Corona-Pandemie
Führungsgruppe Katastrophenschutz in Memmingen: "Medizinische Katastrophenlage von unbestimmter Dauer"

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Seit 16. März ist in ganz Bayern wegen der Corona-Pandemie der Katastrophenfall ausgerufen - zum ersten Mal sind alle Führungsgruppen Katastrophenschutz (FüGK) der 96 bayerischen Landkreise und kreisfreien Städte, der sieben Bezirksregierungen und des Staatsministeriums des Innern, für Sport und Integration gleichzeitig im Einsatz. Per Email wurden sie am 16. März um 10 Uhr durch ein innenministerielles Schreiben informiert.

Was bedeutet die Katastrophenlage konkret für die örtliche Führungsgruppe Katstrophenschutz? Ein Gespräch mit dem Leiter der FüGK der Stadt Memmingen, Rechtsdirektor Thomas Schuhmaier, und seinem Stellvertreter, Führungsassistent der FüGK, Andreas Land, Leiter des Amts für Brand- und Katastrophenschutz.

Wie setzt sich die FüGK zusammen?

Andreas Land: Die Führungsgruppe Katastrophenschutz (FüGK) ist das Einsatzgremium der Katastrophenschutzbehörde mit dem Oberbürgermeister als deren Behördenleiter an der Spitze. Die FüGK setzt sich aus wenigen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Stadtverwaltung zusammen in der Regel aus dem Sicherheits- und Ordnungsbereich. Die Führungsgruppe kann durch Fachberater ergänzt werden. Während der Corona-Pandemie wurde in jeder Katastrophenschutzbehörde ein so genannter Versorgungsarzt als Fachberater installiert, der zur Aufrechterhaltung der ärztlichen Versorgung eingesetzt wurde.

Was war die dringendste Aufgabe, als Innenminister Joachim Herrmann am 16. März den Katastrophenfall ausgerufen hat?

Thomas Schuhmaier: Das Ziel war und ist ein Abflachen der Infektionsrate zu erreichen, damit die ärztliche Versorgung der Bevölkerung nicht gefährdet wird. Wir mussten vorhandene Strukturen schnellstens bündeln und in mehrere Richtungen gleichzeitig agieren. Der Fokus der FüGK lag auf dem Organisieren von Schutzausrüstung und auf einer deutlichen Stärkung des Gesundheitsamtes, dem zentralen Amt in dieser Krise. Daneben sind das Amt für Brand- und Katastrophenschutz, das Ordnungsamt und die Pressestelle hauptsächlich betroffen.

Rechtsdirektor Thomas Schuhmaier, Leiter der Führungsgruppe Katastrophenschutz (FüGK) der Stadt Memmingen,
  • Rechtsdirektor Thomas Schuhmaier, Leiter der Führungsgruppe Katastrophenschutz (FüGK) der Stadt Memmingen,
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Andreas Land: Hierzu ist im Katastrophenfall der Leiter der FüGK allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Stadtverwaltung gegenüber weisungsbefugt, denn die Bewältigung der Krise steht an erster Stelle. Ein Beispiel: Der Leiter der FüGK bestimmt eine deutliche personelle Verstärkung des Gesundheitsamtes. Der Innere Dienst der FüGK, hier konkret das Personalamt, spricht mit Mitarbeitern ab, wer geeignet und bereit dazu wäre. In diesem Fall kam die personelle Verstärkung aus dem KiTa-Amt, von der VHS, aus dem Ordnungsamt, dem Rechnungsprüfungsamt, der Tourist-Information und dem Personalamt. Auch wird das Gesundheitsamt von jungem Personal, das uns dankenswerterweise vom Bundesverwaltungsamt zur Verfügung gestellt wurde, tatkräftig unterstützt.

Was ist konkret die Aufgabe des Gesundheitsamts?

Thomas Schuhmaier: Das Gesundheitsamt ist zwar eine städtische Behörde, sie ist aber direkt in das System der staatlichen Gesundheitsverwaltung integriert. Positive SARS-CoV-2 Fälle müssen dem Amt nach dem Infektionsschutzgesetz gemeldet werden. Dann beginnt die Ermittlung und Nachverfolgung der Kontakte des Infizierten gemäß den Kriterien der obersten Bundesbehörde für Infektionskrankheiten, dem Robert-Koch-Institut. Es wurden tausende Telefongespräche geführt, hunderte Abstriche veranlasst, rund 400 Personen gegenüber Quarantäne verfügt und diese während der Quarantäne begleitet. Das Personal des Gesundheitsamts wurde in der Hochphase mehr als verdreifacht, und es konnte ein Zwei-Schicht-Betrieb auch während der Wochenenden eingerichtet werden. Die vielen Telefonate haben die bestehenden Kapazitäten zunächst überfordert, aber es konnten kurzfristig Glasfaserkabel gelegt werden. Auch haben die Räumlichkeiten im Amt bei weitem nicht ausgereicht, so dass in der Nachbarschaft zusätzliche provisorische Arbeitsplätze eingerichtet werden mussten. Im bisherigen Wartebereich wurden ebenfalls Büroarbeitsplätze eingerichtet. Die Situation ist bei uns bislang nie außer Kontrolle geraten und wir werden alles daransetzen, dass dies auch in Zukunft so bleibt. Das ist sicher auch ein Grund für die relativ geringe Zahl an Infizierten in Memmingen.

Schutzausrüstung wurde zwischenzeitlich knapp. Wie wurde die Beschaffung hier organisiert?


Andreas Land:
Zum einen gibt es regelmäßige Zuteilungen durch den Freistaat, der Transport wird vom Technischen Hilfswerk (THW) übernommen. Die FüGK hat zudem selbst Schutzausrüstung gekauft, beispielsweise Gesichtsmasken, die knapp waren. Die Logistik für die Beschaffung und Verteilung von Schutzausrüstung liegt beim Amt für Brand- und Katastrophenschutz. Sehr gute Resonanz hat der Spendenaufruf des Oberbürgermeisters gemeinsam mit dem Klinikum und der IHK gefunden. Die Spenden von Memminger Unternehmen und Privatleuten sind sehr wichtig und sie haben uns auch vermittelt, dass Memmingen in einer Notlage zusammensteht. Im Moment ist unsere Ausstattung gut, aber das kann sich schnell wieder ändern. Man kann im Moment vieles wieder kaufen, wenn auch zu teuren Preisen. Jetzt ist die Zeit, für eine mögliche zweite Welle vorzusorgen.

Andreas Land, Leiter des Amts für Brand- und Katastrophenschutz in Memmingen
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Ein großes Thema sind die Abstriche zum Test auf das SARS-CoV-2 Virus. Wo wird in Memmingen getestet?
Thomas Schuhmaier: Das Gesundheitsamt ordnet Tests nach den Kriterien des Robert-Koch-Instituts an. Dazu gibt es einen Fahrservice, den das Bayerische Rote Kreuz übernommen hat, der die Abstriche an der Haustür abnimmt. Wer mobil ist, wird an der zentralen Abstrichstation in der Stadionhalle getestet. Die FüGK hat die Einrichtung der zentralen Abstrichstation geleitet. Dort werden auch Abstriche gemacht, die von Hausarztpraxen veranlasst wurden. Zusätzlich werden in der eingerichteteten Schwerpunktpraxis im Maximilian-Kolbe-Haus Abstriche genommen.

Die Schwerpunktpraxis im Maximilian-Kolbe-Haus wird von Versorgungsarzt Dr. Jan Henrik Sperling geleitet. Inwieweit ist die FüGK involviert?

Thomas Schuhmaier: Der eingesetzte Versorgungsarzt Dr. Jan Henrik Sperling ist Berater der FüGK. Die FüGK hat die Schwerpunktpraxis eingerichtet. Beispielsweise hat das Amt für Informations- und Kommunikationstechnik die technische Ausstattung übernommen. Innerhalb weniger Tage wurden Strom- und Internetleitungen gelegt, Notebooks, Telefone und Drucker organisiert und eingerichtet. Der Versorgungsarzt wurde von der Staatsregierung installiert, um die ärztlichen Strukturen vor Ort aufrecht zu halten. Kranke mit typischen COVID-19-Symptomen werden in der Schwerpunktpraxis untersucht.

Was unterscheidet diesen Katastrophenfall von anderen?

Andreas Land:
Normalerweise ruft der Oberbürgermeister oder Landrat den Katastrophenfall aus als Leiter der Katastrophenschutzbehörde. Grund ist meist eine Naturkatastrophe oder bei uns im vergangenen Jahr ein einsturzgefährdetes Haus. Meist ist auch die Feuerwehr besonders involviert. Wir haben in diesem Fall die Feuerwehr bewusst herausgehalten, um die Einsatzbereitschaft bei Bränden oder Verkehrsunfällen zu gewährleisten. Dieser Katastrophenfall ist eine überörtliche, medizinische Katastrophenlage von unbestimmter Dauer.

Erwarten Sie eine zweite Welle von SARS-CoV-2 Infektionen?

Thomas Schuhmaier: Das kann freilich niemand vorhersagen. Aber wir müssen vorbereitet sein. Viele Einrichtungen, die jetzt wieder geöffnet sind, wie etwa das Klinikum oder Seniorenheime, sind verpflichtet, ein detailliertes Hygienekonzept umzusetzen. Im Gesundheitsamt arbeitet derzeit noch das etwas verstärkte Stammpersonal. Alle anderen sind an ihre ursprünglichen Arbeitsplätze zurückgekehrt, können aber bei Bedarf sofort wieder im Gesundheitsamt eingesetzt werden. Sollte eine zweite Welle kommen, fahren wir die Notfall-Strukturen schnell wieder hoch. Wir sind gut vorbereitet.“

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