Interview
Journalist und Autor Andreas Englisch spricht in Lindenberg über Widerstände im Vatikan

Der Journalist Andreas Englisch hat tiefe Einblicke in den Vatikan erhalten, von denen er beim Vortrag in Lindenberg berichtet. Dass sich innerhalb der Kirche so entschiedener Widerstand gegen den Papst formiert, hat es noch nie gegeben, sagt er

Als der junge Journalist Andreas Englisch 1987 nach Rom zog, ging es ihm um die italienische Sprache, die bedeutende Stadt und seinen Beruf. Immer intensiver befasste er sich den folgenden Jahren mit dem Vatikan, er kam den Päpsten nahe, begleitet sie bei Reisen. Heute gilt Englisch als Kenner von Kirche und Vatikan, sein Wissen teilt er in Büchern und Vorträgen.

Die Katholische Erwachsenenbildung im Kreis Lindau hat ihn nach Lindenberg eingeladen. Vor seiner Abreise in Richtung Westallgäu erreichten wir ihn in Rom. Beim Telefongespräch fragte Ingrid Grohe den Autor und Journalisten unter anderem nach den Machtkämpfen im Kirchenstaat.

Herr Englisch, Sie versprechen den Lesern Ihrer Bücher und den Besuchern Ihrer Vorträge einen Blick hinter die Kulissen des Kirchenstaates. Nach 28-jähriger Erfahrung mit dem Vatikan: Wie viel dessen, was hinter seinen Mauern geschieht, bleibt dem breiten Kirchenvolk verborgen?

Andreas Englisch: Die meisten Menschen sehen natürlich nur die Fassade – und die ist sehr beeindruckend. Der Vatikan wirkt wie ein sehr mächtiges Instrument. Dass es aber ganz menschlich zu geht, dass dort normale Menschen versuchen, das Beste zu tun, können sich viele nicht vorstellen.

Der Vatikan hält aber doch auch viele Dinge von der Öffentlichkeit fern

Englisch: Ja, natürlich. Man verwaltet dort die Kirche der ganzen Welt, vieles darf nicht nach außen dringen.

Zum Beispiel?

Englisch: Nach außen macht es den Eindruck, als ob Benedikt und Franziskus die besten Freunde wären und sich ständig beraten in allen Dingen. In Wirklichkeit hat es aber viele Reibereien gegeben, vor allem am Anfang. Oder die angeblich harmonische Familiensynode, die eben zu Ende geht. Da ging es extrem heftig zu. Kurienkardinal Gerhard Müller sprach sogar davon, dass eine Spaltung der Kirche denkbar sei.

Glauben Sie das auch?

Englisch: Ich kenne einen Kardinal, der sagt: Wenn Papst Franziskus einer geschiedenen Frau die Kommunion gibt, dann ist das nicht mehr meine Kirche, dann müssen wir eine neue gründen.

Ist sich Papst Franziskus dieser Gefahr gewusst?

Englisch: Der Papst weiß, dass sich was ändern muss. Er muss den Kurienkardinälen sagen: Ihr habt euch jahrhundertelang nicht um die Kernbotschaft von Jesus von Nazareth – die Barmherzigkeit – gekümmert, das geht so nicht. Dadurch sind wir unglaubwürdig geworden, und die Leute treten massenweise aus. Und dann sagen die Gegner: 'Wie kannst Du sagen, Gott vergibt allen Sündern, auch den Menschen, die sich nicht an seine Gebote halten?' Mit seiner Haltung stellt Franziskus ja letztlich die Kirche selbst in Frage.

Hat er dafür auch Unterstützung?

Englisch: Ja, die hat er. Es ist aber höchstens jeder Fünfte in der Kurie. Ich verstehe ja auch die anderen, die sagen: 'Wir haben doch nicht über hunderte von Jahren alles falsch gemacht!' Die Verbitterung ist groß. Was jetzt geschieht, ist völlig neu: dass sich eine Gruppe innerhalb der katholischen Kirche explizit gegen den Papst stellt.

Geht es nur um Glaubensrichtungen?

Englisch: Es geht um Glaubensunterschiede. Manche sagen, was Franziskus uns predigt, das ist nicht mehr die katholische Kirche. Aber es gibt auch Strömungen, die verhindern wollen, dass ihnen die Privilegien genommen werden. Das beginnt schon damit, dass sich Franziskus geweigert hat, in die päpstliche Wohnung einzuziehen, und dass er in der Mensa isst. Jetzt ist er auch für das Fußvolk ansprechbar, jeder kann sich persönlich bei ihm beschweren. Das gab es noch nie.

Wie kommen Sie an Ihre Insider-Informationen?

Englisch: Man kennt nach all den Jahren viele Menschen, und erfährt dann so manches. Gerade, wenn einer enttäuscht ist, erzählt er auch mal was – wenn er weiß, dass ich das für mich behalte und meine Informanten nicht preisgebe. Das ist eine Frage des Vertrauens. Papst Franziskus ist nach Johannes-Paul II und Benedikt XVI der dritte Papst, den Sie als Journalist begleiten.

Welcher von den dreien ist Ihnen persönlich am nächsten?

Englisch: Das ist eine schwere Frage. Ich war ein großer Fan von Karol Wojtyla, ihn habe ich gut gekannt. Und ich bin unheimlich froh über Franziskus – denn was er macht, war überfällig. Und für Benedikt bedaure ich in gewisser Weise, dass er das machen musste. Für ihn war es ein Drama. Nach seiner Wahl beschrieb er das Ereignis mit den Worten: ' als das Fallbeil fiel'. Er war der falsche Mann für dieses Amt und musste sich zehn Jahre durchquälen. Seit Jorge Mario Bergoglio Oberhaupt der Kirche ist, wird immer wieder geäußert, aufgrund seiner revolutionären Haltung sei er in Gefahr.

Teilen Sie diese Einschätzung?

Englisch: Das ist die meist gestellte Frage bei meinen Vorträgen. Sie bezieht sich ja vor allem auf den Tod von Johannes-Paul I, dessen Hintergründe nie mit Sicherheit geklärt wurden. Und tatsächlich würde sich mancher innerhalb des Vatikans wünschen, dass Franziskus so bald wie möglich vor den Herrn tritt. Aber dass es eine konkrete Verschwörung gibt, dass er in Gefahr ist – das geht zu weit. Zwei Forderungen formulieren fortschrittliche Gläubige immer wieder: dass Priestern die Ehe ermöglicht werden sollte und dass Frauen zu Priestern geweiht werden.

Könnte eine dieser Visionen Wirklichkeit werden?

Englisch: Die erste auf jeden Fall, die Ehelosigkeit der Priester ist schließlich nur eine Konvention, die man aufheben könnte. Und zum Thema Frauenordinariat sagt Franziskus: Der erste Mensch, dem sich Jesus als Auferstandener gezeigt hat, war eine Frau – und kein Mann. Ich glaube allerdings nicht, dass es noch zu Amtszeiten Franziskus’ katholische Priesterinnen geben wird.

In Ihren Veröffentlichungen ist immer wieder von der 'Faszination des Vatikans' die Rede. Was macht diese Faszination aus?

Englisch: Dass es eine so uralte Institution ist. Das Unfassbare, dass diese Institution behauptet, von Gott selbst gegründet zu sein. Entweder ist das eine große Augenwischerei, oder es stimmt.

Was glauben Sie?

Englisch: Es stimmt.

Glauben Sie das schon immer?

Englisch: Nein. Bis Ende der 90er Jahre war ich ein ungläubiger, rebellischer junger Mann, der sich nur wünschte, in Rom zu leben und seinen Job zu machen. Durch das, was ich hier erlebt habe, bin ich ein gläubiger Mensch geworden.

Kommentare

online discussion

Sie möchten kommentieren?

Sie möchten zur Diskussion beitragen? Melden Sie sich an, um Kommentare zu verfassen.

Diskussion schließen

Hinweis: Der Autor wird vom System benachrichtigt

add_content

Sie möchten selbst beitragen?

Melden Sie sich jetzt kostenlos an, um selbst mit eigenen Inhalten beizutragen.

© Allgäuer Zeitungsverlag GmbH / rta.design GmbH

Powered by PEIQ

Karte einbetten

Abbrechen

Video einbetten

Es können nur einzelne Videos der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Playlists, Streams oder Übersichtsseiten.

Abbrechen

Social-Media Link einfügen

Es können nur einzelne Beiträge der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Übersichtsseiten.

Abbrechen

Beitrag oder Bildergalerie einbetten

Abbrechen

Schnappschuss einbetten

Abbrechen