Tage mit Sinn (5)
Von Multi-Kulti und der Nachtseite der Seele

Wie war das nochmal genau mit Weihnachten? Warum soll Jesus Christus am 24. Dezember geboren sein? Und was bedeutet dieser Jahrestag heutzutage? Der evangelische Dekan Jörg Dittmar aus Kempten und der katholische Regionaldekan Reinhold Lappat aus Buchloe nähern sich dem christlichen Hochfest auf eigene Weise. Die Reihe «Tage mit Sinn» beleuchtet Feiertage der Konfessionen. Denn viele Menschen kennen die Hintergründe nicht mehr.

Lappat: Als Kind habe ich mit Weihnachten das Geheimnisvolle verbunden. Am Abend gehts ins Bett, in der Früh ist der Christbaum gerichtet, die Geschenke sind da. Heute tut es mir gut zu wissen: Da kommt Gott zu den Menschen. Jesus Christus sagt mir, Du darfst so sein wie Du bist, darfst wieder neu anfangen. Das finde ich großartig.

Mir fällt aber auch ein, dass viele danach sagen: Gott sei Dank ist alles rum. Oft gibt es an den Weihnachtstagen einen unbandigen Besuchsstress, ich erlebe das selbst. Wobei es ja schön ist, wenn man sich wieder sieht und beisammen sitzt.

Dittmar: Schön, aber Ich glaube, da sind die Erwartungen an die Harmonie zu hoch gesteckt. Es gehört auch zu einer Gemeinschaft, dass man sich reibt aneinander. Wenn ich an meine Geschwister denke und mir vorstelle, wir wären alle an diesem Nachmittag nur friedlich - mir käme das wie ein Krampf vor. Überhaupt: Viele erwarten Dinge, die kann man ihnen nicht schenken. Andere bilden sich ein, dass sie mit Geld und viel Zinnober das Glücksgefühl aus Kindertagen wieder neu erleben können - das wird nie gelingen. Wir müssen lernen, am Glück anderer mitzuwirken, anstatt zu erwarten, beglückt zu werden.

Das ist wie mit der Weihnachtsgeschichte: So wichtig die Botschaft «Gott wird Mensch» ist. Noch wichtiger ist es, sich mit Jesus Christus als Mensch und Mann zu beschäftigen. Als Kind ist der total süß. Aber für uns entscheidend sind seine Gleichnisse, seine Bergpredigt, sein Weg bei den Menschen.

Lappat (hakt ein): Es gibt aber schon eine tiefere Bedeutung für den Knaben mit dem lockigen Haar. So ein Kind strahlt unbandig viel Friedlichkeit aus und bringt ein Vertrauen ins Leben. Wobei ich schon finde: Weihnachten muss Konsequenzen haben. Was damals passiert ist, ist für frühere Verhältnisse ein Horrorszenario: Draußen, wo die Hirten, die letzten der Gesellschaft, wohnen, kommt das Kind ins Leben. Das waren im Prinzip asoziale Verhältnisse. Das müssen wir übersetzen, müssen hinweisen auf die Zustände heute.

Dittmar: Wir sind als Kirche hin- und hergerissen. Wir müssen an die harte Realität erinnern und drauf schauen, wie es Menschen geht in Haiti oder Nairobi. Da müssen wir handeln, Verantwortung zeigen. Es gehört aber auch zu Weihnachten, etwas zu pflegen, was ich ,Sentimentalität nennen würde - im Sinne von Gemüt: eine Lebendigkeit der Seele. Ich singe gerne an Heiligabend «Stille Nacht», das geht mir nah. Für mich gibt es eine Nacht- und eine Tagseite an Weihnachten. Die Menschen brauchen beides. Das merkt man besonders bei den Gottesdiensten um Mitternacht

Lappat: Ja, da kommen viele, die seh ich sonst nie. Da ist die Kirche gesteckt voll. Ich frage mich: Was treibt die Menschen mitten in der Nacht in die Kirchen?

Dittmar: Die suchen Gefühle von früher und etwas, das im Leben zu kurz kommt. Da ist wieder die Nachtseite der Seele. Die atmet manchmal, die sagt, das kann doch nicht alles sein: Geld verdienen, Stress haben, für alle da sein. Ich finde es wunderbar, dass diese kleine, unterversorgte Seele einmal im Jahr Luft schnappen geht.

Lappat: Weihnachten ist nicht totzukriegen, Gott sei Dank. Wir Kirchen können Menschen Halt geben, und wenn es nur diese eine Nacht ist, wo sie ein Licht und Wärme spüren.

Dittmar: Apropos: Wann ist eigentlich der historische Jesus geboren? Das weiß kein Mensch. Den 24. Dezember hat man gewählt, weil er nahe an der längsten Nacht des Jahres liegt. Das heidnische Fest der Wintersonnenwende, die Wiedergeburt des Lichtes wurden da gefeiert. Das konnte man gut mit Christi Geburt verknüpfen. Astronomisch wäre heute eigentlich der 21. Dezember richtig. Doch dann kamen ja Eure Kalenderreformen

Lappat: aber da steckt ja auch ein bisschen Spannung dahinter. Ich finde es toll, dass die frühen Christen, als sie dieses Fest definierten, etwas von anderen Kulturen übernommen haben. Sie haben das quasi übersetzt - eine schlaue Strategie. Man könnte auch sagen: Das war Multi-Kulti!

Markus Raffler

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