Marktoberdorf
In 100 Tagen von Marktoberdorf nach Santiago

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Er ist Jahrhunderte alt, wurde aber erst vor wenigen Jahren wiederentdeckt, der Bayerische Jakobsweg, der von Böhmen über Bayern bis nach Österreich führt. Pilger kommen über den Auerberg und durch Bertoldshofen nach Marktoberdorf. In Wanderbekleidung, mit Rucksack und festem Schuhwerk bekleidet, entdecke ich zwei Personen mit Hund am Ortsausgang von Bertoldshofen. Da hier der Jakobsweg in Richtung Marktoberdorf verläuft und ich gerade dieses Thema für unsere Jubiläumsausgabe des Wochenblatts Extra recherchiere, spreche ich die Leute an, in der Hoffnung, auf echte Pilger zu treffen. Wie sich schnell herausstellt, sind diese fast am Ende ihrer Etappe und freuen sich darauf, in Kürze ein gutes Pilgerquartier für sich und ihren tierischen Begleiter zu finden. Gabi und Manfred Ruckdäschel mit ihrem Hund Osko leben in Ingolstadt und haben sich für 2012 das bayerische Teilstück des 'Camino' vorgenommen. Sie starteten am Marienplatz in München und haben als Tourenziel Lindau anvisiert. Das durchwegs gute Wetter im August bescherte ihnen wunderbare Ausblicke auf das hügelige, grüne Land, das den ganzen Weg des bayerischen Jakobswegs (2003 wieder eröffnet) als sehr schönen Streckenabschnitt des Pilgerwegs nach Santiago ziert. Der Bayerische Jakobsweg wird immer beliebter. Einstiegspunkt für viele Pilgerfreunde ist die Jakobskirche in München, nach der Aussendung durch das Angerkloster. Hier bekommt man einen persönlichen Pilgerpass und Gottes Segen mit auf den Weg. Diese 'Armen Schulschwestern' unterhielten bis 2001 in Marktoberdorf ein Ordenshaus neben der Schule St. Martin, in der sie auch unterrichteten. In den letzten Jahren verzeichnete das Mutterhaus am Jakobsplatz in München einen starken Zuwachs an Pilgern, die sich von hier aus auf den Weg machen. Dieser fädelt ein in die Pilgerwege der Schweiz sowie in Frankreich und mündet schließlich auf den Weg in Spanien.

Die Muschel

Es ist eine Zeit intensiver Begegnungen mit der Natur, mit anderen Menschen und vor allem mit sich selbst, wenn man den Mut hat, das Handy auszuschalten und nur noch für den Notfall im Wandergepäck verstaut. Auf dem Rucksack oder am Wanderstock wird eine Jakobsmuschel befestigt, die den Pilger als solchen kennzeichnet. Von München bis nach Stötten am Auerberg dient als Wegmarkierung die 'Europamuschel': Gelbe Muschel auf blauem Hintergrund (wie auf dem Bild). Der Vorteil dieses Wegzeichens ist, dass man hier die Richtung vor Augen hat, da der Punkt in dem sich alle Strahlen bündeln, die Himmelsrichtung nach Santiago aufzeigt. Ab dem Gemeindegebiet Marktoberdorf bis zum Bodensee markiert auch die sogenannte 'Schwabenmuschel' die Pilgerstrecke. Das Ingolstätter Pilgerpaar Ruckdäschel beschreibt mir in kurzen Worten ihren bisherigen Wegverlauf als sehr schön und sonnig, wenn auch durch den vielen Asphalt die Beine schneller ermüden, als beispielsweise der Schottergrund von Fernwanderwegen. Durch den erfrischenden, weil weitgehend bewaldeten Pfaffenwinkel wanderten sie dann an der barocken Wieskirche vorbei, die zum Verweilen einlädt. Romantisch erlebten sie die Feuersteinschlucht, bevor sie hinauf zum Auerberg pilgerten und eine 360° Rundumsicht genossen.

Zeichen am Wegesrand

Als die Wandergesellen Bertoldshofen erreichten, erfreuten sie sich über den gut sichtbaren Hinweis eines Pilgerhauses. Es gehört der Familie Lehmann. Sie haben einen Wegweiser mit der Angabe: 2404 KM nach Santiago gleich neben einem Bildnis, das den Heiligen Jakob darstellt, an ihrem Zaun befestigt. Im örtlichen Gasthaus Königwirt wollten Gabi und Manfred ihre Mittagsrast machen, doch leider hatte dieser seinen Ruhetag. So war meine Auskunft für die drei 'Zu-Fuß-Reisenden' sehr beruhigend, dass Marktoberdorf nicht mehr weit sei und der Weg dahin etwas besonderes ist.

Durch die Kurfürstenallee mit ihren alten Linden schreitet man auf die Schlosskirche St. Martin zu und kann einen wunderbaren Blick auf die Stadt und die welligen Hügel bis zur Bergkette genießen. Auf die Frage eines mir bekannten Quartiers, empfahl ich das von Elfie und Erhard Geipel. Diese haben 2010 ein Pilgerhotel mit sieben Betten am Alsterberg eröffnet. 'Elfie´s Pilgerquartier' ist keine ganz gewöhnliche Übernachtungsstätte. Die Geipels sind selbst begeisterte Jakobspilger und waren mehrfach auf dem Weg nach Santiago de Compostella. Ihre vielen schönen und wichtigen Pilgererfahrungen ermutigten das Ehepaar ein sehr bequemes Quartier in der Kreisstadt Marktoberdorf einzurichten. Das Pilgerhaus wurde mit vielen liebevollen Details geschmückt und liegt sehr zentral. Hier bekommt man nicht nur den gewünschten Stempel in seinen Pilgerpass (auf dem Bild), sondern auch nützliche Tipps und aufmunternde Geschichten von Gleichgesinnten mit auf den Weg. Wie Erhard Geipel voll Stolz erklärt, ist einer seiner selbst hergestellten Wanderstöcke von einer Pilgerin mit dem Namen Anne mitgenommen worden. Sie ist in 100 Tagen von Marktoberdorf aus nach Santiago gewandert. Der Pilgerstock ist zu Geipels zurück gebracht worden und ziert seitdem den Flur. Anne hatte ihn als Pilgerin mitgenommen und als Freundin wieder gebracht.

So geht´s weiter

Wer Marktoberdorf verlässt, kann mutig über die schaukelnde Hängebrücke, die den Fluss Wertach überspannt, nach Görisried laufen, bevor man den Kemptener Wald durchquert, um in die Allgäuer Metropole Kempten zu gelangen. Von hier aus geht es auf aussichtsreichen Höhenwegen nach Weitnau. Hier lohnt sich ein Besuch der Jakobskapelle und vielleicht einem Gebet '.Dios ayuda y Santiago – Gott hilft und der heilige Jakob'. Über Wiesenhänge schreitet man durch den aussichtsreichen Kapellenweg nach Scheidegg. Weiter geht es auf die Trögerhöhe mit dem Berg Pfänder im Blick und hier dann direkt auf die Gondelbahn zu. Der Bodensee liegt hier den Pilgern dabei zu Füßen und die Aussicht lädt zu einer Rast ein, bevor man Bregenz erreicht. Hier geht es mit einer Schiffspassage nach Lindau und dann - wenn man will - viel weiter. Für Gabi und Manfred Ruckdäschel ist hier am 2. September 2012 erst mal das Ende der Tour erreicht und nach der Rückkehr in den Alltag können bald neue Pläne geschmiedet werden.

Erst ein Versuch

Jakobsweg-Variante für Einsteiger 'Weg der Besinnung'

Von Marktoberdorf starten Sie Ihre Tour Richtung Ettwiesen. Sie wandern weiter nach Fechsen und über Leuterschach nach Wald. Im Wertachtal folgen Sie dem Weg nach Bergers, vorbei am Klosterhof und weiter nach Kaltenbrunn zur Wertachtal und der Hängebrücke. Marschieren Sie nach Görisried und Beilstein in den Kemptener Wald (Anschluss an die Hauptroute). Der 'Weg der Besinnung' ist die längere, aber abwechslungsreichere Variante des Münchner Jakobswegs entlang des Wertachtals mit viel Natur und Ruhe.

Start: Marktoberdorf,

Ankunft: Kemptener Wald

Länge: 28 km

Gehzeit: 4 Stunden

Höhenunterschied: 400 m

Wegbeschaffenheit: Schotter

Ausrüstung: Schuhe mit griffiger Sohle.

Viel Vergnügen!

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