Portrait
Für die Freude am Gesang ists nie zu spät

Ein Volkslied, ein Oratorium, Gregorianik, moderne Chorliteratur oder alte Meister. Bei Arthur Groß kann man sich jede Art von Gesang vorstellen. Nur eines passt nicht: Dass die graue Eminenz der Marktoberdorfer Chorszene ein Klagelied anstimmt. Zu sehr strahlt er Optimismus, Lebens- und Sangesfreude aus und begeistert seit Jahrzehnten Menschen für Musik.

Groß wohnt im Gewend - passenderweise am Carl-Orff-Ring. Schließlich wurde unter Arthur Groß aus dem Kammerchor der Stadt der renommierte Orff Chor. «An diesem Tisch saß auch schon Orff», erinnert Groß an die Besuche des Komponisten (1895 - 1982) der Carmina Burana.

Die Wurzeln der Großschen Sangeslust liegen in Kaufbeuren, wo er im Dezember 1935 geboren wurde. Einige Jahre später fragte der Benefiziat und spätere Domkapellmeister Paul Steichele, welches Kind in der Pfarrgasse so schön singe. Und schon mit sieben sang Groß im Stadtsaal erstmals ein Solo. Der Gründer der Kaufbeurer Martinsfinken, Ludwig Hahn, begeisterte ihn schließlich voll und ganz für die Musik. Trotz bestandener Prüfung wechselte er seinen Eltern zuliebe nicht zu den Regensburger Domspatzen. Doch nach dem Abitur am strengen, altsprachlichen Gymnasium stand für ihn fest, dass er Schulmusik studieren wolle.

Denn die Musik erlebte er stets als Gegenpol zu Fächern, in denen jeder für sich arbeitet. Das Studium finanzierte er sich als Mitglied im Rundfunkchor. Als Referendar in Hohenschwangau fuhr er 1963 zu einem Konzert am neuen Gymnasium Marktoberdorf. Die Schule entfaltete ihre Reize: Sein früherer Deutschlehrer Dr. Schmauch war Direktor, beim Konzert hörte er ein Orchester, das ihn überzeugte, das Lehrerkollegium war jung und - wohl das überzeugendste Argument: Es entstand ein musisches Gymnasium.

Ehre und Belastung zugleich

In Marktoberdorf wurde Groß heimisch, heiratete seine Frau Sibylle, ein Sohn komplettierte die Familie. Arthur Groß aber hatte große Ziele: Bald übernahm er den Kammerchor und holte mit den Sängern internationale Preise. Um Sängernachwuchs kümmerte er sich am Gymnasium. Sein Rezept: «Ich will die Schüler gewinnen, dann machen sie gerne etwas und leisten etwas.» Er verstand sich auf kameradschaftlichen Umgang. Mit einer Schulblaskapelle fuhr er nach Kaufbeuren, um den Eishockeyclub anzufeuern, er radelte mit den Internatsschülern an den Elbsee und organisierte unzählige Chorreisen. «Ich konnte den Schülern aber auch Grenzen setzen», blickt er zurück. Denn das gemeinsame Musizieren fordert und fördert auch Disziplin.

Der Chor war so gut, dass in den 70-er Jahren nach einer Radiosendung Carl Orff aufmerksam wurde und Groß an den Ammersee einlud. «Orff wollte einen Chor, der ihn offiziell vertritt», so Groß, «das war für uns Ehre und Belastung zugleich.» Denn Groß wollte sich nicht auf einen Stil festlegen.

Nach der Pensionierung 1998 verstummte der charismatische Chorregent nicht. Er ist noch immer ein gefragter Ausbilder für Dirigenten, viele Jahre kümmerte er sich um die Stimmbildung der Passionsspieler von Oberammergau und war häufig als Juror bei Chorwettbewerben. Seine Urlaube verbrachte er als Dozent in Südtirol und Hessen.

Nun mit 75 möchte er etwas kürzertreten - und sprüht gleichzeitig vor Ideen und Elan: Begeistert erinnert er an ein Seminar in Frankfurt für 120 Chorsänger - «alle über 60, aber unheimlich wissbegierig und aufnahmebereit. Das war eine Offenbarung für mich. Ich konnte gar nicht mehr schlafen.» So entstand ein Konzept, das er mit dem Chorverband Schwaben umsetzt. Ohne feste Verpflichtung sollen Senioren an mehreren Abenden zum Singen gebracht werden.

Im Alter oft kurzatmig

«Wir wollen Freude wecken, Mut machen und die Beweglichkeit fördern», erklärt Groß. Viele seien im Alter kurzatmig. Aber «Atmen und Atemtechnik ist das Fundament von allem», kehrt Groß zu einem seiner Glaubenssätze zurück. «Singen ist tönender Atem», wie er früher einmal schrieb. Im Gegensatz zur früheren Chorarbeit steht die Leistung im Hintergrund. Nun geht es nur noch um die Freude am Singen.

Kommentare

online discussion

Sie möchten kommentieren?

Sie möchten zur Diskussion beitragen? Melden Sie sich an, um Kommentare zu verfassen.

Diskussion schließen

Hinweis: Der Autor wird vom System benachrichtigt

add_content

Sie möchten selbst beitragen?

Melden Sie sich jetzt kostenlos an, um selbst mit eigenen Inhalten beizutragen.

© Allgäuer Zeitungsverlag GmbH / rta.design GmbH

Powered by PEIQ

Karte einbetten

Abbrechen

Video einbetten

Es können nur einzelne Videos der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Playlists, Streams oder Übersichtsseiten.

Abbrechen

Social-Media Link einfügen

Es können nur einzelne Beiträge der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Übersichtsseiten.

Abbrechen

Beitrag oder Bildergalerie einbetten

Abbrechen

Schnappschuss einbetten

Abbrechen