• 29. Mai 2012, 00:00 Uhr
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Musica Sacra
Wie der argentinische Chor das Festival Musica Sacra in Marktoberdorf erlebt

Einer summt Melodien vor sich hin, die andere erzählt begeistert von Kässpatzen. Der Chor aus Buenos Aires trifft sich zu einer Probe in der Musikakademie Marktoberdorf. Sechs Musiker begleiten die 26 Sänger des Musica-Sacra-Chores auf Bombos, Flöten, Bratsche, Gamba, Charango und Cembalo. In schnellem Spanisch und mit leuchtenden Augen erzählen sich die Musiker, wie sie den Vormittag in ihren Gastfamilien erlebt haben. Einer wanderte auf eine Berghütte, eine andere erkundete das Allgäu auf dem Rad, der nächste ruderte auf dem Elbsee und einer besuchte Schloss Neuschwanstein.

'Marktoberdorf ist bekannt für seine Kultur, vor allem die Musik und seine Traktoren', erklärt Nestor Andrenacci, der Dirigent der Grupo de Canto Coral seinen Sängern. Während einer konzentrierten und fröhlichen Probe überlegt Andrenacci: 'Unser Chor ist flexibel und für alles offen – vielleicht ist das das Geheimnis für unsere Freude an der Musik'. Seit fast 40 Jahren besteht die Grupo de Canto Coral. 1989 entdeckte ein Chormitglied eine Anzeige des Chorwettbewerbs in Marktoberdorf in einer Zeitung. Der Chor nahm teil und gewann.

2002, als die Wirtschaft Argentiniens am Boden war und eine Ausreise faktisch unmöglich, sandte Musica Sacra den Musikern einen Koffer voller Dollar in die deutsche Botschaft nach Buenos Aires, sodass die Mitglieder Flugtickets kaufen und sich an dem Festival beteiligen konnten.

Claudia Fanego war daher wie neun andere der argentinischen Sänger schon öfter in Deutschland. Was sie immer wieder fasziniert, ist die Ruhe, die sie im Allgäu findet. Die Sopranistin Cecilia Caliri wiederum unterrichtet in Buenos Aires Klavier und Gesang. Die 30-Jährige lernt in der Hauptstadt Argentiniens seit drei Jahren Deutsch und interessiert sich schon länger für die hiesige Kultur.

'Ich fühle mich hier pudelwohl'

'Ich fühle mich pudelwohl. Vor allem das Vertrauen, das die Menschen hier ineinander haben, beeindruckt mich.' In Buenos Aires sei es unvorstellbar, seine Haustüre nicht abzuschließen, wie sie es in ihrer Gastfamilie erlebt habe. Überrascht hätte sie auch die Wärme, mit der sich die Ostallgäuer begegneten, das angenehme Klima und die feine regionale Küche.

Am späten Nachmittag fährt die Gruppe mit dem kongolesischen Chor nach Memmingen zum Konzert. Der barocke Stuck des Kreuzherrensaals wird von den Musikern fotografiert, die Sängerinnen machen sich schick, eine Altistin kümmert sich noch um Eintrittskarten für ihren Bruder, der extra aus Frankreich angereist ist. Bereits eine Stunde vor Konzertbeginn drängen Zuschauer in den Saal.

'Es ist faszinierend, wie gut Kommunikation ohne Sprache funktioniert – besonders wenn man eine Leidenschaft wie das Singen teilt', meint Sänger Guillermo Rodriguez. Er findet die Menschen in Deutschland höflich und hilfsbereit. Besonders beeindruckt ist er von den gepflegten und neuen Autos auf den Straßen und auch das bayerische Bier schmeckt ihm.

Kurz vor dem Konzert lockert der Dirigent die Stimmung der Musiker mit Witzen auf. 'Musica Sacra ist ein spannendes Festival', findet er. 'Es findet ein Austausch zwischen den Musikern statt, aber auch das Publikum setzt sich mit verschiedensten Musikrichtungen auseinander und lernt diese und die Kulturen dahinter zu verstehen.' Den Chorleiter faszinieren die Fülle von Kunstströmungen, die vielen Kulturangebote in Deutschland und auch der hohe Organisationsgrad des Landes.

Dann steht der argentinische Chor auf der Bühne. Fast jeder Sänger gibt eine Solostelle zum Besten, singend kommunizieren sie miteinander: Halten Blickkontakt, lächeln sich an, keifen, beziehen das Publikum mit ihrer Mimik mit ein. Nach ihrem Auftritt hört der Chor interessiert den anderen Chören zu. Später werden sie in der Musikakademie zusammen tanzen. Argentinische Folklore, hebräische Lieder und Tango.

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