorab eine ungefähre Route mit einigen Orten, die ich erreichen möchte. Etwa 1 Monat vor Tourstart beginnt dann die heiße Phase, wo letzte Details ausgearbeitet werden. Eine gute Vorbereitung und vor allem eine durchdachte Packliste ist wichtig. Da ich alleine unterwegs bin, muss ich unterwegs mögliche Probleme aus eigener Kraft beheben können.

Wie hast du ich darauf vorbereitet?
Jens Sommerer:  Ich selbst trainiere im Winter regelmäßig auf der Rolle, versuche mich gesund zu ernähren und absolviere im ersten Halbjahr über 4000 Trainingskilometer. Das Allgäu bietet hervorragende Trainingsbedingungen. Mein Gebiet für Tagestouren erstreckt sich vom Ammersee, Garmisch-Partenkirchen, Tannheimer Tal, Oberjoch, Sonthofen, Bodensee, Biberach, Ulm, Heidenheim bis Augsburg.

Welche Strecke bist du genau gefahren und wie lange hast du gebraucht?
Jens Sommerer: Als großer Radsport-Fan habe ich mir vor allem die berühmten Pässe herausgesucht, welche man von den Fernsehübertragungen kennt: Furkapass, Col de la Forclaz, Kleiner St. Bernhard, Col de L’Iseran, Col du Télégraphe, Col du Galibier, L’Alpe D’Huez und den berühmten Mont Ventoux. Und von dort war es auch nicht mehr weit bis um Mittelmeer. Zurück ging es dann durch das Rhone Tal. Ich war etwa 3,5 Wochen unterwegs und habe über 1800 Kilometer und über 24000 Höhenmeter bewältigt.

Was war die größte Herausforderung während der Tour? Gab es eine Etappe, die besonders anstrengend war?
Jens Sommerer: Der Col de L’Iseran ist mit 2770m der höchste asphaltierte Pass der Alpen und sich dort mit Anhänger und Reisegepäck hochzukämpfen erfordert schon etwas Kondition. Oben auf dem Gipfel ist es auch in den Sommermonaten recht kühl und windig, so dass die Muskeln recht schnell auskühlen. Dennoch war es ein unvergessliches, intensives Erlebnis.

Was war dein persönliches Highlight während der Tour?
Jens Sommerer: Die Auffahrt nach L’Alpe D’Huez, dem berühmtesten Anstieg der Tour de France, war sicherlich etwas Besonderes. Bereits als Jugendlicher verfolgte ich 1997 am TV den packenden Zweikampf zwischen dem Italiener Marco Pantani und Jan Ullrich, der als einziger Deutscher die Tour de France gewann. Man fühlt sich seinen Idolen auf diesen steilen, fordernden Kilometern schon recht nah. Ebenso eindrucksvoll waren aber auch die ersten Schritte im Sand, als nach 18 Tagen im Sattel das Mittelmeer vor mir auftauchte.

Was hattest du alles dabei? Wo hast du übernachtet?
Jens Sommerer: Meine Gepäckliste umfasst etwa 160 Teile, darunter Kleidung, Werkzeug, Körperpflegeartikel, Filmzubehör, Ersatzteile, Medikamente und Regenausrüstung. Da ich in Hotels übernachte, habe ich mehr Auswahl an Übernachtungsmöglichkeiten, als bei Campingplätzen und spare mir das Gewicht von Schlafsack, Isomatte und sonstigem Campinggepäck. Weiterhin bietet ein Hotel meist etwas umfangreichere Möglichkeiten sich zu regenerieren. Der Körper wird stark beansprucht und da spielt eine gute Körperpflege eine wichtige Rolle.

Kannst du dir vorstellen, so etwas nochmal zu machen oder war das ein einmaliges Projekt? Steht vielleicht schon das nächste Projekt in den Startlöchern?
Jens Sommerer: Die Art zu reisen ist einzigartig, keinesfalls vergleichbar mit einer Flug-Pauschalreise oder zum Beispiel einer Reise im Wohnmobil. Eine Radreise ist fesselnd und holt einen gedanklich komplett aus dem Alltag raus. Sofern die Gesundheit und Fitness mitspielt, werden noch viele Radreisen folgen. 2022 stehen die Pyrenäen auf dem Plan und ich spare bereits jetzt Urlaubstage an. Natürlich wird es auch wieder ein Film geben.

Wie hast du dir die Tour finanziert? Gab es irgendwelche Sponsoren oder kam das Geld alles aus eigener Tasche?
Jens Sommerer: Ich habe die Touren und die gesamte Ausrüstung komplett zu 100% selbst finanziert. Sponsoren gibt es bis jetzt keine, aber das Interesse der Leute scheint zu wachsen. Ich wurde täglich angesprochen, viele Leute machten Fotos oder folgten mir später bei Instagram (Hier gehts zum Instagramprofil von Jens), vielleicht auch weil mein Reisegespann etwas anders aussieht, als die typischen Reiseräder mit Packtaschen. Ich sehe mich dennoch nicht als typischer Influencer, gehe einer geregelten Vollzeitbeschäftigung als Führungskraft im Personalwesen nach, aber ich freue mich natürlich immer über neue Kontakte und auch gerne Sponsoren.

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