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Pfarrer und Dekan Erwin Ruchte fällt Abschied von seiner Kirchengemeinde in Görisried schwer

«Auf meinen Urlaub verzichte ich. Schließlich habe ich ab September immer Urlaub», sagt Pfarrer Erwin Ruchte (69) gut gelaunt. «Ich will in die Berge, radfahren, reisen, die Computerkenntnisse vertiefen - wenn ich das alles machen will, muss ich 100 Jahre alt werden.» Immer zu einem Scherz aufgelegt: So kennt man den rührigen Geistlichen, der als Ortspfarrer 27 Jahre in Görisried und 21 Jahre als Marktoberdorfer Dekan wirkte. Ernsthaft befragt, wird aber auch die Wehmut augenfällig, mit der für ihn der Abschied von seinen Ämtern verbunden ist.

Diese Wehmut überkam Ruchte, als der frühere Regionaljugendpfarrer neulich zum letzten Mal Schülergottesdienst in seinem Noch-Wohnort feierte - und den Gesang der Kinder auf der Gitarre begleitete: << Immerhin verbrachte ich zwei Drittel meines Priesterlebens in Görisried. >> In der Zeit hat sich viel getan: Altarraum, Sakristei und Dach der Kirche St. Oswald wurden hergerichtet, zig Kapellen renoviert. Krankenbesuchsdienst und Trauerbegleitung haben sich in der Pfarrei etabliert, sechs Ministranten bei Ruchtes Dienstantritt in Görisried 1985 stehen nun 46 gegenüber. Von den letzten 18 Kommunionkindern gewann Ruchte, der Menschen mit seinem Humor mitreißt, zehn für den Altardienst.

Aber Ruchte wäre nicht er, wenn er sich das Verdienst dafür auf seine Fahne schriebe. Er schwärmt von << vielen lieben >> Gläubigen, die bereit seien, anzupacken und sich zu engagieren: den Leuten um Kirchenpfleger Franz Unsin, Pfarrgemeinderatsvorsitzenden Thomas Plank, Pfarrsekretärin Angela Riedle, Mesnerin Marianne Palutke oder Pfarrhausfrau Helga Merkle.

Gerade wegen der langen Zeit in Görisried müsse er nun aber auch räumlich das Feld dem neuen Pfarrer Edward Wastag überlassen, damit er << auch Pfarrer von Görisried werden kann >>, findet Ruchte. Zumal für Wastag Görisried (neben Unterthingau, Kraftisried und Oberthingau) nur eine von vier Pfarreien der neuen Pfarreiengemeinschaft sein wird. Er will nicht, dass der Neue an ihm gemessen wird oder << Leute, weil sie mich kennen, erst zu mir kommen, wenn es zum Beispiel um eine Taufe geht >>.

Wohnungssuche in Marktoberdorf

Allerdings ist Ruchte nicht aus der Welt: Für die Zeit als Ruhestandspfarrer, der im Dekanat aushilft, sucht er eine Wohnung in Marktoberdorf. Froh ist er, dass mit der Rente die Bürokratie wegfällt und er sich verstärkt seelsorgerischen Diensten widmen und noch mehr auf Menschen zugehen kann.

Ruchte gilt als Freund offener Worte: Er wünsche sich eine menschliche Kirche, in der Glaube etwas Schönes ist und die einen liebenden Gott verkünde, betont er. Pfarrherrliches Auftreten ist ihm fremd. Ein solches sei auch unangemessen in einer Zeit des spärlichen Priesternachwuchses, in der << sich nur noch Wenige mit Jesus und der Kirche auseinandersetzen >>.

Christliche Werte würden nicht mehr als verbindlich angesehen, sagt Ruchte, der sich in seiner letzten Sonntagspredigt gegen die Präimplantationsdiagnostik positionierte. Andererseits dürfe auch die Kirche Fragen wie die nach einer Gemeindeleitung durch Laien oder nach dem Zugang zum Priesterberuf (Zölibatsfrage) nicht tabuisieren.

Erwin Ruchte ist als Priester ein Spätberufener. Der Rosenheimer, der in Kaufbeuren aufwuchs, ging mit 26 ins Priesterseminar. Zuvor war er vier Jahre beim Kaufhof in München, wo er am Ende << im Textilbereich Kinder >> verantwortlich für den Einkauf war. Zugleich leistete er als << Pfadi >> Jugendarbeit. Als er in München einen neuen Pfadfinderstamm aufgebaut hatte, fragte ihn ein Pfarrer, ob er Priester werden wolle.

Ein schwerer Entschluss für Ruchte, der gern Familie gehabt hätte und in der Schule schlechte Noten hatte. Die Entscheidung habe er dann in Gottes Hand gelegt: << Wenn Gott das nicht will, lässt er mich scheitern. >> Das Gegenteil sei der Fall gewesen: << Im Priesterseminar schrieb ich nur noch Einser >>, so Ruchte. Den Entschluss habe er in 38 Priesterjahren nicht bereut.

Heute findet ab 19 Uhr zur Verabschiedung Ruchtes in der Waldbachhalle Görisried ein Pfarrfamilienabend statt; morgen um 9.30 Uhr ein Dankgottesdienst in der Kirche St. Oswald.

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