Kirche
Prediger gegen den Zeitgeist

Zwei Stunden dauert das Interview mit dem Ordensmann, das ein Stück Zeitgeschichte zu Tage fördert. Es handelt vom Nationalsozialismus, von der Nachkriegszeit, von den aktuellen Verhältnissen

. Bei der Verabschiedung kommt ein Mitbruder des Weges und der Pater bittet ihn, ein Büchlein mit einer handschriftlichen Widmung zu holen: «Genügsam mit Wenigem», heißt es da. Treffender lässt sich nicht zusammenfassen, was der Priester in den vorangegangenen zwei Stunden sagen wollte. Mit seinem Credo, dass sich die Menschen nicht so sehr dem Materialismus hingeben sollten, wirkt er wie ein Prediger gegen den Zeitgeist.

Der Ordensmann ist der 95-jährige Siegfried Schäffler, ältester Salesianer-Pater in Deutschland. Am Sonntag feiert er ein seltenes Jubiläum: Er ist seit 70 Jahren Priester. Schäffler lebt im Marianum, der Niederlassung der Salesianer in Buxheim (Kreis Unterallgäu). Er wirkt wie jemand, der ein Mittel gefunden hat, um den Alterungsprozess zumindest zu verlangsamen.

Nein, das lange Interview habe ihn nicht besonders angestrengt, sagt er hinterher. Und erzählt mit fast kindlicher Freude, dass ihm der Talar immer noch passt, den er in den 1930er Jahren getragen hat. «Schlanke Linie, wunderbar», lacht der Priester. Sein Rezept: «Viel Bewegung, nicht zuviel essen.» Noch heute geht er jeden Tag spazieren - «ohne Stock», wie Schäffler gleich nachschiebt.

Wer ihn so erzählen hört, mag kaum glauben, dass er dem Tod schon einmal ganz nahe war: «Im Krieg wurden mir in Russland beide Beine zerschossen, das Becken und die Lunge.»

Schlüsselerlebnis

Schon lange vorher stand für den gebürtigen Ulmer fest, dass er ein Leben im Orden führen will. Er erzählt von einem Schlüsselerlebnis in Schwäbisch Gmünd, wohin die Familie umgezogen war: «Ein Salesianer feierte seine Primiz. Der Prediger hat so begeisternd gesprochen, dass sieben junge Männer aus dem Ort ebenfalls dem Orden beigetreten sind.» Einer von ihnen war Schäffler. Die Nationalsozialisten waren inzwischen an der Macht, der Pater spricht von einem «kirchenfeindlichen Klima» in Deutschland. «Aber keiner von uns hatte Angst.

» In der Oberpfalz gehörte Schäffler zu den 110 Novizen, die sich auf ein Leben im Salesianer-Orden vorbereiteten. «Man hatte gar nicht für alle Verwendung in Deutschland. 40 kamen in die Mission», erinnert sich der 95-Jährige.

Nachwuchssorgen

Heutzutage leide der Orden in Europa unter Nachwuchssorgen, vergleicht Schäffler. Die Menschen seien zu materialistisch geworden. «Sie denken zu viel an das Irdische und zu wenig an das Religiöse. Bei manchen ist der Wohlstand zu groß.» Dann hebt er den Zeigefinger: «Und die Theologen sind zu wissenschaftlich geworden, das Religiöse fehlt bei vielen. Aber ich verurteile sie nicht, sie haben es an der Universität so gelernt.»

Schäfflers Weg bei den Salesianern führte ihn 1953 erstmals nach Buxheim. Er kam als Direktor der Niederlassung und blieb bis 1966. Der Pater denkt gerne an diese Zeit zurück. Der Orden betrieb damals noch ein Gymnasium, heute tritt das Schulwerk der Diözese als Träger auf. «Die Schüler kamen von überall her in das Internat und fuhren nur in den Ferien heim. Wir waren eine große Gemeinschaft mit Gottesdiensten, Theater und Musik.» Es war eine Zeit, in der nicht wenige Absolventen des Marianums später Pfarrer wurden. «In all den Jahren haben über 100 Schüler von mir den Priesterberuf ergriffen», blickt Schäffler auf sein 70-jähriges Wirken als Ordensmann zurück.

Nach Stationen in Kempten, Burghausen und Bad Wörishofen kam er wieder nach Buxheim: «Wegen der Kartause, bis zum letzten Jahr habe ich dort Führungen geleitet.» Das Museum in der früheren Reichskartause zieht vor allem wegen des bekannten Chorgestühls viele Besucher an. Die Führungen überlässt er jetzt anderen, am Computer arbeitet Schäffler heute noch regelmäßig: «Zum 90.Geburtstag habe ich einen geschenkt bekommen. Damals hatte ich keine Ahnung, wie man damit umgeht. Meine Mitbrüder haben es mir beigebracht.» Mehrere «Büchlein» schrieb er seither, ein weiteres plant der 95-Jährige: «Eine Auswahl der Weihnachtsbriefe, die ich jedes Jahr herausgebe.» Denn «gute Worte», ist Schäffler überzeugt, «stärken den Glauben am meisten».

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