Aufarbeitung
Ein Jahr nach dem Überfall: Taxifahrerin Heike G. aus Memmingen möchte endlich abschließen

Seit dem 21. September 2014 ist für die Taxifahrerin Heike G. aus Memmingen nichts mehr wie vorher. Ein Fahrgast hat sie überfallen und beraubt. Damals im Interview mit all-in.de stand sie immer noch unter Schock. Heute, ein Jahr danach, kann sie dem Täter noch nicht verzeihen.

Es ist Sonntagvormittag, als die damals 38-Jährige am Memminger Bahnhof einen Fahrgast aufnimmt. Nach Amendingen will er. Wie geht es Heike G. heute? all-in.de hat sich auf einen Spaziergang und ein Gespräch mit ihr getroffen.

Wie geht es Ihnen heute, ein Jahr nach dem Überfall?

Heike G.: Es ist noch schwankend. Ich bin weiter in Therapie, habe auch weiter Panikattacken und schlaflose Nächte.

Welche Auslöser gibt es für die Panikattacken?

Heike G.: Letztes Mal war es ein Albtraum. Solche Träume habe ich regelmäßig und deshalb kommen die Panikattacken auch oft zu Hause vor. Ich schlafe inzwischen nicht mehr ohne Licht. Wenn es dunkel ist, gehe ich auch nicht mehr aus dem Haus. Wenn ich dann einen Albtraum hatte, bin ich die ganze Nacht wach.

Wer hilft Ihnen dabei, das Erlebte zu verarbeiten?

Heike G.: Ich fühle mich deutlich wohler, wenn ich mit Freundinnen unterwegs bin, die mir viel Unterstützung geben. Am Anfang waren Treffen noch kritisch für mich. Mittlerweile kann ich schon öfter rausgehen, durch den Hund, den ich inzwischen habe, muss ich das auch. Meistens kommen aber Freundinnen mit zum Gassi-Gehen.

Alleine einkaufen geht auch nicht. Mit der Begleitung helfen sie mir einfach sehr, sehr viel. Ich musste erst lernen, Hilfe anzunehmen, aber mittlerweile geht das ganz gut.

Sie haben jetzt also einen Hund. Wie hilft Ihnen das im Alltag?

Heike G.: Aus psychologischen Gründen gibt mir Lilo sehr viel Halt. Mein Psychologe hat mir dazu geraten, mir einen Hund anzuschaffen, damit ich quasi gezwungen bin, wieder öfter rauszugehen. Ich muss mit dem Hund raus, ich muss mich um die Erziehung kümmern, mit ihr spielen. Lilo ist mir deshalb sehr viel wert. Sie bereitet mir große Freude.

Im Juni hatten Sie einen Wieder-Eingliederungsversuch als Taxifahrerin. Was ist passiert?

Heike G.: Am Anfang habe ich nur Stammgäste gefahren und Kurierfahrten gemacht, das ging. Als ich dann aber zum ersten Mal wieder am Wochenende fahren sollte, ging es mir nervlich überhaupt nicht mehr gut. Ich habe es versucht, weil ich mir auch selbst etwas beweisen wollte. Abends zu Hause hatte ich dann aber einen Nervenzusammenbruch. Jetzt bin ich wieder krankgeschrieben.

Wie sieht jetzt Ihre berufliche Zukunft aus?

Heike G.: Das steht noch nicht fest. Erstmal wurde meine Therapie jetzt verlängert, irgendwann möchte ich auch wieder arbeiten, aber jetzt ist es noch zu früh für mich, um Taxi zu fahren.

Wäre eine Umschulung eine Option?

Heike G.: Gelernt habe ich ursprünglich Arzthelferin und Rettungssanitäterin. Wenn es zur Umschulung kommt, dann möchte ich wieder ins Gesundheitswesen.

[p]Wie gelingt es Ihnen, langsam den Frieden mit der Vergangenheit zu schließen und wieder positive Kraft zu schöpfen?[/p]

Heike G.: Im Moment mache ich regelmäßig Therapie-Übungen,verzeihen kann ich noch nicht. Ich warte noch auf die Verhandlung, um der Sache gegenüberzustehen, und dann zu realisieren, dass es wirklich Vergangenheit ist.

Wie fühlen Sie sich in Bezug auf die ausstehende Gerichtsverhandlung, für die ja noch kein Termin festgelegt ist?

Heike G.: Die Warterei macht mich fertig. Ich bin froh, wenn ich es irgendwann abschließen kann, ich habe aber auch große Angst, dem Täter gegenüberzutreten. Meine Familie, Freunde und der Weiße Ring sind aber für mich da. Es werden einige zur Verhandlung kommen, um mich zu unterstützen. Ich werde als Nebenklägerin auftreten. Meine Anwältin will dafür sorgen, dass ich dem Täter aber nicht direkt in die Augen schauen muss.

Was ist im Moment der Stand der Dinge, hat die Polizei Sie dahingehend informiert?

Heike G.: Die Verhandlung wird vor dem Landgericht stattfinden, er wird wahrscheinlich mehr als vier Jahre bekommen, weil er wohl noch mehr auf dem Kerbholz hat. Soweit ich weiß, handelt es sich da um Drogendelikte, Einbrüche und dazu kommen eben die Körperverletzung und der Raub. Die Polizei hatte ihn zum Zeitpunkt der Festnahme schon zwei Jahre lang per Haftbefehl gesucht.

Wie hat Ihnen die Festnahme des Täters geholfen, das Erlebte zu verarbeiten?

Heike G.: Ich kann mich jetzt besser auf mich selbst und meine Therapie konzentrieren, weil ich weiß, er kann mir nichts mehr tun und sitzt hinter Gittern. Jetzt muss ich noch die Verhandlung hinter mich bringen.

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