Heimat
Auf der Suche nach dem Glück im Westallgäu

Durch die Scheibe des Kellerfensters fällt das letzte fahle Licht des Tages. Der Himmel draußen ist pfirsichfarben. Drinnen an der Decke leuchtet eine Glühbirne. An der Wand hängen der Größe nach Hammer, Zangen, Schraubenschlüssel. Unter einer Werkbank liegen in beschrifteten Kartons Kabel, Mehrfach-Steckdosen, Farbrollen und Abstreifgitter.

Jedes Teil hat seinen Platz. Herr dieser Ordnung ist ein 76-jähriger Mann, der Hans Mayr heißen soll. Er will das Gerede um ihn hier in Scheidegg im Westallgäu vermeiden und seinen richtigen Namen lieber nicht lesen, deshalb also Hans Mayr.

Im Radio singt Ed Sheeran leise und rauschend über Liebe. Mayr, blaue Latzhose, blauer Norweger-Pullover und Filzhut, deutet erst auf seine Werkstatt, dann auf die Landschaft hinter dem Fenster, den Garten, den Ausblick, schmunzelt und sagt: 'Wie soll man da nicht glücklich sein?'

Eine gute Frage. Wobei: Gerade erst haben die Vereinten Nationen ihren Weltglücksbericht vorgestellt. Deutschland landet darin auf Platz 16. Nur Platz 16. Trotz der schönen Landschaft, des Wohlstands, der Sicherheit. Ist man da schon verwundert, wird es noch wunderlicher, wenn man es genauer wissen möchte. Auch die Deutsche Post untersucht einmal im Jahr das Glücksgefühl der Menschen, allerdings ausschließlich das der Deutschen. Darin erreichen die Südbayern nur Platz acht von 19 Regionen. Trotz des schönen Landes, des Wohlstands, der Sicherheit. Wie kann das sein? Haben wir nicht alles, was man zum Glücklichsein braucht?

So leicht sollte man sich nicht als bestenfalls mittelmäßig glücklich abstempeln lassen. Irgendwo muss sich das pure Glück doch finden lassen. So beginnt eine Reise durch diesen schönen Landstrich – und sie endet im Landkreis Lindau. Den Menschen dort geht es vergleichsweise gut. Das sagen jedenfalls die Zahlen. Die Arbeitslosenquote liegt bei nur 3,1 Prozent. Das durchschnittlich verfügbare Haushaltseinkommen beträgt pro Einwohner etwas mehr als 23 100 Euro im Jahr; ein wenig mehr als der bayerische Durchschnitt.

Hinzu kommt, dass die renommierte Prognos-Studie, die jedes Jahr untersucht, wie die Zukunftschancen der deutschen Städte und Landkreise aussehen, den Westallgäuern ein sehr gutes Zeugnis ausstellt. Der Kreis Lindau landet der Studie zufolge auf Platz 25 von 402. Das ist der beste Platz in Schwaben.

Aber da ist ja noch mehr. Durchquert man als Glückssucher das Westallgäu mit dem Auto, kann man sich gut vorstellen, allein darin eine beglückende Lebensaufgabe zu finden. Kurvige Straßen ziehen sich die Hügel hoch. Hinter beinahe jeder Biegung wartet ein Fotomotiv. Mal glitzert der Bodensee in der Sonne, mal leuchten die noch schneebedeckten Berggipfel auf, mal gucken schmatzende Kühe mit weiß umkringelten Schnauzen und spitzen Hörnern dem Verkehr beim Fließen zu. Hielte man an, würden die anderen Autofahrer wahrscheinlich nicht mal hupen, so entspannt ertragen sie die ausblickssuchende Langsam-Fahrerei. Wo, wenn nicht hier, muss das Glück zu Hause sein?

'Was ist Glück überhaupt?', fragt Horst Neuner. Noch so eine gute Frage. Er ist in Scheidegg aufgewachsen. In jener Gemeinde mit ihren 4200 Einwohnern, die 2009 der Ort mit den meisten Sonnenstunden in Bayern war. Dort, wo auch die Mayrs seit 39 Jahren leben. Mittlerweile wohnt Neuner in der Nachbarstadt Lindenberg und arbeitet in Lindau. Leben in einer Sonnenregion – noch ein Punkt, der das Glück mehren müsste. 'Lässt sich das so pauschal sagen? Glück ist doch ziemlich individuell', findet der Mittfünfziger. Ihn selbst macht sein gutes Arbeitsumfeld glücklich. Und er mag es, abends über die Hügel in Scheidegg zu laufen, den Blick schweifen zu lassen, die Natur und die Ruhe zu genießen. 'Ich bin dort aufgewachsen, für mich ist das Heimat und das macht mich froh', sagt er. Grundsätzlich stimmt er der These aber zu, dass sich im Westallgäu alles finden lässt, was man zum Glücklichsein braucht. 'Alleine von der Umgebung her ist es hier wunderbar', sagt Neuner.

Für Hans Mayr liegt das Glück in seiner Werkstatt. Darin, dass er bei eisigem Wetter den Ofen in der Ecke anschüren und bei wohliger Wärme Sachen reparieren kann. Für seine Frau ist es die gute Nachbarschaft. Einmal im Jahr feiert die ganze Straße ein Fest. Alle kommen zusammen. 'Es gibt selbst gebackenen Kuchen und wir grillen. Letztes Jahr hatten wir sogar ein Feuerwerk', schwärmt Rosa Mayr, 77.

Na also: Geld allein reicht fürs Glücklichsein eben nicht. Eine Binsenweisheit? Sicherlich. Aber wenn es die Menschen hier bestätigen, umso besser. Bestätigt ja auch der Experte. 'Ganz wichtig für das Glück sind soziale Beziehungen', sagt Karlheinz Ruckriegel, Ökonom und Glücksforscher an der Technischen Hochschule Nürnberg. Also Freunde, Nachbarn, der Partner und die Arbeitskollegen. Studien zeigen dem Forscher zufolge außerdem, dass Menschen umso glücklicher sind, je toleranter und hilfsbereiter sie sind. Und nicht nur das, die Umwelt zählt auch. Die Norweger, die im Weltglücksbericht auf Platz eins stehen, schreiben ihr Glück unter anderem der Natur zu, die sie umgibt. Ein Aspekt, den die Mayrs gut verstehen können. Für sie ist es der Garten. Er ist so angelegt, dass es überall eine Sitzgelegenheit gibt. Ihre persönlichen Sonnenterrassen. Noch sind sie nicht möbliert, der Frühling hat ja gerade erst begonnen. Eine kleine Sitzecke an der Seite des Mehrfamilienhauses nutzt das Ehepaar aber das ganze Jahr. Von den Balkonstühlen aus blickt man genau gen Westen. Sieht eine sanft abfallende und wieder ansteigende Wiese und einen alten Stadel. In der Ferne zieren dunstblaue Hügel den Horizont, zwischen Bäumen glänzt der Bodensee silbrig-weiß. Über den Wiesen kreist ein Rotmilan. In den Obstbäumen am Haus sitzen Stare und trillern. 'Jeden Tag schaut der Sonnenuntergang anders aus', sagt Rosa Mayr. 'Aber das muss man auch genießen können. Viele sehen diese Schönheit schon gar nicht mehr.'

Das alles macht sie und ihren Mann zufrieden. Aber das Ehepaar weiß auch, dass das Leben nicht aus Glück allein besteht. Vor gut 25 Jahren brach bei ihm eine erbliche Nierenerkrankung aus. Beide Nieren versagten, alle zwei Tage musste er zur Dialyse 40 Kilometer ins Krankenhaus nach Friedrichshafen fahren. Die Arbeit auf dem Bauernhof, den er als Verwalter betrieb, konnte er nicht mehr ausüben. Von heute auf morgen war er seine Stelle los. Die beiden Kinder waren noch klein, es gab Probleme mit der Krankenkasse, die die Rechnungen nicht mehr zahlen wollte. 'Das waren schwere Zeiten', sagt seine Frau. Dann bekam ihr Mann eine Spenderniere. Seitdem geht es ihm wieder gut. Er fing an, auf einem Wertstoffhof zu arbeiten. Dinge, die andere Menschen wegwarfen, nahm er mit nach Hause, reparierte sie und verwendet sie bis heute. Daher auch die beeindruckende Werkstatt.

Dass auf eine Krise das Glück folgen kann, wissen auch Barbara und Albert Niemann. Vor zwölf Jahren kam die heute 50-Jährige, die Albert damals noch nicht kannte, mit ihren Kindern aus Neuseeland ins Allgäu. Ihre damalige Beziehung war in die Brüche gegangen. Ursprünglich stammt die Frau aus Unna in Nordrhein-Westfalen. Weil Teile ihrer Familie im Westallgäu lebten, zog sie hierher. Nun betreibt sie in Lindenberg zusammen mit ihrem Mann ein Geschäft namens 'Herzlich'. Ein Laden, in dem es alles gibt, was das Leben schöner macht. Bunte Schüsseln und Teller, Vasen und Tücher, Räucherstäbchen und Tee, Teppiche und Möbel. 'Ich fühle mich hier sehr wohl. Sogar die Gülle riecht besser als in NRW', scherzt sie. 'Und die Allgäuer sind wahnsinnig freundlich.'

Zum Laden gehört ein Café. Es gibt Bio-Kaffee aus Äthiopien und täglich frisch gebackenen Kuchen. Die Gäste sitzen auf antiken Polstermöbeln mit blumigen Mustern. Aus den Lautsprechern klingt gedämpfte Akustik-Musik. Zwanzig Minuten eingesunken in die weichen Kissen reichen aus, und die Polstermöbel haben den Stress, mit dem man gekommen ist, aufgesogen.

'Ich hatte Foto-Entwürfe des Ladens seit Jahren als Collage an meiner Tür hängen', erzählt Niemann. 'Meine Kinder haben immer gefragt, wann der Traum endlich wahr wird.' Vor zwei Jahren war es so weit. Seitdem steht Niemann jeden morgen um sieben in der Küche und backt. 'Früher habe ich mich nicht so fürs Backen interessiert. Jetzt teste ich neue Rezepte aus und kann mir nichts Schöneres vorstellen.'

Ihrem Mann geht es ähnlich. Er ist Elektrotechniker, hat lange Zeit hochwertige Küchen gebaut. Als das Paar vor zwei Jahren den Laden eröffnete, wollte er erst nebenher noch arbeiten. Das ging aber nicht. Er kündigte und brüht seitdem Espresso, schäumt Milch und baut die Einrichtung des Ladens selbst.

Auch er ist rundum zufrieden. Zufrieden mit seinem ganz persönlichen Glück. 'Glück ist für mich, selbstbestimmt zu sein', sagt er. Seine Frau nickt und sagt: 'Ich glaube, wir sind die glücklichsten Ladenbesitzer in Lindenberg.'

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