Reportage
Urlaubszeit ist Einbruchszeit? Nicht wirklich.

Die Sommerferien müssten doch die perfekte Zeit für Einbrecher sein: wegen der Urlaubszeit zig verwaiste Einfamilienhäuser und Wohnungen, die Nachbarn beim Baden oder bierselig auf dem Grillfest. Ideal für einen unbemerkten Diebstahl. Entgegen der landläufigen Meinung gibt es in der Sommer-Ferienzeit nicht mehr Einbrüche als sonst, bestätigt Kriminalhauptkommissar Ralph Müller. Im Gegenteil: In den Ferien bauen die Polizisten sogar ihre Überstunden ab, weil weniger zu tun ist.

Trotzdem zeigen Statistiken, dass die Häufigkeit der Einbrüche in deutschen Haushalten, bezogen auf das ganze Jahr, steigt. Nach Meinung von Ralph Müller eine Folge des gesellschaftlichen Wandels: die Schere zwischen arm und reich wird immer größer. Deswegen ist die Verlockung schnell und einfach – wie etwa durch einen Diebstahl – an Geld zu kommen sehr groß.

Doch Einbrüche werden nicht nur von Gelegenheits-Dieben begangen. Immer öfter hört man von organisierten Tätergruppen, die in ganzen Stadtvierteln unterwegs sind. Besonders in älteren Siedlungen, die in den 70er Jahren entstanden sind, wo die Häuser noch die Originalfenster haben, ist der Einstieg durch Aufhebeln der Scharniere schnell und einfach. Die Täter sind bei den einzelnen Einbrüchen dann nicht etwa auf große Reichtümer aus, sondern erbeuten in jedem Haushalt kleine Beträge und ziehen zum nächsten Haus weiter.

Geübten Tätern gelingen so am Tag mehrere Einbrüche. Mit geschultem Blick wissen sie sofort, an welchen Punkten sie zum Aufbrechen ansetzen müssen. Am beliebtesten ist der Zutritt meist über die Terassentür. Der Täter hat hier mit der Tür oft leichtes Spiel: Eine große starre Fläche mit wenig Scharniertechnik.

Wie verhält man sich, wenn man zuhause ist und plötzlich fremde Schritte hört? Man ruft zunächst die Polizei, macht sich bemerkbar und zieht sich in einen sicheren Bereich zurück, rät Fachmann Müller. In jedem Fall sollte man die 1:1 Situation mit dem Täter vermeiden und ihn nicht in eine Notsituation bringen, damit der Einbrecher nicht über-heftig reagiert.

In seiner Zeit als aktiver Ermittler konnte Ralph Müller feststellen, dass Einbruchsopfer den finanziellen Schaden, den ein Einbruch mit sich bringt, vergleichsweise leicht verkraften. Schmerzlicher sei der Verlust von Wertgegenständen, wie etwa Schmuck, bei denen der emotionale Wert überwiegt.

Eine fremde Person, die ohne besonderen Aufwand ins Eigenheim eindringt, während man nicht zuhause ist. Diese Vorstellung löst bei vielen ein mulmiges Gefühl aus. Das schlimmste ist, so berichtet der Kripo-Beamte, die Tatsache, dass ein Fremder in die eigene Privatsphäre eindringen konnte und Zugang zu intimen Dingen hatte. Daher kommt es nicht selten vor, dass viele Opfer von Einbrüchen in der Folge mit psychischen Problemen zu kämpfen haben.

Die Chancen, den Täter zu finden, um wieder zur Ruhe zu kommen, hängen allerdings auch vom Einbrecher selbst ab. Es kommt darauf an, wie der Täter sich benimmt, je nachdem, wie er arbeitet, können die Ermittler auswertbare Spuren finden.

Was kann man tun, um dem Einbruch vorzubeugen? Man kann bereits vorhandene Fenster und Türen nachrüsten, also Beschläge oder Sicherungen an den Scharnieren anbringen. Zudem gibt es ganze Sicherheitspakete, die sämtliche Öffnungen von außen unzugänglich machen. Wichtig ist dabei, dass diese der sogenannten DIN-Norm entsprechen. Diese zeichnet zertifizierte Produkte aus, die verschiedenen Prüfungen standhalten können. Dabei spielt der Anbieter keine Rolle.

Allerdings gibt es auch kostenfreie Präventionsmaßnahmen. Die Memminger Kriminalpolizei betreut das Projekt Vorsicht! Wachsamer Nachbar, das die Nachbarschaftshilfe stärken soll. Ziel des Ganzen ist eine Gemeinschaft, in der die Leute bewusst und aufmerksam zusammenleben und ihre Nachbarn vor möglichen Einbrechern warnen können. Auch wenn man sich über die Geschehnisse in Nachbars Garten nicht ganz sicher ist, sollte man nicht davor scheuen, die Polizei zu alarmieren: Melden Sie sich lieber ein mal zu viel als zu wenig, appelliert Müller.

Für die Urlaubszeit gilt Folgendes: Simulieren Sie Ihre Anwesenheit, am besten durch die Hilfe der Nachbarn oder Freunde. Geschlossene Rollläden am Tag signalisieren bereits von außen, dass keiner zuhause ist. Besser ist es, wenn der Nachbar bei Gelegenheit die Rollläden öffnet und schließt oder diese gleich komplett offen bleiben. Auch ein überfüllter Briefkasten kann für Einbrecher einladend wirken, bestellen Sie also am besten für die Urlaubszeit die Zeitung ab. Ein seit Tagen unberührter Garten lädt ebenfalls zum Einbruch ein. Nehmen Sie sich vor der Abreise daher genug Zeit, um sämtliche Anzeichen für Ihre Abwesenheit abzuschaffen.

Internetexperten warnen davor, ihre Abreise bei sozialen Netzwerken (facebook, twitter) zu posten. Diebe und Einbrecher könnten so herausfinden, wer wann in den Urlaub fährt. Nach Einschätzung von Hauptkommissar Ralph Müller besteht hier keine große Gefahr, da nichts dagegen spreche, schöne Erlebnisse mit Freunden zu teilen. Allerdings sollte man auf seine Ausdrucksweise achten, man will ja schließlich nicht die Bösen zu sich einladen. Und nach dem Urlaub posten geht ja schließlich auch.

Autor:

Redaktion all-in.de aus Kempten

following

Sie möchten diesem Profil folgen?

Verpassen Sie nicht die neuesten Inhalte von diesem Profil: Melden Sie sich an, um neuen Inhalten von Profilen und Orten in Ihrem persönlichen Feed zu folgen.

Folgen Sie diesem Profil als Erste/r

Kommentare

online discussion

Sie möchten kommentieren?

Sie möchten zur Diskussion beitragen? Melden Sie sich an, um Kommentare zu verfassen.

Diskussion schließen

Hinweis: Der Autor wird vom System benachrichtigt

Karte einbetten

Abbrechen

Video einbetten

Es können nur einzelne Videos der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Playlists, Streams oder Übersichtsseiten.

Abbrechen

Social-Media Link einfügen

Es können nur einzelne Beiträge der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Übersichtsseiten.

Abbrechen
add_content

Sie möchten selbst beitragen?

Melden Sie sich jetzt kostenlos an, um selbst mit eigenen Inhalten beizutragen.

Powered by Gogol Publishing 2002-2019