Interview
Landrat Elmar Stegmann zieht Halbzeitbilanz

Seit 1164 Tagen ist Elmar Stegmann Landrat im Landkreis Lindau. Die Halbzeit in seiner ersten Amtsperiode hat die Heimatzeitung als Anlass genommen, den 39-jährigen Kreischef zu einem Interview einzuladen. Die Fragen stellten Peter Mittermeier, Ingrid Grohe, Armin Dorner und Anna Feßler.

Herr Stegmann, Sie sind drei Jahre im Amt. War die Arbeit in der Zeit so, wie Sie sie sich vorgestellt haben?

Elmar Stegmann: Ja. Ich war ja zuvor schon Abteilungsleiter im Landratsamt Neu-Ulm und habe dort die Arbeit eines Landratsamtes kennengelernt. Insofern war mir bewusst, was mich erwartet. Etwas unterscheidet den Landkreis Lindau aber spürbar von anderen. Das ist die Internationalität. Wir pflegen hier ein sehr enges Miteinander mit den benachbarten Regionen über die Grenzen hinweg. Das macht die Aufgabe vielseitig und noch spannender.

Sie waren beim Amtsantritt 36 Jahre alt. Viele dachten, das Landratsamt sei für Sie nur ein Sprungbrett.

Stegmann: Ich fühle mich in Lindau sehr wohl und trage mich nicht mit Wechselabsichten - im Gegenteil. Ich möchte gerne auch nach 2014 meine Arbeit als Landrat des Landkreises Lindau fortsetzen.

Gab es denn Angebote aus anderen Orten oder Stellen?

Stegmann: (zögert) Sagen wir es so: Man ist nicht unbekannt.

Was war für Sie der größte Erfolg in den ersten drei Jahren?

Stegmann: Ich sehe zwei Punkte: Bildung und Finanzen. Die Schulden abzubauen, war das erklärte Ziel. Das ist uns gemeinsam gelungen. Von 2007 bis Ende 2011 werden wir 11,6 Millionen Euro Schulden getilgt haben. Wir haben uns dabei aber nicht zu Tode gespart, sondern gewaltig investiert, gerade auch im Westallgäu. Die Lindenberger Realschule zum Beispiel ist um neun Klassenzimmer erweitert und energetisch saniert worden.

Die Erweiterung der Sankt-Martin-Förderschule wird Ende des Schuljahres abgeschlossen. 74 Prozent der Ausgaben im Vermögenshaushalt fließen heuer in Bildung. Darüber gibt es ein großes Einvernehmen im Kreistag - das freut mich sehr.

Gab es auch Enttäuschungen?

Stegmann: Dieser Begriff wäre übertrieben. Dass wir nicht Optionslandkreis geworden sind, freut mich natürlich nicht. Wir sind da aber noch dran. Es wäre sinnvoll, die Betreuung der Langzeitarbeitslosen durch die Landkreisverwaltung zu leisten. Die Bayerische Staatsregierung sieht uns zwar als geeignet an, doch gibt es weder bayern- noch bundesweit genügend Optionsplätze. Derzeit führen die betroffenen Landräte Gespräche mit ihren Bundestagsabgeordneten, damit diese sich für mehr Optionsplätze einsetzen.

Wie wird es denn beim Schuldenabbau weitergehen?

Stegmann: Wir werden den Weg konsequent fortsetzen, aber sicher nicht in dem Tempo wie bisher.

Lassen Sie sich auf eine konkrete Zahl festlegen - wieviel Schulden soll der Kreis 2014 haben?

Stegmann: 20 Millionen Euro ist eine magische Zahl. Wenn wir dort hinkämen, lägen wir bei der durchschnittlichen Pro-Kopf-Verschuldung der bayerischen Landkreise. Aber auf eine Jahreszahl kann ich mich nicht festlegen. Wann wir das erreichen, hängt von vielen Faktoren ab. Auch davon, wie es mit der Kreisumlage weitergeht und sich die Wirtschaft und damit die Steuereinnahmen entwickeln.

Kurz nach Ihrem Amtsantritt haben Sie eine Diskussion über Windkraft angestoßen. Was glauben Sie jetzt: Wird sich in den nächsten zehn Jahren ein Windrad im Landkreis drehen?

Stegmann: Ich denke schon. Im Moment wird das Baugesetzbuch überarbeitet. Im Zuge der Reform denkt Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer offenbar darüber nach, Windräder eher konzentriert aufzustellen. Diese Diskussion muss man abwarten. Grundsätzlich stehe ich dem Thema aber positiv gegenüber. Wir müssen für dezentrale Anlagen zur Energieerzeugung sorgen. Und das sage ich nicht erst seit Fukushima. Windkraft ist dabei ein Teil. Genauso dazu gehören aber Geothermie, Photovoltaik und Wasserkraft.

Die GKWG (Gemeinnützige KreisWohnungsbaugenossenschaft) ist in den vergangenen Monaten in die Schlagzeilen geraten. Das Bauträgergeschäft hat Probleme verursacht. Können Sie sich als Aufsichtsratsvorsitzender vorstellen, dass sich die GKWG wieder auf ihr Kerngeschäft, also preisgünstige Mietwohnungen, konzentriert?

Stegmann: Das ist eine Frage, die wir mit dem neuen Geschäftsführer und dem Aufsichtsrat diskutieren werden. Das Kerngeschäft der GKWG, die Vermietung, läuft gut. Alle Fachleute sagen uns aber auch, dass das Bauträgergeschäft Sinn machen kann, wenn es gut geführt wird. Damit kann das Unternehmen zusätzliche Erträge erwirtschaften, die dann unseren Wohnungen und somit unseren Mietern zugute kommen.

Sie haben sich immer für Transparenz ausgesprochen. Wann erfahren wir in Sachen GKWG Details über die Probleme, die die Gesellschaft hatte?

Stegmann: Wir befinden uns in einer juristischen Auseinandersetzung mit dem früheren Geschäftsführer. Deshalb kann ich derzeit auch keine Details nennen. Da bitte ich um Verständnis. Für die Oktobersitzung des Kreistages haben wir aber vorgesehen, öffentlich und umfassend über die Lage und Ausrichtung der Gesellschaft zu berichten.

Eine Fachhochschule war wiederholt Thema, aktuell wird über die Ansiedlung einer Berufsakademie in Lindau diskutiert. Sehen Sie Chancen für eine Hochschule im Landkreis?

Stegmann: Eher wenig. Es gab bei Hochschulen vor einigen Jahren einen Gründungsboom. Mittlerweile geht es aufgrund der demographischen Entwicklung eher in eine andere Richtung. Es ist unrealistisch zu glauben, der Freistaat würde eine Fachhochschule in Lindau einrichten. Dafür fehlt uns aufgrund unserer Lage auch das Einzugsgebiet. Und die Berufsakademie ist zwar ein tolles Modell, weil sie noch näher an der Praxis ist als die FH, es gibt sie in Bayern aber nicht.

Sie sind als Landrat auch Chef einer Behörde. Wie würden Sie Ihren Führungsstil beschreiben?

Stegmann: Manche Mitarbeiter brauchen eine engere Führung, anderen kann man viel Freiraum geben. Wichtig ist mir ein gutes Miteinander. Mitarbeiter müssen gerne zur Arbeit kommen. Das spürt auch der Bürger, der Kontakt zu uns hat.

Sie wollten die Bürger des Landkreises auch durch mehr Transparenz für die Kreispolitik gewinnen. Was haben Sie verändert?

Stegmann: Die nichtöffentlichen Sitzungen wurden auf ein Minimum reduziert. Außerdem tagen die Kreisgremien auch außerhalb Lindaus. Eine neue Broschüre und ein neuer Internetauftritt stellen den Landkreis und seine Verwaltung vor. Diese wurde übrigens klarer strukturiert. Unsere neue Pressestelle informiert aktiv die Öffentlichkeit über die Arbeit der Landkreisverwaltung und der Kreispolitik.

Außerdem haben wir ein Beschwerdemanagement eingerichtet. Diese Liste lässt sich noch weiter fortsetzen. Ich sehen das alles unter den Aspekten Bürgerfreundlichkeit und Service. Diese Dinge werden noch weiter ausgebaut.

Es ist immer wieder vom zweigeteilten Landkreis die Rede. Haben Sie den Raum zwischen Nonnenhorn und Maierhöfen so erlebt?

Stegmann: Ich erlebe den Landkreis als vielfältig. Nehmen wir die Grüne Woche in Berlin als Beispiel. Wir hatten ein tolles Miteinander, die Senner der Westallgäuer Käsestraße, Winzer, Obstbauern, Köche vom See und unsere Gästeführerinnen. Alle haben hinterher gesagt, sie wären sofort wieder dabei, wenn der Kreis erneut als Einheit auftritt.

Aktuell gibt es Diskussionen um die Wirtschafts- und Entwicklungsleitstelle Westallgäu (WEST). Es gibt auch Kommunalpolitiker, die meinen, das Thema Wirtschaftsentwicklung soll der Kreis übernehmen.

Stegmann: Die WEST war Wunsch der Gemeinden im Westallgäu und sie wird deshalb auch durch den Landkreis unterstützt. Eine Übernahmen durch den Landkreis steht derzeit nicht zur Diskussion. Unabhängig von der WEST ist die Wirtschaftsförderung und die Regionalentwicklung für den Landkreis eine zentrale Aufgabe. Deshalb engagieren wir uns unter anderem auch bei der Bodensee-Standortmarketingesellschaft sowie der Allgäu GmbH.

Nach dem Sieg von Grün-Rot in Baden-Württemberg hat sich der Ton von München Richtung Stuttgart deutlich verschärft. Erwarten Sie Auswirkungen auf die Zusammenarbeit mit den Nachbarkreisen?

Stegmann: Wir arbeiten vor Ort hervorragend über die Landesgrenzen hinweg zusammen. Die Landespolitik wird darauf keine Auswirkungen haben. Und die Äußerungen aus München will ich nicht kommentieren, sie sprechen für sich.

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