Lokalkolorit
Faschingsumzug Weiler: Turnvater Jahn trifft zottelige Urviecher

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Doppeldeutig war das Schild zu verstehen: 'Der Umzug fällt uns schwer, aber ein neues Altenheim muss', war in dicken Lettern am Leiterwagen angebracht, den die als Seniorinnen geschminkten und mit einem Rollator ausgerüsteten Frauenturnerinnen des Sportvereins gestern beim Faschingsumzug durch die Straßen von Weiler zogen. 'Wird das Heim auch noch so klein, eine Kapelle muss sein', stand auf einem anderen Schild, das das Wägelchen flankierte – und mittendrin thronte ein liebevoll selbst gebasteltes Gotteshaus. Sie spielten damit auf den geplanten Neubau des Seniorenheims Rothach an, dessen künftiger Betreiber Allgäu-Stift in seinen jetzigen Bauplänen keine eigene Kapelle, sondern lediglich entsprechende Räume für Andacht und Meditation vorgesehen hat. 'Wenn die Betreiber wollen, können sie unsere Kapelle gerne haben. Denn Meditation ist nichts für alte Leut’', fügten die rüstigen Omas verbal großzügig an – und zogen los.

Es war der auffälligste Klecks Lokalkolorit beim bunten Gaudiwurm, der sich mit 20 Gruppen und rund 400 Teilnehmern bei strahlendem Sonnenschein durch den Ortskern schlängelte. Die Turnabteilung der SV Weiler, die den Umzug auch organisiert und mit Bianca Weber die Sprecherin auf dem Kirchplatz gestellt hat, wies mit einem Wagen auf ihr 150-jähriges Bestehen hin, wo die Prellballer wie zu Turnvater Jahns Zeiten die Zuschauer am Straßenrand zur Leibesertüchtigung mit Hampelmännern und Kniebeugen animierten. Die Abteilung 'Aktiv und fit' warf hingegen einen Blick in die Zukunft. Ihre Vision: Sport in 150 Jahren, mit Joystick am Computer und garantiert ohne Schweiß.

Andere Gruppen entführten die größtenteils selbst verkleideten Zuschauer in fremde Welten: Mit den Westallgäuer Oldtimerfreunden ging es nach China und die Reitergruppe ließ eine wilde Affenhorde los. Zeitreisen machten die Hippies des Jugendrotkreuzes und die urigen Allgäuer der Landjugend, die neben Klamotten aus Großvaters Kleiderschrank auch zottelige Urviecher mitgebracht hatten, die einen ganzen Futtertrog voller Sägespäne unter die Leute brachten. Ansonsten flogen wieder über 100 kg Bonbons durch die Luft, und wer Glück hatte, ergatterte weitere Gaumenfreuden wie Gummibärchen, Schokobananen oder Hochprozentiges, das auch auf dem einen oder anderen Wagen so manche Kehle vor dem Austrocknen bewahrte.

Währenddessen schwammen die Raubfische der Lindenberger Theatergruppe Junge Bühne durch das 'HAIratsparadies', in dem sich auch die Feen und Geister des Kindergartens sichtlich wohl fühlten, und die jungen Turnerinnen der SV Weiler mit einem Dutzend Bobbycars die Umzugsstrecke zum Formel-1-Kurs umfunktionierten.

Nicht fehlen durften natürlich auch Frauen: Die Erfolgschancen der Feuerwehr-Hexen, beim anschließenden Kehraus einen Partner fürs Leben zu finden, dürften allerdings geringer gewesen sein als die der Fußballer, die mit grellbunten Perücken, schrillem Make-up, falschen Riesenbrüsten und gläserweise Prosecco in ihrer ganz eigenen Version der TV-Kuppelshow 'Der Bachelor' versuchten, von ihrem Herzbuben Paul (dargestellt von David Fink) eine Rose zu ergattern.

Die Prellballer wiesen mit ihrem Wagen auf das 150-jährige Bestehen des Sportvereins hin, der den Umzug wieder organisierte, rund 100 kg Bonbons spendierte und für die Bewirtung auf dem Kirchplatz sorgte. Fotos: Matthias Becker

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