125 Auto
«Das Wichtigste ist, er muss glänzen»

In unserer Rubrik «Gesichter & Geschichten» stehen Menschen im Mittelpunkt, die von besonderen Erlebnissen, außergewöhnlichen Berufen, bewegenden persönlichen Schicksalen oder besonderen Ideen berichten.

Die Schwiegermutter fährt gerne mit. Für die beiden Enkel ist es «das Höchste», verrät Walter Probst. Und Ehefrau Christa hat sich eigens einen Hut aus den Dreißigern zugelegt. Der 63-jährige Kaminkehrermeister besitzt die wohl ältesten Gefährte, die im Westallgäu noch unterwegs sind: zwei Ford-Oldtimer, produziert in den Jahren 1927 und 1929. Die Leidenschaft zu alten Dingen steckt wohl in seinen Genen. Schon als Jugendlicher begann er jahrhundertealte Schiffe nachzubauen. Ein Hobby, dem er auch heute noch frönt. Ein englisches Königsschiff steht kurz vor der Vollendung. An die 3000 Stunden Arbeit steckt in jedem der rund 20 Kunstwerke in seinem Haus.

Vor 15 Jahren konnte er im Urlaub in Kanada seine Leidenschaft zu alten Autos stillen. An einer Tankstelle sah er zufällig einen Verkaufskatalog und er wunderte sich über die aus europäischer Sicht günstigen Preise. Der Ford Sedan, Baujahr 1929, mit 45 PS aus 3500 ccm, Preisträger bei einem Schönheitswettbewerb (Best restauriertes Auto»), hatte es ihm angetan.

Für umgerechnet 10000 Euro ging das Schmuckstück über den großen Teich, nachdem die mühseligen bürokratischen und mehrere tausend Euro teuren Hürden genommen waren. Im Jahr darauf holte Probst noch das Coupé von 1927 dazu. Für den Sedan hat ihm ein Schweizer 30000 Euro geboten. «Doch der ist unverkäuflich», stellt Probst fest, den man auch als 2. Vorsitzender und Leiter der Wanderabteilung beim TSZ Lindenberg kennt.

Kein Fremder ans Steuer

Ans Steuer darf keiner außer ihm. «Das ist Ehrensache unter Oldtimerfahrern», merkt der selbständige Fachberater in Kamintechnik an. Vermutlich könne keiner den Wagen starten. Und das enorme Spiel der Lenkung erfordere viel Erfahrung, erklärt Probst, der von den Freunden «Charly» gerufen wird; ein Beiname aus seiner Musikerzeit.

Der gebürtige Mindelheimer, den es als jungen Mann erst nach Lindau dann ins Westallgäu verschlug, wartet den Wagen selbst. Bei Reparaturen vertraut er einer Oldtimerwerkstatt in Weiler. Ersatzteile sind erstaunlicherweise kein Problem: «Man kann praktisch alles, was kaputt geht, bei uns kaufen - nur einen Scheibenwischermotor nicht.» Deswegen hat er auf Handbetrieb umgestellt.

An Oldtimerrennen würde er mit seinem «Schnauferl» nie teilnehmen. Probst, der alle Automuseen in Deutschland kennt, fährt viel lieber mit bis zu 80 Stundenkilometer durchs Allgäu und an den Bodensee. Auch Brautpaare chauffiert er gern. Wenns die Rucksteig runter geht, ist alle Fahrkunst nötig, denn «die Bremsen sind zum Heulen.» Da muss die Handbremse ständig mitarbeiten. Ein plötzlich auftauchendes Hindernis könnte das Ende für das 81 Jahre alte Vehikel sein. «Unfall hatte ich noch keinen», ist Probst froh.

Vor der Ausfahrt wird gewienert, was das Zeug hält. «Eine Stunde kann das locker dauern», weiß er, denn «das Wichtigste ist, dass er glänzt». Und danach genießt der Lack erneut ein einstündige Politur. Chrom separat. Sauberkeit ist eben oberstes Gebot.

Treffen sind ein Muss

Der Lindenberger hat seine stille Freude daran, wenn die Leute schauen und winken, oder wenn andere Oldtimerfahrer den Weg kreuzen. Dann wird angehalten und geplaudert. Und die Oldtimertreffen in der Gegend sind alle Jahre ein Muss. Um die 500 Kilometer kommen da jeden Sommer zusammen.

Wahrscheinlich fliegt er im September zum Oktoberfest mit in die Partnerstadt Saline, nicht weit von der Autostadt Detroit entfernt. «Ich könnte nämlich einen neuen Motor brauchen», ist sein Hintergedanke.

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