Benediktinerabtei
Ungemein schön und großartig - Das Kloster in Ottobeuren

'Das Kostergebäude in seiner ganzen Größe ist ungemein schön und großartig in die Augen fallend. Die Kirche aber, wenn sie zu ihrem Stande kommt, wird ein Muster aller schönen Gotteshäuser werden.'

Laurentius Doberschitz, Benediktiner-Pater aus Oberösterreich, war offensichtlich begeistert, als er im Jahr 1763 Ottobeuren besuchte. Die Abtei und die zu jenem Zeitpunkt noch nicht ganz fertiggestellte Klosterkirche müssen ihn tief beeindruckt haben.

Die Klosteranlage samt der Basilika ist auch heute noch ein Seh-Erlebnis allerersten Ranges, dem sich kaum jemand verschließen kann – ob gläubig oder nicht. Egal, von welcher Seite man sich Ottobeuren nähert: Dieses barocke Bauwerk fasziniert. Die schiere Größe des Konvent-Gevierts ist ebenso unglaublich wie die Mächtigkeit der ihm vorgelagerten Klosterkirche. Ganz zu schweigen von der prächtigen Ausgestaltung des Gotteshauses oder etwa des Kaisersaals. Es gibt im Allgäu kaum Vergleichbares an Baukunst und Opulenz zu bewundern.

Vor 300 Jahren, am 5. Mai 1711, legte der Abt Rupert Ness den Grundstein für dieses ebenso wundervolle wie wundersame Bauwerk. Zwölf Jahre dauerten die Arbeiten am 142 Meter langen und 128 Meter breiten Konventgebäude. 1723 konnten die Benediktinermönche die Anlage mit den drei Innenhöfen endgültig in Besitz nehmen.

Für die Kirche hatte man zu diesem Zeitpunkt zwar schon viele Ideen und ein paar Pläne. Doch erst 1737 konnte Abt Rupert den ersten Stein in die Ottobeurer Erde legen. 29 Jahre später, 1766, wurde das Gotteshaus eingeweiht – allerdings in nicht ganz fertigem Zustand.

'Ein Wahnsinnsunternehmen'

Wie konnte ein kleines Häuflein von 34 Mönchen an einem relativ abgelegenen Ort wie Ottobeuren ein solches Bauwerk aus dem Boden stampfen? Solche Fragen stellen sich uns Heutigen ja immer, wenn wir zurückblicken auf Zeiten, in denen es keine Bagger und Kräne gab, keine Motoren und Computer. Einen gewissen Einblick gibt Dr. Gabriele Dischinger.

Die 66-jährige Münchener Kunsthistorikerin hat – pünktlich zum Jubiläum – ein dreibändiges Werk herausgebracht, in dem sie die Baugeschichte von allen Seiten unter die Lupe nimmt und fast minutiös nachzeichnet. Dadurch werden die seinerzeitigen Ideen und Handlungen teilweise nachvollziehbar. Auch Dischinger spricht bewundernd von einem 'Wahnsinnsunternehmen'. 'Es ist unglaublich, was die Ottobeurer auf die Beine gestellt haben.'

In den letzten beiden Jahrzehnten des 17. Jahrhunderts begannen die Benediktinermönche in Ottobeuren über einen Neubau nachzudenken.

Das Konventgebäude befinde sich in schlechtem Zustand und müsse 'mit der Zeit notwendig von newem erbawt werden', heißt es in Quellen aus dem Jahr 1682. 1686, so vermutet Gabriele Dischinger, fertigte der Vorarlberger Baumeister Michael Thumb erste Entwürfe. Sie verschwanden allerdings bald wieder in der Schublade.

Es lässt sich trefflich darüber spekulieren, ob nur der schlechte Zustand des Klosters einen Neubau nahelegte. Vermutlich war es auch eine Sache des Prestiges. Immerhin entstanden rings um das stolze Reichsstift Ottobeuren herum herausragende barocke Anlagen, etwa in Kempten oder Weingarten.

Es ist ja nichts Neues, dass sich die kirchlichen und weltlichen Herren in den Jahren nach dem 30-jährigen Krieg mächtig ins Zeug legten und sich bisweilen auch gegenseitig übertreffen wollten, was Größe und Pracht der Bauwerke anging.

Finanzen systematisch saniert

Um das Jahr 1700 herum nahm Abt Gordian Scherrich einen neuen Anlauf für einen Neubau. Er machte die Rechnung freilich ohne seine Mönche: Sie lehnten die Pläne ab. Begründung: Ein solch prächtiges Gebäude sei weder notwendig noch mit der Modestia (Mäßigung) und Honestas (Ehre) der Benediktiner zu vereinbaren. Abt Gordian verlegte sich deshalb auf eine andere Strategie, um den Bau durchzusetzen. Mit Hilfe von Pater Rupert Ness sanierte er systematisch die Finanzen. 1704 ernannte der Abt den Pater zum Großkeller, also zum Finanzminister der Abtei.

Diese Beiden plus der baukundige Pater Christoph Vogt legten in den Jahren 1700 bis 1710 den ideellen Grundstein für den Klosterneubau. In dieser Zeit studierten die Ottobeurer Mönche immer wieder vergleichbare Klosteranlagen – wohl um Anregungen für die eigenen Pläne zu erhalten. Der reale Grundstein wurde 1711 gelegt – nur wenige Monate nachdem Abt Gordian gestorben und Rupert Ness zu seinem Nachfolger gewählt worden war. Diesmal zogen die Mönche mit.

In den nächsten zwölf Jahren wurde das riesige Gebäude Zug um Zug errichtet. Auf der Baustelle und als Zulieferer arbeiteten bezahlte Handwerker, Handlanger, Künstler und, natürlich, Untertanen, die Frondienste zu leisten hatten. Bezahlt wurde das kühne Unternehmen vor allem aus dem Verkauf der landwirtschaftlichen Produkte.

Wie viel es kostete, lässt sich heute nicht mehr nachvollziehen, so Expertin Dischinger.

Der Innenausbau samt der künstlerischen Ausgestaltung begann um das Jahr 1718. Das alte Kloster, das fast an der gleichen Stelle stand, wurde nach und nach abgerissen (ein Vorgang, der sich beim Kirchenbau wiederholte).

1722 zog Abt Rupert um – als Letzter der Mönche. Der Kaisersaal, das Prunkstück über dem Eingangsbereich im Westen, wurde freilich erst 1727 fertiggestellt.

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