Zeitsoldat
Die Pistole auch nachts griffbereit in der Hose

Geschlafen hat Manuel Streif in Afghanistan «mit dem MG unterm Bett und der Pistole griffbereit in der Hosentasche». Um so unwirklicher und wie «Luxus» kommt dem 22-Jährigen aus Marktoberdorf das Leben hier vor: «Klar, entspannen kann ich mich inzwischen schon. Ich bin ja nicht paranoid», meint Streif. Aber die Leute rundherum beobachte er schon immer noch, wenn er beispielsweise beim Bier sitze.

<%img scl_width='720' scl_height='541' id='467327'%>Apropos gemütlich beim Bier sitzen, ohne Waffe und Schutzweste - und ohne Angst zu haben, dass etwas passiert: Das ist für Manuel Streif ungewohnter Luxus geworden. Ebenso wie die die Tatsache, dass er seinem Hobby Motorradfahren nun wieder nachgehen kann. «In Afghanistan waren wir nur in voll gepanzerten Fahrzeugen unterwegs - oder zu Fuß, wenn die Wege zu schlecht waren.» Mit Helm, ballistischer Schutzbrille und Weste. Er und seine Kameraden waren immer auf der Hut vor der Gefahr: vor allem dann, wenn die Straßen leer oder keine Kinder draußen waren. «Ich weiß, dass man sterben kann», sagt Streif. Mit dem Tod war er in Afghanistan konfrontiert, auch wenn von seinen direkten Kameraden keiner gefallen ist. Weshalb ihn auch der morgige Volkstrauertag wohl kaum kalt lässt.

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Unterdrückte Dörfer befreien

Dabei ist der Zeitsoldat, der sich für zwölf Jahre verpflichtet hat, bereits seit einem Monat - vorerst - zurück vom Hindukusch, wo er als Feldwebel der Gebirgsjäger Bad Reichenhall bei einer schnellen Eingreiftruppe der Bundeswehr südlich von Kunduz Taliban aufspüren musste. Die Aufträge lauteten: Gesprächsaufklärung, Feindbeobachtung, unterdrückte Dörfer befreien, den oft versteckten Feind bekämpfen und Präsenz zeigen. «Am häufigsten mussten wir uns verteidigen, weil auf Patrouille aus dem Busch auf uns geschossen wurde», erzählt Streif.

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«Meine Freundin wusste nur, dass ich in Afghanistan war: wo, wusste sie nicht.» Geschweige denn, dass ihr Manuel der berüchtigten Schlacht um Shahabuddin nicht fern war (Kasten). Heimatkontakt war - wenn überhaupt - nur ohne «sicherheitsrelevante Angaben», wie es in der Militärsprache heißt, möglich. Denn das Mobilfunknetz kontrollieren die Taliban. Und sie schalten es jeden Tag um 18 Uhr Ortszeit ab. Ein Teil ihrer psychologischen Kriegsführung, wie Streif erklärt. «Bei uns daheim war es dann erst 15.30 Uhr und die Angehörigen in der Regel noch auf Arbeit.» Auch wenn das Netz funktionierte, nutzte er sein Handy aber nur in der gesicherten Zeltstadt. Bei Einsätzen habe er sein Mobiltelefon höchstens komplett zerlegt mitgenommen, «damit der Feind uns nicht aufspürt».

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Manchmal konnte er einmal pro Woche per sms Bescheid geben, dass alles okay ist. «Manchmal, bei Aufträgen mit ständiger Fühlung zum Feind, hatten wir drei Wochen keinen Kontakt.»

Gepackt hat er sein Leben dort, wie er sagt, weil er von Anfang an ein Ziel vor Augen hatte: Seine Freundin, Familie und Freunde nach sechs Monaten wiederzusehen. Da hätten es die Deutschen leichter als die Amerikaner: «Die sind für mindestens ein Jahr unten.» Zur Bundeswehr ging er kurz nach der Mittleren Reife. Von seinem Vater, Sportsoldat und Taekwondo-Bundestrainer Georg Streif habe er seit seiner Kindheit viel über den Bund erfahren. «Ich habe mich immer für Bundeswehr, Bundesgrenzschutz und Polizei interessiert.»

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Traumatisiert sei er jedenfalls nicht, sagt er und lächelt. Man glaubt es ihm. Kraft zieht er aus seiner Überzeugung, dass die Bundeswehr in Afghanistan «eine gute Sache macht». Unschuldige seien die Taliban nicht. Und die Mehrheit der Bevölkerung, vor allem die Tadschiken, wünsche sich Frieden. Begeistert erzählt er von der Dankbarkeit der Afghanen, «wenn wir eine Schule oder ein Krankenhaus besucht und dort unsere Ärzte reingeschickt haben.»

Diese und andere Erfahrungen will er nicht missen, sagt Streif. Deshalb habe er auch keine Angst davor, dass er vielleicht in zwei Jahren wieder an den Hindukusch muss. Vier seiner vorerst zwölf Jahre bei der Bundeswehr hat er abgeleistet - aber es können mehr werden: «Berufssoldat zu werden, ist eine Überlegung wert.

» Jetzt hat er aber erstmal noch Urlaub.

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