Leukämie
Der eine spendet Stammzellen, der andere lebt nach Transplantation auf

Die Begründung, weshalb jemand einen Teil von sich gibt, um einem anderen Menschen das Weiterleben zu ermöglichen, ist meist die selbe. Auch bei Thomas Schneider aus Bertoldshofen. «Es ist schön, wenn man jemandem helfen kann, aber nicht mit dem Anspruch, Dank zu bekommen, sondern aus einer Verpflichtung. Es kann einen doch selbst treffen oder jemanden aus der Familie. Und dann ist man froh um jede Hilfe», bekundet er. Für sein Engagement erfuhr er viel Anerkennung. Was ihn aber nachdenklich stimmt: «Der nächste Schritt, dass jemand sagt, das mache ich auch, der fehlt häufig».

Das hat Folgen. Bundesweit hoffen nach Angaben der Deutschen Stiftung Organtransplantation 12000 Erkrankte auf ein Spenderorgan, davon 8000 auf eine Niere. «Es warten dreimal so viele Menschen auf eine neue Niere wie Transplantate vermittelt werden können.» Gut, um eine Organtransplantation ging es bei Schneider nicht. Vielmehr war ein 54-jähriger Amerikaner an Blutkrebs erkrankt. Nach umfangreichen Tests kam der 45-jährige Leiter der Abteilung Firmenkunden bei der Sparkasse Allgäu in Marktoberdorf für ihn als Stammzellenspender in Frage.

Es folgte eine intensive Untersuchung beim Hausarzt, bei der vor allem das Blut kontrolliert wurde. Weil die Werte mit denen des potenziellen Empfängers weitgehend übereinstimmten, folgte eine weitere Untersuchung in der Uniklinik in Tübingen. Als auch dieses Resultat positiv ausfiel, erhielt er Spritzen, die er sich selbst setzen musste. Sie sollten die Produktion von Stammzellen anregen.

Ein Zurück gab es nun nicht mehr. Denn der Empfänger musste für die Transplantation vorbereitet werden. Dabei wird dessen Immunsystem quasi auf Null gefahren. Verweigert der Spender in dieser Phase seine Bereitschaft, ist das für den Patienten das Todesurteil.

Am Tag darauf beim Empfänger

So wurden in Tübingen aus Schneiders Blut die Stammzellen herausgefiltert. «Das war wie bei einer Dialyse» und dauerte rund fünf Stunden. Bereits am nächsten Tag wurden sie dem Empfänger in den USA transplantiert. «Ich würde es immer wieder tun», sagt er und begründet das unter anderem mit seinem christlich geprägten Leben: «Wenn man anderen etwas Gutes tun kann, macht man das auch.»

Das war der Grund, weshalb sich Schneider überhaupt typisieren ließ. Denn vor neun Jahren wurde für den an Leukämie erkrankten Bertoldshofener Daniel Sappl ein Spender gesucht. Viele Ostallgäuer ließen sich damals in der Bertoldshofener Turnhalle Blut abnehmen.

Chance von 1:1,7 Millionen

Aus dieser Gruppe heraus kam für Sappl kein Spender - wohl aber für einige andere Patienten. Sappl stand jedoch ein anderer zur Verfügung: «Ohne diese Spende würde ich heute nicht mehr leben.» Dabei lagen seine Chancen, einen Geeigneten zu finden, bei 1:1,7 Millionen.

Im Jahr 2000 wurde bei ihm Leukämie diagnostiziert. Er musste sich einer Chemotherapie unterziehen, erlitt kurz nach dem Klinikaufenthalt einen Rückfall und benötigte einen Spender. Die Hoffnung darauf war für ihn der letzte Strohhalm, an der er sich klammern konnte. In der Zeit des Wartens «brauchte ich gutes Gottvertrauen».

Als er die erfreuliche Nachricht erhielt, eine Amerikanerin komme für ihn in Frage, war das Bangen nicht vorbei. «Der Körper muss die Stammzellen ja erst einmal annehmen», sagt er. Und selbst danach sei mit vielen Unwägbarkeiten zu rechnen: «Die kleinste Infektion kann den Tod bedeuten.» Sappl schluckte lange Zeit Medikamente, die eine Abstoßung und Infekte verhindern sollten.

Inzwischen lebt der 39-Jährige ohne sie. «Es geht mir wieder gut», freut er sich. Im Bund Naturschutz engagiert er sich, singt in zwei Chören, wandert gern, kann wieder am Leben teilnehmen. Natürlich gebe es weiterhin Einschränkungen etwa bei der Leistungsfähigkeit, weil die Chemo einiges irreparabel beschädigt habe. «Aber warum soll ich mich beschweren, wenn ich weiß, ich könnte schon nicht mehr sein?»

Doch es seien noch andere Faktoren gewesen, die zu seiner Genesung beigetragen haben: «Das war der große Rückhalt in der Familie und der Bevölkerung, die Typisierungsaktion, das Benefizkonzert, die Anrufe und Briefe: Das hat unwahrscheinlich gut getan», ist er noch heute für die vielfältige Unterstützung dankbar - neben der Stammzellenspende der US-Amerikanerin, zu der er per E-Mail Kontakt hält und die er gern einmal besuchen möchte.

Dabei wünscht er sich für andere Erkrankte nichts mehr, als dass noch viele weitere Personen ihrem und Schneiders Vorbild folgen.

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