Die Blütezeit der Städte
Wenn Stadtluft frei macht

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Um ihren Sohn mit einer guten Partie zu verheiraten, fehlen der Bauernfamilie Ansehen und Mittel. Auch für eine Lehre bei einem Handwerker mangelt es am Lehrgeld.

Wie viele junge Menschen im Mittelalter, sieht der Bursche aus dem Kaufbeurer Umland einem Leben ohne Perspektiven entgegen. Zumal der elterliche Hof ja noch nicht einmal der Familie gehört. Sie sind, wie es damals die Regel ist, nur Pächter auf dem Land, das einem reichen Grundherren gehört - meist einem Kloster, Bischof oder einem Adeligen.

Das Leben ist zu dieser Zeit karg und unerbittlich, für uns eine unvorstellbar harte Zeit, sagt der Kaufbeurer Stadtarchivar Dr. Stefan Fischer. Gleichzeitig spricht er aber von einer Blütezeit Kaufbeurens in den Jahrzehnten von 1450 bis 1520.

Auch in anderen Reichsstädten wie Memmingen, Kempten und Lindau geht es damals aufwärts: Es herrscht meist Friede, der Handel floriert und die Menschen bauen rege. Also versuchen viele Landbewohner ihr Glück lieber in der Stadt, auch unser Ostallgäuer Bauernsohn. Dort kann ihn sein Grundherr zudem nicht finden - Stadtluft macht also nicht nur sprichwörtlich frei.

Die Städte bekommen zu dieser Zeit ein Gesicht, das sie über Jahrhunderte behalten, und das wir ihnen heute noch ansehen. Zum Beispiel Memmingen: Die heutige Altstadt schließt sich im 15. Jahrhundert, sagt Christoph Engelhard vom Memminger Stadtarchiv. Alle wichtigen Handwerker, Händler und Arbeiter wohnen dann innerhalb der Stadtmauer.

Gebäude entstehen nun aus Stein

Das war nicht immer so: 2015 graben Archäologen Keramiken aus, die sich bis etwa 1150 zurückdatieren lassen. Sie zeugen davon, dass zur Zeit der Kreuzzüge noch viele Bauern und Handwerker vor den Toren der Stadt leben. Pfostenlöcher lassen auf einfache Holzhütten schließen.

Die Blüte des mittelalterlichen Memmingens tritt ab dem späten 13. Jahrhundert ein. Wann die Stadtmauer sich endgültig schließt, ist zwar nicht bekannt. Doch umringt sie schließlich auch die ehemaligen Vorstädte, die an den Straßen nach Norden und Süden, also in Richtung Kempten und Ulm liegen. Zudem entstehen die meisten Bauten nun aus Stein.

Das gilt auch für Kaufbeuren. Nach einem verheerenden Brand im 14. Jahrhundert bauen die Bürger ihre Stadt neu auf - diesmal größtenteils aus Stein. Ziegel auf den Dächern treten an die Stelle von Stroh. Die Leute erkennen Zusammenhänge besser und fangen an, weiter vorauszublicken, sagt Historiker Fischer. Wie in Memmingen spielt Textil eine wichtige Rolle für den Aufschwung: Die Allgäuer des Mittelalters produzieren und veredeln Stoffe, das Handwerk der Weber erlebt einen nie da gewesenen Schub.

Als wichtiger Rohstoff dient ihnen Flachs. Diese Pflanze stellt wenige Ansprüche an ihre raue Umgebung. Aus ihr stellen die Handwerker Leinen her, gewinnen blaue Farbe und dazu noch Öl. Dabei fallen auch viele Hilfsarbeiten an - Kräfte wie unser landflüchtiger Bauernsohn sind also gefragt. Die Bewohner der Region müssen die Stoffe jedoch nicht nur herstellen und veredeln, sondern auch verkaufen.

Die Verkehrswege zwischen den Städten und auch über die Alpen sollen daher sicher sein. Dass es plötzlich Leute gibt, die sehr viel Geld haben, löst natürlich Unbehagen aus, sagt Fischer. Trotzdem gehören die meisten Geschichten von Raubrittern im Allgäu für ihn ins Reich der Mythen.

Wichtige Verkehrsknotenpunkte

Wie wichtig die Fernstraßen sind, zeigen die Beispiele der Städte Memmingen und Lindau. Sie liegen an Verkehrsknotenpunkten, profitieren vom Fernhandel und wandeln sich früher als Kempten, wo noch immer der mächtige Fürstabt dominiert. Doch auch Kaufleute aus der größten Stadt im Allgäu reisten ab dem 13. Jahrhundert bereits vermehrt nach Meran in Südtirol.

Eine rege Beziehung nach Norditalien pflegen auch die Lindauer Kaufleute. Die Inselstadt Lindau liegt verkehrsgünstig, sagt Stadtarchivar Heiner Stauder. Am Nordufer des östlichen Bodensees treffen sich zwei Straßen und das Rheintal führt zu den Alpenpässen San Bernardino und Splügen.

Um 950 entsteht auf dem Festland vor der Insel ein Markt. Der Grund und Boden gehört einem Frauenkloster auf der Insel. Dorthin wird um 1079 aus Sicherheitsgründen auch der Markt verlegt. Aus ihm entwickelt sich die Stadt, die sich bis um 1400 vom Kloster emanzipiert und zur Reichsstadt aufsteigt.

Wirtschaftliches Zentrum ist der Hafen. Spätestens ab dem frühen 13. Jahrhundert findet dieser sich an der gleichen Stelle wie heute. Denn lange ziehen die Menschen den Seeweg dem beschwerlichen Transport über Land vor. Auch die Inselstadt blüht vor allem in der Zeit um das 15. Jahrhundert auf.

Autor:

Frank Eberhard aus Kempten

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