Dunkelcafé
Musikverein Bösenreutin veranstaltet Treffen von Blinden und Sehenden in absoluter Dunkelheit

'Die Kuchengabel hab ich schon gefunden' - so einen Satz hört man in einem normalen Café eher nicht. Im vom Musikverein Bösenreutin veranstalteten Dunkelcafé schon. Denn plötzlich ist nichts mehr so, wie es war. Weil es stockdunkel ist. Weil die Gäste sich ein Bild davon machen sollen, wie es wäre, wenn sie nicht mehr sehen könnten.

Und plötzlich sind die Menschen mit Augenlicht die Geführten. Geführt von Marie-Luise Schiegg, die blind ist. Im Gänsemarsch geht es durch die Dunkelschleuse Richtung Proberaum. Jeder legt eine Hand auf die Schulter seines Vordermannes, um dann einen Fuß vorsichtig vor den anderen zu setzen.

Sicherheit gibt ihnen einzig Schiegg, die Organisatorin des Dunkelcafés, die auch Blinden- und Sehbehindertenbeauftragte des Landkreises Lindau ist. Sie kennt sich aus im Dunkeln. "Vorsicht, jetzt kommen drei Stufen", sagt sie. Um dann jeden einzelnen an der Hand zu nehmen und ins Café zu führen, ihn Stuhllehne und Sitzfläche an seinem Platz ertasten zu lassen.

Geschafft. Schon beim Hinsetzen fühlt man sich etwas erleichtert, versucht sich zu orientieren. Was kommt jetzt? Jetzt kommt Kaffee und Kuchen. Wer serviert? Keine Frage: Die Frau, die sich im Dunkeln auskennt. Gespräche kommen in Gang und Vermutungen, dass man wahrscheinlich diesmal kleckern wird. Wo steht bloß die Milch? Wie rückt man der Himbeersahnetorte zu Leibe oder den anderen leckeren Kuchen?

"Was ich mit der Gabel nicht erwischt habe, habe ich in die Finger genommen", berichtet eine Bösenreutinerin hinterher. "Unsicher" habe er sich gefühlt, bekennt Alfred Kern aus Zeisertsweiler. Besonders als die Stufen kamen. Durch so ein Erlebnis komme man erst drauf, wie gut man es selber hat, sagt Kern. Den anderen Gästen geht es ebenso. Alle sind jetzt froh und dankbar, dass sie sehen können. Was vorher eine Selbstverständlichkeit war.

Tastatur für Blindenschrift

Aber sie erfahren bei der sehr gut besuchten Veranstaltung auch, dass Blindsein kein Schicksal ist, das einen von allem ausschließt. Walter Bannert aus Altusried führt ihnen an seinem Computer vor, wie er E-Mails und Nachrichten lesen kann. Der PC übersetzt sie in Sprache und Blindenschrift auf der Tastatur-Zeile. Zum Schreiben benutzt Bannert die normalen Tasten.

Eine gewohnte Übung, hat er doch beim Fernmeldeamt und der Telekom gearbeitet. Er informiert über die Möglichkeiten Zeitung zu lesen. Die gibt es auch in Lindau, erklärt Linda Schemm. Hier lesen engagierte Privatpersonen Artikel aus Lokalzeitungen auf CD. In der Seniorenbegegnungsstätte "Wallstüble" lässt sich dann von Sehbehinderten abhören, was es zwischen Bodensee und Westallgäu Neues gibt.

Eine Initiative des BRK Lindau in Zusammenarbeit mit dem Blindenbund, an der sich auch Schemm beteiligt.

Anneliese Elsner aus Dietmannsried kennt Walter Bannert schon 54 Jahre. Sie ist mit ihm in die Schule gegangen. In die Blindenschule in Augsburg, von der die Kinder nur in Ferienzeiten nach Hause kamen. Also war die Schule so etwas wie die Familie. Das verbindet die beiden. Ebenso die Einstellung, das Beste aus ihrem Schicksal zu machen. Elsner hat sich der Handarbeit verschrieben.

Vor ihr auf dem Tisch liegen gehäkelte und gestrickte Spitzendeckchen, ein Kleid, ein Schal und eine mit Perlen versehene Handtasche. "Ja, wie können sie das selber machen - Sind sie wirklich ganz blind?", fragt eine Besucherin ungläubig. Anneliese Elsner kann das. Auch Tischkarten in Braille-Schrift drucken, wie sie ein jeder Café-Gast erhält. Oder Mensch-ärgere-dich-nicht spielen auf einem speziellen Brett.

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