Premiere
Frenetischer Applaus für Monteverdis Oper Die Rückkehr des Odysseus in Scheidegg

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In vielerlei Hinsicht Ungewöhnliches war am Freitagabend in Scheidegg zu erleben: die Gestade Ithakas im Angesicht der in Abendlicht getauchten Nagelfluhkette, das Kurhaus als Bühne für Claudio Monteverdis 'Die Rückkehr des Odysseus', 1641 unter dem Titel 'Il riturno d´Ulisse in patria' uraufgeführt in Venedig und jetzt sogar in deutscher Fassung gespielt.

"Wir schenken uns eine Oper", hatte vor über einem Jahr der in Scheidegg lebende Musikprofessor Wolfgang Schmid beschlossen. Mit der Premiere überreichten er und eine Gruppe von seiner Leidenschaft angesteckter Menschen das Geschenk - und das Publikum nahm es mit langem, begeisterten Applaus an.

Dabei hatten sich manche das Präsent vielleicht ein bisschen anders vorgestellt. Denn weit populärer als die Opern von Barock-Komponisten wie Verdi sind die Werke ihrer späteren Kollegen der Romantik, die ihre Musiktheater mit schwelgerischen Arien, üppiger Orchestrierung, mächtigem Chorgesang ausstatteten und dabei so manchen Gassenhauer produzierten.

Wolfgang Schmid, der vor seiner Emeritierung im Jahr 2009 an der Musikhochschule Graz gelehrt hat, entschied sich bei seinem Projekt zu Recht für eine Barock-Oper. Diese deutlich schlankere Form des Musiktheaters lebt weniger von Opulenz denn von Improvisation und passte so bestens zum mutigen Vorhaben Schmids, mit einfachen Mitteln eine anspruchsvolle Produktion auf die Beine zu stellen.

Aufwand hat sich gelohnt

Wolfgang Schmid und Regisseur Alexander Irmer empfanden sich durchaus in der Tradition Claudio Monteverdis (1567-1643), als sie begannen, ihre Vision umzusetzen. Schon im Venedig um 1640, so Schmid, sei häufig in Frage gestellt worden, ob sich der Aufwand für Oper überhaupt lohne.

Für Scheidegg ist festzuhalten: Der finanzielle Aufwand war bescheiden, der persönliche Aufwand aller Beteiligten dagegen enorm: von Sängern und Instrumentalisten über Bühnenbauer, Kostüm- und Vorhang-Schneiderinnen bis hin zu Maskenbildnern und Gastgebern. Und er hat sich gelohnt.

Klug setzte Regisseur Irmer die ihm zur Verfügung stehenden Mittel ein. Auf der Bühne hatte der Bauhof ein weißes Stufen-Rund aufgestellt, das sich als Thronsaal des Königshauses Ithakas ebenso eignete wie als Kampfarena. Doch Umbauten lassen diese Kulisse und die Scheidegger Bühnentechnik nicht zu.

Also weitete Irmer den Handlungsraum einfach auf den Saal aus: Strand, der Olymp, das Meer, eine Weide - die Protagonisten erschufen durch ihr Spiel die Schauplätze vor, hinter und neben den rund 500 Zusehern, oder auch mal zwischendrin. Vielleicht war diese Beweglichkeit einer der Gründe, warum es den Opernmachern gelang, die Aufmerksamkeit ihrer Gäste bei der (inklusive Pause) fast dreieinhalbstündigen Oper wach zu halten.

Vor allem aber zündete die schauspielerische wie die musikalische Interpretation. Das aus Profis und hervorragenden Laienmusikern zusammengesetzte, siebenköpfige Instrumentalensemble entwickelte einfühlsam den soliden, aber angemessen flexiblen Unterbau für die anspruchsvollen Gesangspartien.

Hervorzuheben sind Professor Walther Schulz (Violoncello) und Georg Pammer (Cembalo) als Eckpfeiler des Generalbasses. In entscheidenden Momenten zeigte das Mini-Orchester sein musikantisches Temperament. Dann griff Dirigent Wolfgang Schmid zum Tamburin und befeuerte die tänzerischen Passagen.

Die jungen Gesangssolisten widmeten sich mit Hingabe ihren Partien. Dass einzelne stimmlich noch nicht ausgereift und intonationssicher waren, machten sie wett mit Einsatz und sympathisch-natürlicher Ausstrahlung. Bei der Besetzung der Rollen hat Schmid das Geschick des erfahrenen Hochschullehrers bewiesen.

Als Athene, Odysseus und Penelope standen ihm mit Nina Laubenthal, Daniel Jenz und Jaroslava Pepper drei sichere und ausdrucksstarke Interpreten zur Verfügung. Stimmlich und darstellerisch überzeugten auch Josef Pepper als Poseidon und Robert Bartneck als Zeus, wobei Letzterer durch seine mitreißende Spiellust die Zuseher besonders entzückte.

Mit Charme, Leidenschaft, Witz

Die Personen dieses Homer´schen Epos in ihrer Vielschichtigkeit herauszuarbeiten, von der verzweifelten, seit 20 Jahren auf ihren Gatten wartenden Penelope, über den vom Krieg ermatteten, heimkehrenden Helden Odysseus bis zu den selbstverliebten, die Menschen mal neckenden, mal schützenden Götter und Göttinnen, ist Regisseur Irmer gelungen.

Er legte die Inszenierung zunächst in eher statischen und gleichzeitig die Aufmerksamkeit bannenden Bildern an, aus denen heraus die Darsteller dann ihre Charaktere mit Charme, Leidenschaft und Witz entwickeln konnten, wenn sie sich in erbitterten Kämpfen oder ausschweifenden Orgien austobten.

Zuletzt hatte Wolfgang Schmid noch eine exquisite Dreingabe für seine Gäste parat: Unterstützt von dem aus engagierten Westallgäuer Sängerinnen und Sängern gebildeten Chor, der seinen Part auch in der Inszenierung souverän gespielt hatte, intonierte das Ensemble ein berührendes, erotisches Madrigal Monteverdis, das einen sanften und wohlklingenden Nachhall hinterließ.

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