Heimatreporter-Beitrag
Lehrstelle für Aziz

Ich möchte die Geschichte des 23-jährigen Marokkaners AZIZ erzählen. Ungeschönt und real.
Er kommt aus einem kleinen Dorf an der Küste, ca. 100 km von Casablanca entfernt und stammt aus sehr armen Verhältnissen. Der Vater ernährt mit 160 Euro im Monat die sechsköpfige Familie. Aziz konnte die Schule aus wirtschaftlichen und familiären Gründen nur bis zur 8. Klasse besuchen, obwohl er Klassenbester war und alle Voraussetzungen für eine höhere Ausbildung/Studium, gegeben waren. Er musste von da an schwere körperliche Hilfsarbeiten annehmen, um auch zum Lebensunterhalt beizutragen.

Sein einziger Ausgleich war Fußballspielen, das er über alles liebte. Mit 19 Jahren erlitt er während eines Spiels einen Unterschenkelbruch, der falsch behandelt wurde. Er kämpfte acht Monate um sein Bein, was letztendlich vergebens war. Nach fünf Operationen, die ein Privatarzt an Aziz ausführte und die Familie in totale Überschuldung führte, verlor er den Kampf um sein Bein und es wurde amputiert.

Er trug seitdem eine Prothese, die natürlich nicht unserem Standard entsprach und ihm nur das einfache Laufen ermöglichte. Man kann sich vorstellen, was so ein Schicksalsschlag für einen jungen, sportlichen Mann bedeutete. Er verließ fast sechs Monate nicht mehr das Haus. Dann erkannte er, dass er sich nur selbst aus dem Sumpf befreien konnte.

Er fing an, über das Internet Englisch zu lernen, informierte sich über die Welt, Politik, bildete sich selbst. Hat sich zum Ziel gesetzt, zu reisen. Was in Marokko nicht möglich ist, da man kein Visum ohne Ausbildung oder gesicherte Arbeit erhält. Ein Teufelskreis...

Über Umwege erfuhr ich von seinem Schicksal und versprach, ihm eine bessere Prothese zu besorgen. Nach diversen Anfragen, Mails und Telefonaten bekam ich die Adresse des Orthopädie-Techniker-Meisters Heinz Trebbin, der selbst lange Jahre in der Entwicklungshilfe gearbeitet hatte und mittlerweile die Firma DOI in Waltenhofen betreibt, die orthopädietechnische Systeme vertreibt und Menschen in Entwicklungsländern unterstützt. Noch während unseres ersten Telefongespräches erklärte er sich bereit, Aziz selbstverständlich zu helfen. Ich konnte mein Glück kaum fassen.

Herr Trebbin arbeitet mit seinem langjährigen Freund Juan in Mexico zusammen und sie wenden ein Verfahren des Stumpfvermessens an, das es ermöglicht, genaueste Messungen durchzuführen, ohne dass der Bedürftige vor Ort ist. Die Messung erfolgt über Video. Der zukünftige Prothesenempfänger braucht nur eine Kreditkarte, ein Maßband und ein Handy. Unter Anleitung von Juan wird die Vermessung durchgeführt.

Die Kreditkarte ist weltweit größenmäßig genormt und über ein spezielles Computersystem errechnet sich dann der genaue Umfang des Körperteils. Anschließend fertigt der Techniker einen Rohling am 3D-Drucker und anschließend kann die Prothese nach diesem Vorbild von Heinz Trebbin gefertigt werden. Auf diese Art sind sie weltweit unermüdlich tätig und haben schon vielen Menschen zu einer Prothese modernsten Standards verholfen, wofür ich unendlich dankbar bin und größten Respekt habe.

Bisher fertigten sie alles zum Selbstkostenpreis, bzw. spendeten die Prothesen, was natürlich nicht auf Dauer möglich ist. Momentan wird auch nach einer Lösung gesucht, eine geeignete Form für dieses Hilfsprojekt zu finden.

Ich brachte Aziz die Prothese nach Marokko und nach ein paar Feinjustierungen passt sie perfekt und ermöglicht ihm eine deutlich bessere Lebensqualität. Ein großes Problem konnte gelöst werden, aber viele andere Probleme warten noch. Extreme Arbeitslosigkeit in Marokko und stagnierte Wirtschaft
 sind aus den Medien hinreichend bekannt. Aziz wird in seinem Land keine Chance bekommen, sein Leben gestalten zu können. Er wird keine Chance bekommen, sich zu beweisen. Er lebt auf dem falschen Kontinent, wo es kaum Unterstützung gibt.

Ich möchte, dass Aziz einen Beruf erlernen darf, dass ihm irgendjemand eine Chance auf einen Ausbildungsplatz gibt, mit einer Tätigkeit, die es ihm später ermöglicht, für sich zu sorgen und ein erfülltes Leben zu führen.

Ich habe ihn mittlerweile sehr gut kennengelernt. Durch seinen Schicksalsschlag ist er sehr reif für sein Alter, zielstrebig, gewissenhaft, wohlerzogen und sehr zuvorkommend und freundlich. Seine Lieblingsfächer in der Schule waren Mathematik, Physik, Sprachen und Sport. Er ist technisch begabt und hat eine schnelle Auffassungsgabe. Er hat begonnen, Deutsch zu lernen und hat sich zum Ziel gesetzt, Sprachniveau B1/2 bis zum Sommer zu erreichen. Er will reisen, wie die meisten jungen Menschen heute bei uns. Er darf mit einem Touristenvisum kein Praktikum absolvieren, was aber von den meisten zukünftigen Lehrherren vorausgesetzt wird.

Es ist ein Teufelskreis, der mich lähmt und an meine Grenzen bringt. Ich wünsche mir nichts mehr, als dass Aziz die Chance bekommt, sich zu beweisen. So viele Arbeitgeber wagen das Risiko nicht. Die Gründe sind immer die gleichen: Bürokratieaufwand,  vermehrter  Zeitaufwand auf Grund der Behinderung und Sprachbarriere, sowie fehlender Schulabschluss.

ALLES GEHT,  wenn man will, das ist das Motto, über das man nachdenken sollte. Und MENSCHLICHKEIT, über die viele Menschen reden, aber nicht danach handeln. Es muss doch eine Möglichkeit geben, einen Menschen, der kein Asyl beantragen will, zu integrieren und zu helfen.

Gibt es jemanden, der vielleicht statt einer satten Firmenspende ein 1:1 Projekt in Angriff nehmen und selbst hautnah miterleben will, wie ein "unsicheres Projekt" Gestalt annimmt? Mein Leben lang versuche ich, selbst  zu handeln und nicht Bitten zu müssen, denn es ist bitter, auf das Wohlwollen anderer Menschen angewiesen zu sein.

Aziz kann mit seinen Möglichkeiten nicht kämpfen, deshalb mache ich es für ihn: ICH BITTE UM DIE CHANCE AUF EINE LEHRSTELLE . Er wird alles 100-fach zurückgeben, das ist sicher.

 Ich würde  Aziz während seiner Lehre selbstverständlich in allem unterstützen. Versetzten sie sich bitte für 30 Sekunden in Aziz' Situation. Was würden sie tun? Ich bin sicher, sie würden auch alles geben, um ihre Situation zu verändern. Danke, dass sie sich die Zeit für den Artikel genommen haben. Normalerweise scheue ich die Öffentlichkeit, aber es ist für eine gute Sache.Und bitte erzählen sie es  weiter, ich weiß,  es wartet eine gute Nachricht auf Aziz.

Bitte schreiben sie mir eine E-Mail an:
therapiemassage@aol.de

Autor:

Iris Köhler

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