Video-Reportage
Heute kommt der Nikolaus Sigi Beßler aus Marktoberdorf über 52 Jahre als Bischof von Myra

Wenn es draußen dämmert und die weihnachtlich geschmückten Fenster ihr warmes Licht auf die Straßen werfen, gibt 'Chef-Nikolaus' Sigi Beßler die letzten Anweisungen an seine fünf Nikoläuse. Es ist der 5.12., Nikolaus-Abend.

Die Männer stehen verkleidet mit ihren wilden Begleitern 'Knecht Ruprecht' im Pfarrheim St. Martin in Marktoberdorf. Der 75-jährige Beßler steht mit seinen ergrauten Haaren in der Mitte der Runde und ermahnt die Nikoläuse und die Knecht Ruprechts, pünktlich zu sein. Sigi Beßler spielt seit 52 Jahren den Nikolaus. Er ist in der Gemeinde St. Martin in Marktoberdorf ein echtes Urgestein und 'Chef-Nikolaus' der Kolping-Nikolaus-Aktion. Familien im Raum Marktoberdorf können sich eines der Nikolaus-Teams nach Hause zu ihren Kindern bestellen.

Auf die Frage, ob er schon mal daran gedacht hat, in Nikolaus-Rente zu gehen, antwortet er: 'Die Rente kommt allmählich Stück für Stück. Ich habe mir vorgenommen, mich bald nur noch um die Kleidung zu kümmern, um die Verwaltung, die Reinigung und Aufbewahrung.' Er selber geht dieses Jahr am 5. und 6. Dezember jeweils zweimal auf Hausbesuche, immer wenn Not am Mann ist: Wenn beispielsweise die geplanten Routen zu Fuß für die Nikolaus-Teams nicht anders aufgehen oder ein Haus besonders entlegen ist, nimmt Sigi Beßler selbst den Bischofsstab in die Hand und besucht die Familien. Dabei hat Beßler schon so einiges erlebt. 'Ich könnte jetzt gar nicht sagen, was das Lustigste war', sagt der 75-Jährige.

Als die Kamera aus ist, erzählt er von einer Panne, die seinem damaligen Knecht Ruprecht passiert ist. 'Er wollte den Kindern gerade die Geschenke aus dem Sack geben und beugte sich über den Adventskranz, auf dem die erste Kerze angezündet war. Da fing sein Bart plötzlich Feuer. Es ist Gott sei Dank nichts passiert, weil er ihn sich gleich heruntergerissen hat. Aber danach waren alle erleichtert, haben gelacht und die Geschichte war danach natürlich Stadtgespräch in Marktoberdorf,' erzählt Beßler schmunzelnd.

Kinder reagieren häufig sehr zurückhaltend und ängstlich, wenn der Nikolaus und sein Knecht Ruprecht das Wohnzimmer betreten. Dann muss der Nikolausdarsteller offen auf die Kleinen zugehen. "Ich gebe jedem Darsteller mit auf den Weg, dass er freundlich sein muss, egal ob er privat gerade lieber traurig oder wütend wäre", sagt Chef-Nikolaus Beßler.

Für ihn ist es wichtig, dass der Nikolausabend bei den Kindern in guter Erinnerung bleibt. Das liegt an den bösen Erfahrungen, die er selber als Kind gemacht hat. "Ich habe schreckliche Nikolausabende erlebt! Wir haben damals in Oberthingau gelebt. Und dort gab es nur wilde Gesellen und Krampusse. Wir sind immer bei der Oma auf dem Sofa gesessen. Meine Mutter, meine zwei Geschwister und ich und auf einmal haben sie mit den Ruten fürchterlich gegen die Fensterscheiben geschlagen. Danach ging die Türe auf und es kamen fünf oder sechs wilde Gesellen hereingestürmt und haben uns geschlagen und herumgebrüllt. Das waren allesamt Nikolausabende, auf die man gern verzichten kann. Das war manchmal der Horror." Auch deshalb setzt er sich dafür ein, dass der Nikolausabend für die Kinder freundlich gestaltet wird.

Mit diesen guten Absichten hat ihn vor 52 Jahren die bereits verstorbene Initiatorin der Kolping-Nikolaus-Aktion Thekla Kiderle als Nikolaus angeworben. Sie wollte diese "Wilden", die damals die Kinder nur erschreckt haben, nicht mehr in Marktoberdorf haben. Stattdessen wollte sie eine schöne Nikolausdarstellung ins Leben rufen. Seitdem setzt sich Beßler dafür jedes Jahr ein. Früher "nur" als Nikolaus, mittlerweile als Organisator.

Der Erfolg gibt ihm Recht: "Die Anmeldungen sind immer mehr geworden. Vor 52 Jahren hatte jeder von uns drei Nikoläusen ein bis zwei Familien. Mittlerweile gibt es Pläne, um die Stadtgebiete aufzuteilen. Dieses Jahr gehen fünf Paare am eigentlichen Nikolaustag und am Samstag sechs bis sieben Paare los und besuchen bis zu acht Familien."

Den Kindern eine Freude machen und dabei etwas Gutes tun: Das Honorar für den bestellten Nikolaus und seinen Knecht Ruprecht kann jede Familie selbst bestimmen. Das gesammelte Geld kommt zur Hälfte der Jugendarbeit in Kolping zugute, die andere Hälfte wird beispielsweise an Familien mit kranken Kindern in Marktoberdorf gespendet. In den letzten Jahren waren es meist über 1.200 Euro. "Das ist auch Sinn und Zweck der Aktion. Dass wir Gutes tun können", sagt Beßler.

Für den 75-Jährigen ist der Nikolaus kein Erzieher, sondern ein Freund der Kinder. Ein Vorbild sollte der Bischof von Myra für die Kleinen dabei auch ein bisschen sein. Von den guten Taten der historischen Figur erzählt Beßler den Kindern bei seinen Hausbesuchen. Ab und an, wenn Nikolaus Beßler mitbekommt, dass sich Geschwister streiten, dann ist er gefordert und ermahnt sie: 'Bald ist doch Weihnachten und ihr versprecht mir doch, dass ihr bis Weihnachten nicht miteinander streitet?" Die Antwort lautet eigentlich immer "Ja". Ob sie sich dann wirklich daran halten oder nicht, das weiß nur der echte Nikolaus.

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