Lebenslinien
Ananda Baumann macht in Ostafrika ein sechsmonatiges Praktikum - Eltern stammen von dort

Das Gefühl als würde man nach Hause kommen. Als Ananda Baumann aus dem Flugzeug steigt und in Kigali ankommt, ist sie nicht aufgeregt wie bei anderen Reisen. Die Studentin, die in Konstanz Politik- und Verwaltungswissenschaft studiert, macht ein sechsmonatiges Praktikum im Innenministerium von Ruanda. Es steht ihr kein normaler Auslandsaufenthalt bevor, sie besucht ihr zweites Zuhause. «In mir schlägt ein deutsches und ein ruandisches Herz», beschreibt die 23-Jährige aus Opfenbach ihr Verhältnis.

Vater baute SOS-Kinderdorf

Die Mutter von Ananda Baumann stammt aus Ruanda, ihr Vater baute 1978 ein SOS-Kinderdorf in der Hauptstadt Kigali. Trotzdem ist Ananda noch nie in Ruanda gewesen. Zum ersten Mal in ihrem Leben sieht sie ihr Herkunftsland und lernt ihre Verwandten kennen.

Erst mit 23 hat sie die Möglichkeit und den Willen nach Ruanda zu reisen. Vorher war es teilweise zu gefährlich, in dem ostafrikanischen Land tobte ein Bürgerkrieg. Ihre Eltern waren schon 1983 nach Deutschland gegangen. Ananda und ihre Geschwister sollten in einem sicheren Land aufwachsen. Als erwachsene Frau fängt sie an über ihre Herkunft nachzudenken. Sie befasst sich mit der ruandischen Geschichte, liest Bücher und Artikel, schaut wissenschaftliche Filme. Gerade wegen ihres Studiums interessiert sie sich sehr für politische Themen aus Ruanda - Bürgerkrieg, den Genozid (Völkermord) und die Demokratie in Afrika.

Deshalb entscheidet sie sich im Rahmen ihres Studiums genau dorthin zu fliegen.

Als sie ihre ruandische Verwandtschaft kennen lernt, << spürt sie sofort die Verbindung zu ihnen >>, auch wenn sie sich mit der Verständigung auf Französisch noch schwer tut. Sie wird auch an ihrem Arbeitsplatz herzlich empfangen, wie ein Teil einer großen Familie. Das SOS-Kinderdorf, das ihr Vater erbaut hat, ist inzwischen viel größer geworden, der robuste Bau hat den Krieg 1994 gut überstanden. Mit einer Beschäftigten, die sich an Anandas Vater erinnern kann, macht sie sich auf die Suche nach alten Bildern. << Leider wurden alle Materialien während des Genozids vernichtet, auch viele Arbeiter von damals verloren ihr Leben >>, berichtet sie. Trotzdem sei es großartig, das Werk des Vaters zu sehen.

Ein unvergesslicher Tag in Ruanda ist für Ananda der 7. April und die Eröffnungszeremonie der Gedenkwoche an den Völkermord 1994. Sie und ihre Kollegen gehen in das Amahoro-Stadium. Es werden Bilder des Genozids eingespielt, Überlebende erzählen von ihren Erlebnissen, Sänger singen über den Genozid. << Die emotionale Spannung in diesem mit tausenden trauernden Menschen gefüllten Stadium war so stark, dass selbst ich Gänsehaut bekam >>, erzählt Ananda.

Die letzten drei Monate hat Ananda viel gearbeitet, ist in Ruanda herumgereist. Beeindruckend war die Reise ins Nachbarland Burundi an den Tanganyka-See. Viel Zeit hat sie mit ihrer Familie, ihrer Tante und Cousins verbracht.

Eine Besichtigung der Villa des ehemaligen Diktators und der umliegenden Gefängnisse, in denen Völkermörder eingeschlossen sind, war für die Studentin << beeindruckend >>. Eines der sieben Gefängnisse ist international, dort sitzen auch Kriegsverbrecher aus Sierra Leone ein. Ananda bekam die Möglichkeit mit einem der Insassen zu sprechen.

Obwohl sie weit entfernt von Deutschland ist, lernt sie auch interessante Leute aus Deutschland kennen. Den ehemaligen Bundespräsidenten Horst Köhler trifft sie auf dessen Konferenz, bekannt ist ihr nun auch der Chef der KfW-Bank in Ruanda, die sich für die ökonomische Entwicklung in Dritte-Welt-Länder einsetzt.

Bis August ist sie offiziell in Ruanda gewesen, doch ihr nächstes Semester beginnt erst im Oktober. So bleibt der 23-Jährigen noch viel Zeit, um in Afrika herumzureisen. Reizend findet sie Uganda, Burundi und vielleicht Tansania oder Kenia. Falls es sich mit einem Job ergeben würde, könnte sie sich auch vorstellen ein paar Jahre dort zu leben.

Ihre Reise hat Anandas Leben und Einstellung zu Ruanda verändert. Sie erkennt Gemeinsamkeiten zu den Ruandern. Ihre zweite Herkunft merkt sie nicht mehr nur an ihrem Aussehen, sie hat sie in ihr Herz geschlossen.

Anandas Blog im Internet:

www.ananda-rwanda.blogspot.com

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