Architektur
Kontroverse Diskussionen um Zumthors Stadttor in Isny

Der große Baumeister hat keine Berührungsängste. Kaum ist er an diesem nebligen Vormittag in Isny aus dem Auto gestiegen – exakt an der Stelle, wo vielleicht einmal sein Glasturm stehen wird – geht er auf die Handvoll Menschen zu, die sich 'Zumthor – nein danke!'-Schilder umgehängt haben. Eine grauhaarige, kleine Frau begrüßt den hochgewachsenen Schweizer mit Handschlag und erklärt: 'Ich habe nichts gegen Sie persönlich.' 'Danke, es ist freundlich, dass Sie das sagen', erwidert lächelnd Peter Zumthor – und gibt zu bedenken: 'Vielleicht hätten Sie dann besser geschrieben: ,Neues Stadttor – nein danke!’'

Weder Architekt Zumthor noch der Isnyer Bürgermeister Rainer Magenreuter haben an diesem Tag Neuigkeiten zu berichten: Es hat sich kein Mäzen angemeldet, die Nutzung des Turms ist ungeklärt, auch keine aktualisierten Zeitpläne liegen vor.

Lediglich mit Pflastersteinen eingebrachte Linien in der Lindauer Straße markieren den gedachten Standort des Baus, und in einer nebenstehenden Informationsstele sind Glasbausteine einbetoniert – als Beispiel für das vom Architekten vorgesehene Baumaterial.

Ansonsten ist der spektakuläre, 35 Meter hohe Glasturm Peter Zumthors noch reine Vision. Eine Vision, die von vielen Isnyern mit Leidenschaft unterstützt wird, von anderen mit Flugblättern, offenen Briefen an die Stadtoberen oder Leserbriefen bekämpft. Ob die Begeisterung der Befürworter ausreicht, um den Turm Wirklichkeit werden zu lassen, entscheidet sich beim Bürgerentscheid am 5. Februar.

Informationen und Diskussion sieht das dichte Tagesprogramm vor, das Peter Zumthor in der württembergischen Allgäustadt absolviert. Am Nachmittag stellt er sich den Fragen von 200 Schülerinnen und Schülern, abends erläutert er im Kursaal seine Ideen.

Die Stühle reichen bei Weitem nicht aus für die rund 700 Besucher. Zumthor versteht sich nicht als Werber in eigener Sache. 'Ich komme nicht, um zu sagen: Dieses Stadttor müsst Ihr unbedingt bauen. Sondern ich möchte Sie informieren, weil ich es gut finde, dass es einen Bürgerentscheid dazu gibt.' Den Ausgang versteht er als bindend: 'Wenn die Mehrheit zu dem Schluss kommt, sie will den Turm nicht, stehe ich nicht mehr zur Verfügung.

' Mit seinem Vortrag gelingt es dem Architekten, den meisten Gästen die Sinnhaftigkeit seines Entwurfs und die Kraft seines visionären Baus zu erschließen – bevor in der Diskussionsrunde wieder Fakten abgefragt und Argumente ausgetauscht werden.

Dem Applaus nach zu schließen, befürwortet ein Großteil des Publikums das Stadttor-Projekt. Einige Vertreter der Wirtschaft erklären, dass sie darin eine einzigartige Chance für ihre Stadt sehen, die man keineswegs verpassen dürfe. Vom drohenden Ausbluten der Stadt ist die Rede – und von Ausstrahlung und Marketingnutzen des Zumthor-Tors. Schon jetzt, so hat die Steuerungsgruppe ermittelt, erreichten die deutschlandweit veröffentlichten Presseartikel den Wert einer 350 000-Euro-Werbekampagne.

Der Architekt selbst mahnt, nicht nur an Rentabilität zu denken und fragt andere Assoziationen ab. 'Schönheit, Heimat, Zukunft', zählen Projektbefürworter auf. Oder: 'Nahrung für die Seele.'

Thema ist natürlich auch das Geld. Auf 20 Millionen beläuft sich die Kostenschätzung. Dass die Stadt den Bau nicht bezahlen kann, ist lange schon klar, es werden Sponsoren gesucht. 'Wir haben viele Gespräche geführt, aber wir haben das Geld noch nicht beieinander', so Bürgermeister Magenreuter. 'Ttrotzdem halte ich das Projekt für realisierbar.' Um Unterstützer zu finden, müsse die Stadt Vorarbeiten leisten. In den vergangenen drei Jahren habe sie je 100 000 Euro ausgegeben – diese Größenordnung könnte sich der Gemeinderat auch künftig vorstellen.

Magenreuters Versprechen: 'Wir gehen verantwortungsvoll mit den Geldern um.'

Zumthor scheint in der Finanzierung nicht das größte Problem zu sehen. Er deutet an, selbst Sponsoren beizubringen: 'Es gibt Leute, die haben mir gesagt, wenn du das machst, melde dich. Und sie haben gesagt, sie kennen auch andere, denen das gefällt. Das erfüllt mich mit einer gewissen Zuversicht.'

Dass es bei seinen Projekten immer Skeptiker gibt, ist Peter Zumthor gewohnt. Auch dass Fragen auftauchen, die erst in einem späteren Stadium beantwortet werden können, oder Probleme, bei denen die Bürger den Fachleuten vertrauen müssen. Und wenn sich um seine Pläne teils scharf geführte, politische Auseinandersetzungen entwickeln, nimmt er es gelassen.

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