Staatsbürgerschaft
«Wir leben hier und wollen mitbestimmen»

«Seit ich wählen darf, gehe ich wählen.» Das dürften viele Politiker mit Begeisterung zur Kenntnis nehmen, sinkt doch die Schar deren, die zur Urne schreiten, stetig. Vielleicht liegt es in diesem Fall daran, dass der Wähler gar keine deutschen Wurzeln hat, sich aber trotzdem in Marktoberdorf so wohl fühlt, dass er bleiben und mitbestimmen will? Nicht nur für Önder Üstündag (25) ist das Recht, mit über die politische Ausrichtung entscheiden zu können, das wichtigste Argument, das für den Wechsel der Staatsbürgerschaft spricht.

Auch für Fatma Tayhan (27) ist das der Hauptgrund, weshalb sie sich dem Einbürgerungsverfahren unterzieht. Gut ein halbes Jahr wird vergangen sein, bis sie den deutschen Pass in Händen hält. Hinzu kommen Kosten von schätzungsweise 600 Euro und etliche Fahrten ins türkische Konsulat nach München. Schon einmal wollte sie die deutsche Staatsbürgerschaft erlangen, doch blieb es beim Versuch. Es fehlten einige Papiere.

Der Vater von Fatma Tayhan war vor 40 Jahren als Gastarbeiter nach Marktoberdorf zu Schlepper-Fendt gekommen. Ein paar Jahre später zog die Mutter nach. Fatma - deren Vorfahren ursprünglich aus Tscherkessien im Kaukasus stammen - und ihre beiden Schwestern sind bereits in Deutschland geboren.

Ähnlich war es bei Önder Üstündag. Auch seinen Vater zog es als Gastarbeiter zu Fendt. Doch wollte er in die Türkei zurück, bevor die älteste, in Deutschland geborene Tochter Özlem eingeschult werden sollte. Den Absprung hat er verpasst. Die weiteren Kinder kamen ebenso in Marktoberdorf zur Welt.

«Wir gehen nicht mehr zurück»

Anfang 2000 entschied sich Özlem dafür, die türkische Staatsangehörigkeit zugunsten der deutschen aufzugeben. Kurz danach unternahm der Rest der Familie den Schritt. «Mein Vater wusste, dass wir Kinder nicht mehr in die Türkei zurückkehren werden», erinnert sich Önder. Tief schürfende Diskussionen darüber gab es nicht. Auf einmal hatte Önder seinen Kinderausweis in der Hand. Fatma Tayhan beschreibt ihr Elternhaus als sehr offen, weshalb die Familie es ihr nicht ausreden wollte, Deutsche zu werden.

Sie besuchte den Nord-Kindergarten, ging in Marktoberdorf zur Schule und ist seit zwölf Jahren in der Bäckerei Druckmiller als Bäckereifachverkäuferin beschäftigt. «Von der Mentalität her bin ich eher eine Deutsche», schmunzelt sie. Fleiß, Pünktlichkeit, Sauberkeit, Abmachungen einhalten - diese Eigenschaften schätzt auch sie. Obwohl sie nach wie vor im Grunde in zwei Kulturen lebe.

Wie Önder Üstündag hat sie Deutsch erst im Kindergarten, vor allem aber in der Schule gelernt. Die Eltern hätten das nicht gebraucht. Bei der Arbeit, im privaten Umfeld, eigentlich während des ganzen Tages habe es immer wieder Personen gegeben, die ebenfalls türkisch sprachen. Der Zwang, Deutsch zu lernen, sei nie vorhanden gewesen.

Ältere leben oft wie früher

Das wiederum habe dazu geführt, so weiß sie aus ihrem weiteren Umfeld, dass viele Ältere noch heute in Deutschland so leben wie zu der Zeit, als sie die Türkei verlassen haben. Für Fatma Tayhan selbst ist das unvorstellbar. «Man sollte sich doch einigermaßen in der Sprache des neuen Landes ausdrücken können», sagt sie. Fatma Tayhan und Önder Üstündag beherrschen jedenfalls beide Sprachen. Was wiederum im Urlaub bei der Verwandtschaft sehr hilfreich ist. Sie genießen während der Wochen in der Türkei die Warmherzigkeit der Bevölkerung und den eher lockeren Lebensstil. Aber den wirklich nur während des Urlaubs.

Nicht auf Rente verzichten wollen

Önders Vater Adil hat wieder die türkische Staatsbürgerschaft angenommen. Er hätte sonst auf die Rentenansprüche, die er seinerzeit in der Türkei erworben hat, verzichten müssen. Da gab es für ihn keine Wahl. Im Gegensatz zu seinem Sohn, der dann aber doch einmal eine Wahl verpasst hat. «Ich hab Fußball spielen müssen. Und als es mir wieder eingefallen ist, hatten die Wahllokale zu.»

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