Abschied
Dr. Kurt Stübing blickt auf 25 Jahre als Chefarzt in der Fachklinik Prinzegent Luitpold in Scheidegg zurück

«Die moderne Reha im Kinder- und Jugendbereich verdient eine Chance. Die Erfolge sprechen für sich.» Dr. Kurt Stübing steht auch nach seinem Abschied aus der Fachklinik Prinzregent Luitpold voll hinter der Idee einer ganzheitlichen Rehabilitation, die er als Chefarzt ein Vierteljahrhundert in Oberschwenden aufbauen und in neue Dimensionen führen konnte.

Von 40 Einrichtungen in Deutschland Mitte der Achtzigerjahre sind heute noch 15 übrig. Stübing wünscht sich, dass die Kostenträger bei der Stange bleiben und nicht weiter sparen, denn << Kinder und Jugendliche sind unser Kapital. Da darf nicht gespart werden >>. Es sei << ohnehin ein Betrag, der nicht ins Gewicht fällt, gegenüber der Summe die für die Erwachsenen-Reha ausgegeben wird. >>

Als Kinderarzt weiterarbeiten

Mit 61 Jahren will sich der leidenschaftliche Mediziner noch nicht zur Ruhe setzen. Er will in seinem erlernten Beruf des Kinderarztes wieder Fuß fassen. Das Kapitel Reha-Klinik ist für ihn abgehakt.

<< Es war kein Zuckerschlecken >>, sagt er rückblickend, auch wenn er viele Erfolge erlebt hat und << die Zeit beruflich und menschlich sehr reichhaltig für mich >> gewesen ist. An die 35000 Patienten sind in dieser Zeit ein und aus gegangen. Als Stübing aus München nach Scheidegg kam wurde er von seinen ehemaligen Kollegen als << Kurdirektor >> geschmäht und von Krankenhauschefs beschimpft, weil er << eine Kinderheim-Stelle >> angenommen habe. Stübing gibt zu, dass der Ruf der Klinik am Boden war. << Es war tatsächlich auf Kinderheim-Niveau >>, bemerkt er. Durch seine Verbesserungen hat das Haus heute einen Ruf weit über die regionalen Grenzen und heimst Preise ein, wie den Therapiepreis der Deutschen Adipositasgesellschaft 2009.

Der bauliche Zustand sei << gewöhnungsbedürftig >> gewesen, so Stübing, der aus dem hessischen Homberg stammt. Wohnen, Arbeiten und Freizeit seien eine Einheit geworden, wie man sich das heute nicht mehr so eng vorstellen könne. Da wurden schon mal einzelne Kinder in die fünfköpfige Familie mit nach Hause genommen, oder Stübing schlief neben einem Patientenkind, da die Nachtschwester allein nicht klar kam. Auch die personelle Situation sei in den ersten Jahren << recht übersichtlich >> gewesen. Hatte der Chefarzt zunächst einen Mitarbeiter, sind es heute acht Ärzte; angefangen wurde mit einem Psychologen, heute sind es fünf. Die Bettenzahl ist, wohlgemerkt, unterdessen von 220 auf 180 reduziert worden.

Ganz abgesehen von den Physiotherapeuten, Sportlehrern und weiteren Mitarbeitern, die qualifizierte Arbeit mit den Kindern leisten << und nicht nur Spazierengehen >>, wie es Stübing vor 25 Jahren erlebt hat.

Als erstes führte der Chefarzt eine Schulung für Kinder mit Asthma und für deren Eltern ein. << Sie hatten keine Ahnung von Vorbeugung oder wie sie ihre Medikamente anwenden sollten. >> Der Hausarzt hatte sie oft mit einem Merkblatt allein gelassen. Heute ist man soweit, dass viele die Dauertherapie ambulant machen können.

Ähnlich lief es mit der allergisch ausgelösten Hauterkrankung Neurodermitis. Um die Verbesserungen langfristig aufrechtzuerhalten, wurden Kinder und Eltern im Schulungszentrum praktisch unterwiesen, wofür die Klinik als eine der ersten das Zertifikat erhielt.

Von einer << Revolution >> spricht Stübing auf dem Gebiet der Physiotherapie, indem wirksame Behandlungsmethoden im Kindesalter eingeführt wurden.

Statt freiem Spiel auf der Wiese oder Spazierengehen wurde eine programmierte Sporttherapie und Ergotherapie mit professionellen diplomierten Sportlehrern eingeführt.

Weltweit einmalig

Das Problem der übergewichtigen Kinder verschärfte sich in den Neunzigerjahren, erzählt Stübing. Er versuchte, die stationäre Behandlung zu kombinieren mit einem Schulungskonzept für zu Hause.Die Kinder wurden ständig beraten und sollten über einen Zeitraum von einem Jahr weiter das in der Klinik Gelernte umsetzen. << In einer Studie haben wir anschließend Hausbesuche gemacht >>, schildert der Chefarzt. Immerhin die Hälfte der Teilnehmer konnte weitere Verbesserungen vorweisen. Das Konzept, durch die Gründung einer Fachgesellschaft weiter vorangetrieben, machte die Klinik für Adipositaspatienten in Deutschland bekannt.

Das System der Reha-Kliniken für Kinder und Jugendliche ist weltweit einmalig. An dem einst schlechten Ruf seien die Häuser selbst schuld gewesen, stellt Stübing fest. Die Ärzte seien heute überzeugt, dass ihre Arbeit in den Fachkliniken unterstützt wird, die Eltern sehen den Nutzen daran, dass es ihren Kindern besser geht. Deswegen müsse die Reha-Idee eine Zukunft haben. Dazu müssten allerdings auch ständig die Vorzüge herausgestellt werden. Moderne Rehabilitation bedeute, den Nachwuchs im psycho-sozialen Miteinander so zu schulen, dass er den Anforderungen der schwieriger werdenden Gesellschaft gerecht werden könne. Und << das geht nicht ambulant. >>

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