Serie
Vor 200 Jahren schon modern

Hunderttausende Dokumente schlummern im Marktoberdorfer Stadtarchiv. Hinter jedem steckt ein Stück Ortsgeschichte. Stadtarchivarin Ursula Thamm hat schon viele ans Tageslicht gebracht. Für unsere Serie «Schatzkiste Stadtarchiv» hat sie passend zum heutigen Tag eine Stiftungsurkunde des Kurfürsten Clemens Wenzeslaus entdeckt.

«Seine curfürstliche Durchlaucht von Trier, stets bedacht, Höchstihren Aufenthalt auf dem Schlosse Oberdorf durch Wohlthatsbezeugungen sich angenehmer zu machen, und die Armen des Marktes Oberdorf auf mancherley Art zu unterstützen, haben in Erfahrung gebracht, daß es den armen Schulkindern dahier, für welche zwar das Schulgeld aus der dahier bestehenden Seelhaus-Stiftung () bezahlt wird, annoch an den erforderlichen Schulbüchern und Schreibmaterialien ermangele, zu deren so nöthigen Anschaffungen ihre Eltern außer Stande, und auch sonst woher keine Mittel bey Handen seyen.»

Mit dieser Information beginnt der Text einer der schönsten und besterhaltenen Urkunden im Stadtarchiv Marktoberdorf. Seit sieben Jahren nun lebte Clemens Wenzeslaus, ehedem Kurfürst von Trier und Landesherr über das Hochstift Augsburg, dort als Pensionär. Wie jedes Jahr hatte er den Sommer im Schloss Oberdorf verbracht. Er «habe in Erfahrung gebracht», sagt die Urkunde aus und das bedeutet, dass er vermutlich Erkundigungen eingezogen hatte, wie er seinem Bedürfnis nach Wohltätigkeit nachkommen könne.

Zukunft liegt in der Bildung

Fast alle seine Dotationen kreisen um das Bemühen, Bildung und Ausbildung der jungen Generation zu fördern. Der Aufklärung anfangs nicht abgeneigt, hatte er schon vor 200 Jahren erkannt, dass die Zukunft einer funktionierenden Gesellschaft und ihrem Wohlstand in deren Bildungsgrad liegt. Bereits in seiner ersten Stiftung, die später in die «Churtriersche Lehrgeldstiftung» mündete, führte er aus, dass die Oberdorfer Söhne und Töchter «durch Erlernung eines Handwerks dem Staat nützlichere Bürger werden und sich selbst eine ergiebigere Mehrung erwerben können».

In Clemens Wenzeslaus wird man einen ersten sachten Vorreiter einer für Mädchen und Buben gleichberechtigten Ausbildung vermuten dürfen; die Lehrgeld-Dotation wendet sich jedenfalls auch an «das weibliche Geschlechte». Wenn auch spezifiziert, so scheint ihm bewusst gewesen zu sein, dass gut ausgebildete Frauen und Mütter ihre Kinder vor einer «Bildungsferne» bewahren können. Um deshalb der damals verbreiteten elterlichen Praxis entgegenzuwirken, im Mangelfall das männliche Schulkind vor dem weiblichen zu fördern, widmete der Stifter 500 Gulden allen bedürftigen Oberdorfer Schülerinnen und Schülern. Auch legte er Anlageform und Verzinsungsart des Kapitals fest, denn die Zuwendungen sollten aus den Zinserträgen bestritten werden.

Die Aufgabe zur Bestimmung der Bedürftigen übertrug er dem königlichen Landgericht, das «mittelst Benehmung und gemeinsamer Einverständniß eines zeitlichen und hiesigen Pfarrers und Marktrichters, diejenigen armen Schulkinder auszusuchen und zu benennen (hat), welchen diese Wohlthat angedeihen solle, denselben sodann ein und andere Erforderniß anzuschaffen und zu verabreichen.» Die Urkunde ist gegeben im Schloss Oberdorf am 10. November 1810. Clemens Wenzeslaus hat sie eigenhändig unterschrieben und sein kurfürstliches Siegel anhängen lassen, das noch vollständig erhalten ist.

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