Eröffnung
Großer Bahnhof für den ersten Zug

Die Heimenkircher haben dem ersten Zug einen richtig großen Bahnhof bereitet, der in ihrem Ort einen Stopp einlegte und Fahrgäste ein- und aussteigen ließ. Einen «Einzug mit Musik zwischen der Spalier bildenden Jugend» sah der Festablauf nach Vorstellung von Bürgermeister Ellgaß vor, danach einen «offiziellen Empfang der Festgäste im Gasthause zur Sonne». Den feierlichen Abschluss sollten laut Einladung «Illumination und Feuerwerk» bilden. Es war der Dreikönigstag im Jahr 1900, als die Lokalbahn Röthenbach - Hergatz, und damit auch der Bahnhalt Heimenkirch eröffnet wurde. Die Bahn-Geschichte in Heimenkirch, in der am nächsten Sonntag mit der Wiedereröffnung des Bahnhalts ein neues Kapitel aufgeschlagen wird, ist rund 110 Jahre alt. Sie beinhaltet einige berichtenswerte Episoden.

Das genannte Datum im Jahr 1900 war von den Heimenkirchern ein halbes Jahrhundert lang herbeigesehnt worden. Denn bereits seit 1853, als die Bahnlinie Lindau-Oberstaufen eröffnet worden war, schnaubten Dampfloks durch ihren Ort - allein sie hielten nicht in dem Westallgäuer Marktflecken. Die Steigungsverhältnisse waren hier ungünstig, und die Regierung lehnte das Ansinnen eines Bahnhaltepunktes ab. Im Jahr 1897 veränderten sich die Vorzeichen. Bei einer Debatte in der Abgeordnetenkammer des Landtags war vom «außerordentlich großen Hinterland bis nach Württemberg hinein» die Rede. Und dann kam der Vorschlag, Doppelgeleise zu legen, um für eine neue Lokalbahn sowie für Güterverkehr eine Station einzurichten.

«Reich und schön dekoriert» war der Hauptfestort Heimenkirch, als drei Jahre später, am 6. Januar 1900, die langersehnte Lokalbahn endlich fuhr. Der Berichterstatter des «Anzeige-Blatt für das westliche Allgäu» beschrieb euphorisch die Reden, Gedichte, musikalischen Einlagen, Glückwunschtelegramme hochrangiger Politiker und nicht zuletzt das Festbankett. Er beendete seinen Text: «Dieser Tag wird für alle Zeiten unvergesslich bleiben».

Negative Schlagzeile

Knapp 90 Jahre später ist der Heimenkircher Bahnhalt der Heimatzeitung, inzwischen längst Der Westallgäuer, eine negative Schlagzeile wert: «Endgültig: Bahn schließt Bahnhof» titelte unsere Zeitung am 19. Oktober 89. Damals stiegen schon seit vier Jahren keine Fahrgäste mehr ein und aus. Der Personenbahnhof war 1985 geschlossen worden.

Aber einen Güterbahnhof gab es noch - um dessen Erhalt der damalige Bürgermeister Rudi Janisch leidenschaftlich kämpfte. Janisch schickte Protestschreiben an die Bundesbahndirektion nach München, listete Tonnagemengen am «Wagenladungstarifpunkt» (so die bahninterne Bezeichnung) auf, bot den Bahnhof als Müllumladestation an und versuchte auch, auf politischer Schiene Druck zu machen.

Unterschriftenaktion

Es gelang ihm sogar, der Bahn eine «Gnadenfrist» von drei Monaten abzuringen. Unterstützung erhielt er von der Bevölkerung Heimenkirchs, die seiner Forderung durch Unterschriftensammlungen Nachdruck verlieh. Vergebens. Mit Verweis auf das «Kosten-Erlös-Verhältnis» wurde die Heimenkircher Bahn-Geschichte mit dem 1. Januar 1990 beendet - vorläufig.

Große Bahnreform

Niemand wusste damals, dass schon wenige Jahre später deutschlandweit die Weichen anders gestellt würden. Immerhin war seit den 1960er Jahren im ganzen Land von einem «Bahnhöfesterben» die Rede. Die große Bahnreform Mitte der 1990er Jahre brachte die Wende: Seither gibt es keine Bundesbahn mehr, sondern die Bahn AG - und die bestimmt nicht über die Schließung oder Eröffnung von Bahnhaltepunkten. Die Zuständigkeit wurde auf die die Länderebene verlegt. In Bayern entscheidet jetzt die Bayerische Eisenbahngesellschaft (BEG), wo und wie häufig Reisende und Pendler Züge besteigen können. Sie handelt aufgrund von Marktanalysen wie auch verkehrspolitischen Maßgaben.

Seit etwa 15 Jahren also werden in ganz Bayern Bahnhöfe wiederbelebt, durchschnittlich drei bis vier im Jahr. Aus damals 970 Zughaltepunkten sind jetzt 1004 geworden - am 12. Dezember 2010, also morgen in einer Woche, kommen neben Heimenkirch noch sechs weitere dazu.

Und wieder wird es ein großes Fest geben im Marktflecken Heimenkirch. Von Festbankett und Feuerwerk ist zwar nicht die Rede, aber Musikkapelle und Kinder bereiten dem ersten anhaltenden Zug mit Marschmusik, Liedern und Aufführungen einen würdigen Empfang. Auch dieser Tag wird den Heimenkirchern unvergesslich bleiben.

 

Der alte Bahnhof kurz vor dem Abriss im Sommer 2009. Foto: Angela Feßler

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