Rathaussturm
Narrenzunft Scheidegg wirft Bürgermeister aus seiner Amtsstube

Der Putz an der Fassade blättert ab, das «U» im Wort «Rathaus» ist schon abgefallen. Mit einem Plakat bittet die Belegschaft um Kleider- und Essensspenden. An der Eingangstür kleben ein Pfandsiegel und ein Schild mit der Aufschrift «Wegen Konkurs geschlossen» - das Scheidegger Rathaus macht am Gumpigen Donnerstag einen ziemlich heruntergekommenen Eindruck. Nahtlos an den Zustand des Gebäudes angepasst präsentieren sich auch die Beschäftigten der Ortsverwaltung. Lauter abgerissene, notleidende Gestalten, wobei Bürgermeister Ulrich Pfanner mit roter Fliege, mausgrauem Pullover, beiger Hose und schwarz-weiß kariertem Sakko von allen noch den besten Eindruck macht.

Den Vogel schießt allerdings Kämmerer Karl Huber ab, der völlig zerlumpt und niedergeschlagen vor der Rathaustreppe sitzt, eine Blechschüssel zwischen den Füßen hält und unmissverständlich darauf hinweist, dass die Arbeit im Scheidegger Rathaus manchmal nicht nur an die Substanz geht, sondern mittlerweile existenzbedrohend zu sein scheint: << Ich habe Hunger - bitte um Spende >> macht Hubers Puppen-Alter Ego auf die missliche Lage mancher Rathausbeschäftigter aufmerksam.

Schlimme Zustände, die Peter Willner als Zunftmeister der Scheidegger Narren natürlich nicht unkommentiert lassen kann: << Normalerweise sollten wir Dich wegen erwiesener Unfähigkeit aus dem Dorf jagen - ich sag nur Tunesien und Ägypten >>, so die Drohung Richtung Pfanner.

<< Bei all dem, was sich bei uns angesiedelt hat muss das Geld doch nur so fließen: Gewerbepark Hauser Wiesen, Golfpark und der Schraubenwald in Oberschwenden mit täglich Tausenden Besuchern. Irgendwo muss das Geld doch geblieben sein >>, legt Willner nach.

Aber Pfanner zeigt sich als Vollblutpolitiker mit Erfahrung im Verharmlosen: << Du hast doch keine Ahnung. Bei uns wird klug in die Zukunft investiert. Da reißt man sich den Hintern auf, damit es mit Scheidegg bergauf geht, und dann kommt da so eine bunte Truppe daher und meint, sie könnte alles schlecht machen. >> Ungewollt lieferte der Rathauschef dem Scheidegger Obernarren damit allerdings eine Steilvorlage. << Das mit dem Aufreißen stimmt schon.

Du hast dir wohl gedacht, ein Verkehr, der fließt, ist unnatürlich - da reißen wir doch gleich mal die Bahnhofstraße auf und verlegen monatelang Rohre wegen dem Heizwerk >>, schoss Willner zurück.

Hier agiert der Zunftmeister allerdings taktisch unklug. Das Prestigeobjekt, das Hackschnitzelheizwerk, in den närrischen Schmutz zu ziehen - das lässt der Bürgermeister nicht auf sich sitzen. Die Replik folgt auf dem Fuß: << Eurer Narrenbaum ist doch jetzt schon über 20 Jahre alt, der müsste also furztrocken sein. Wenn du nicht gleich mit deiner komischen Truppe verschwindest, wird der morgen verheizt - und es ist mir völlig egal, welche Farbe die Wolke hat. >>

Mit dieser Drohung hat der Geduldsfaden der Narren schließlich seine Belastungsgrenze erreicht. Die Hästräger stürmen das Rathaus, zerren den Chef der Rathaus-Clochards heraus und binden ihn an den Narrenbaum. Schockiert von derart rüden Methoden gibt letzterer doch noch klein bei, schwört den Eid, bis zum Aschermittwoch die Amtsgeschäfte an die Narren abzugeben und << reichlich Trank als Wiedergutmachung >> zu spendieren.

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